Sportsfreund oder Spekulant?

Frank Stronachs Leidenschaft für Fußball, Pferde und Golf ist meist mit handfesten Immobilienprojekten verbunden.
Reinhard Seiss | 01.09.2005
Ein gewisser Hang zum Feudalen ist Frank Stronach nicht abzusprechen. Zum einen ist da die an mittelalterliche Fürstbischöfe gemahnende Machtfülle, mit der er als Boss von Austria Wien und zugleich auch der Österreichischen Bundesliga auf den neuzeitlichen Anspruch der Gewaltenteilung pfeift; zum anderen sein Führungsstil als Patriarch des Weltkonzerns Magna auf den Punkt gebracht durch die »Goldene Regel« des Milliardärs: »Wer das Gold hat, macht die Regel.«
Feudal muten auch Stronachs wirtschaftliche Aktivitäten an: Wie zu Zeiten des Lehenssystems basiert ein wichtiger Teil seines Erfolgs auf dem Erwerb von Grund und Boden und dem, was er daraus mit Hilfe oder auch auf Kosten Dritter macht.

 

Erfolgreich mit Hilfe der Politik

 

Baulich manifestiert sich das Gemüt des Austro-Kanadiers in Form seiner Europa-Zentrale im niederösterreichischen Oberwaltersdorf. Was er dort als Firmensitz errichten ließ, wirkt wie ein Zitat europäischer Adelspaläste. 25 Autobahn-Kilometer außerhalb von Wien kaufte Stronach in großem Stil billiges Grünland auf, das die Gemeinde willfährig in Bauland umwidmete und allein dadurch in seinem Wert um Millionen steigerte. Bis heute hat sich Stronachs Marge auf diesem Standort noch vervielfacht, entstand hier doch unmittelbar neben dem Magna-Headquarter der Wohnpark Fontana. Grundstückspreise von bis zu 260 Euro pro Quadratmeter und die stolze Summe von knapp 600.000 Euro für eine schlüsselfertige Villa im Südstaatenstil machen das Wohnen inmitten der 75 Hektar großen 18 Loch-Golfanlage zum exklusiven Ressort für betuchte Ärzte, Richter und Top-Manager.
Nur zehn Kilometer weiter, in der Gemeinde Ebreichsdorf, ebenfalls an der Autobahn, plante Stronach ein weiteres Paradies dieses Mal für die breite Masse: Eine 140 Meter hohe Weltkugel hätte pünktlich zur Jahrtausendwende als Teil eines einzigartigen Motiv-Freizeitparks eröffnet werden sollen. Dass das verkehrs- und raumplanerisch unverantwortliche Großprojekt inmitten eines ökologisch wertvollen Feuchtbiotops trotz massiver politischer Unterstützung von Landes- und Gemeindeebene scheiterte, dürfte Stronach nicht allzu sehr kratzen, zumal der Pferdeenthusiast auf dem billig erworbenen Gelände immerhin sein stets als Beiwerk gehandeltes Hippodrom, das Magna Racino, realisieren konnte was dem Land Niederösterreich prompt eine Rüge der EU wegen Missachtung des Umwelt- und Wasserrechts einbrachte.

 

Drive-in-Shopping-und-Entertainment-Stadion

 

