Unytpische Ultras und Frühsommerfans

Obwohl so ziemlich jedes Team von den Serie-D-Amateuren bis zu den Titelaspiranten seine eigene Ultràgruppierung hat, bekam die Squadra Azzurra bisher kaum organisierte Unterstützung.
Jakob Rosenberg | 13.05.2008
Der Autor Giovanni Francesio konstatiert in Tifare Contro, der jüngsten Publikation zur Geschichte der Ultrà: »Sei es der Lokalpatriotismus, sei es der Antagonismus, aber die Ultras haben sich nie für Italien interessiert, ganz im Gegenteil.« Mit anderen Worten steht der eigene Klub im Vordergrund. Die Identifikation mit einer selten oder da und dort spielenden Nationalmannschaft ist wesentlich schwieriger, als wenn es um das uralte Duell der unmittelbaren Nachbarschaft geht wie zwischen Livorno und Pisa oder um die Auseinandersetzung zweier Lebenswelten wie bei Verona gegen Napoli.


WIKINGER UND ULTRAS

Dennoch gibt es in letzter Zeit auch aus der Welt der Ultras Versuche, die organisierte Unterstützung der Azzurri voranzutreiben. Carlo Balestri vom Progetto Ultrà erklärt sich diesen neuen Trend damit, dass »die Kurven früher anarchistischer und daher auch gegen jegliche Form des Nationalismus waren«. Die ersten Schritte setzten die Viking Italia, ein loser Zusammenschluss einiger Viking-Gruppen (u. a. Lazio, Ravenna, Salernitana und Real Madrid) unter dem Slogan »Elitarismus, Kohärenz, Nationalismus«. Ziel war aber nicht nur eine Unterstützung der Nationalmannschaft, sondern man plante, diese als Vehikel zur verstärkten Kooperation diverser Viking-Gruppen zu verwenden. Dieser erste Versuch wurde rasch von einer anderen Idee und den Ultras Italia abgelöst, die bei der EM 2004 ihren ersten großen Auftritt hatten. Sie verstehen sich als reine Unterstützung der Nazionale und legen großen Wert darauf, ihre alltägliche Ultrà-Identität zu Hause zu lassen. Erkennungsmerkmal ist, nach dem englischen Modell, die italienische Tricolore mit der Bezeichnung der jeweiligen regionalen Herkunft. Als Geburtsort der Ultras Italia gilt der italienische Nordosten und speziell Verona, das für seine oft rassistischen Fans bekannt ist. Vor der WM 2006 berichtete etwa die Tageszeitung Il Manifesto von starken Verbindungen der Ultras Italia zur rechtsextremen Szene um die faschistische Kleinstpartei Forza Nuova. Balestri bestätigt diese rechten Tendenzen, warnt aber vor Verallgemeinerungen: »Nicht alle teilen diese Ideen, oft handelt es sich auch nur um einzelne Ultrà, die die Nazionale unterstützen wollen. Der Zulauf zu den Ultras Italia hält sich insgesamt aber stark in Grenzen. Sie können mit der Unterstützung von maximal 600 Personen rechnen.«

BURGFRIEDEN GEGEN

EXTERNE VERSCHWÖRUNGEN

Obwohl bei den Ultras die Gleichgültigkeit gegenüber der Nationalmannschaft nach wie vor überwiegt, kann das nicht von ganz Italien gesagt werden. Desinteresse dominiert zwar auch bei den unwichtigen Freundschafts- und Qualifikationsspielen. Zu störend sind die Spiele für den Ligaalltag und zu hoch das Verletzungsrisiko möglicher Stammspieler im Titelkampf. Die meisten Heimspiele der Azzurri werden daher in kleineren Städten wie Bari, Bergamo und Modena ausgetragen, um das Stadion vor allem mit Familien zu füllen. Anders jedoch bei Großturnieren, wenn sich immer genügend Frühsommerfans finden und enorme Erwartungshaltungen regieren. Erfolge wie der WM-Titel 1982, symbolisiert durch das Bild des Kartenspiels von Tormann Dino Zoff, Flügelstürmer Franco Causio, Trainer Enzo Bearzot und Staatspräsident Sandro Pertini auf dem Heimflug mit dem WM-Pokal im Hintergrund , haben sich fest ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Ebenso wie schmerzhafte Niederlagen gegen Underdogs. Korea dürfte es den Italienern dabei besonders angetan haben: War es 1966 noch der Norden, wurden die Azzurri 2002 vom Süden frühzeitig heimgeschickt. Debakel, für die aber in den seltensten Fällen die Mannschaft, sondern vielmehr externe Kräfte verantwortlich gemacht werden. War es 2002 noch der ecuadorianische Schiedsrichter Byron Moreno, musste 2004 die skandinavische Verschwörung als Rechtfertigung herhalten. Aber auch wenn es wie bei der WM 2006 besser läuft, beweist der italienische Nationalismus seine Funktion zur Sicherung des Burgfriedens. Vor der WM galt der über seinen Sohn in den Calciopoli-Skandal verwickelte Marcello Lippi als sicherer Rücktrittskandidat. Nach dem Titelgewinn war er ein Messias, der Italiens Fußball vor dem Zusammenbruch bewahrt hatte.


PFIFFE UND PO-PO-PO

Fixer Bestandteil des nationalen Schulterschlusses sind die ausgiebig zelebrierten Schmähungen der Gegner. Dehnbar ist allerdings das Nationenverständnis. Wurde etwa beim Eröffnungsspiel der WM 1990 noch die argentinische Hymne des Neapolitaners Maradona vom Mailänder Publikum ausgepfiffen, wurden die jüngsten Pfiffe gegen die »Marseillaise« beim EM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich im September 2007 mit Provokationen gegen die Azzurri erklärt. Seit der letzten WM geben Italiens Tifosi aber nicht nur durch Pfiffe den Ton an. Immerhin können sie sich damit rühmen, das po-po-po (»Seven Nation Army«) der White Stripes in den Fußballstadien populär gemacht zu haben. Allerdings mindert ein kleiner Schönheitsfehler diese Leistung. Wenn es nach den Ultras des Drittligisten Juve Stabia geht, haben die Tifosi der Squadra Azzurra lediglich den Gesang ihrer Kurve plagiiert.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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