»Fordere das Maximum, dann erhältst Du das Optimum«, scheint Stronachs Motto auch in Wien zu sein. Hier scheint man auf politischer Ebene bereit, die übergeordneten Grundsätze der Stadtentwicklung über den Haufen zu werfen, um dem Mäzen der Wiener Austria den Wunsch nach einem neuen Stadion zu erfüllen auch wenn es in dieser Stadt Fußballarenen gibt, die öfter ausverkauft sind als die Tribünen am Verteilerkreis. Als Standort wurde der Südrand Wiens auserkoren, genauer die Gegend um Rothneusiedl, wo die beiden Grundbedingungen für Stronachsche Investitionen gegeben sind: weitläufiges Grünland und unmittelbare Nähe zur Autobahn. Denn zum einen stellt dieses Gebiet die mit Ausnahme des Wienerwalds größte zusammenhängende Grünfläche südlich der Donau dar und damit ein Herzstück des schützenswerten Wald- und Wiesengürtels der Stadt. Zum anderen wird hier entlang der Landesgrenze zu Niederösterreich gerade die Wiener Außenring Schnellstraße S1 gebaut, um die heillos verstopfte Südosttangente zu entlasten.
Es überrascht kaum, dass Stronach nicht nur an ein Fußball-Oval für 20.000 bis 30.000 Zuschauer denkt, sondern auch an ein Shopping und Entertainment Center mit ursprünglich 120.000 Quadratmeter Handelsfläche. Diese überzogenen Vorstellungen ermöglichten ihm in gewohnter Manier, von seinen Ideen einige Abstriche zu machen, ohne wirklich etwas zu verlieren: Als sein Vize-Präsident, Ex-SPÖ-Bundesgeschäftsführer Andreas Rudas bei den Parteifreunden im Wiener Rathaus das Projekt Rothneusiedl präsentierte, wandte Bürgermeister Michael Häupl ein bekennender Austrianer laut einem Stadtplanungsbeamten nur ein, dass das Einkaufszentrum ein bisschen kleiner ausfallen sollte. Immerhin entsprächen 120.000 Quadratmeter Handelsfläche der Kaufkraft einer ganzen Stadt wie Salzburg und das nur vier Kilometer entfernt von Europas größtem Konsumtempel, der Shopping City Süd.

 

Wider jede stadtplanerische Vernunft

 

Nicht nur, weil ein Einkaufszentrum dieser Größenordnung den Todesstoß für die letzten verbliebenen Geschäftsstraßen Wiens bedeuten würde, stellt das Projekt Rothneusiedl einen planungspolitischen Sündenfall dar. So widerspricht es jeglicher Logik, an einer als Transitumfahrung geplanten Schnellstraße neue Verkehrserreger anzusiedeln da so auch diese Route alsbald überlastet sein wird. Auf der niederösterreichischen Seite der S1 erließ man daher ein Bauverbot entlang der Schnellstraße. Wien dagegen legt noch ein Schäuferl nach und will verkehrsplanerisch durch nichts zu rechtfertigen die U-Bahn-Linie 1 bis an den südlichen Stadtrand verlängern. Damit werden die Äcker rund um Rothneusiedl zu optimal erschlossenen Standorten an einem Knotenpunkt hochrangiger Verkehrswege auf Kosten der öffentlichen Hand, zum Schaden der Stadt und zur Freude von Frank Stronach.
Wie unnötig die auch vom Rechnungshof harsch kritisierte Erschließung und Verbauung der letzten Grünreserven am Südrand Wiens ist, zeigt nicht zuletzt das Überangebot an brachliegenden Entwicklungsflächen innerhalb der Stadt. Sei es das 70 Hektar große Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs, sei es das auf halbem Weg zwischen City und Flughafen gelegene Areal des alten Aspang-Bahnhofs. Mehrere bereits durch U- und S-Bahn erschlossene Standorte harren seit Jahren ihrer Verbauung. Diese Grundstücke scheinen dem milliardenschweren Sportsfreund allerdings zu teuer zu sein. Offiziell heißt es, dass es den traditionsbewussten Austria-Fans nicht zumutbar sei, Favoriten zu verlassen obschon die Violetten in ihrer Geschichte gleich mehrmals den Bezirk gewechselt haben. So waren sie auch im Prater heimisch, wo es heute bekanntlich ein ausreichend großes und kaum benütztes Stadion gäbe. Dessen Entertainment-gerechter Umbau um den Sport selbst soll es nach amerikanischem Vorbild künftig nur noch zweitrangig gehen sei laut Magna aber zu aufwendig.

 

Mehr Schaden als Nutzen

 

Im Weg stehen einer Verbauung Rothneusiedls nur noch die Grundeigentümer, die nach den Erfahrungen von Oberwalters- und Ebreichsdorf zu wissen scheinen, dass ihr Grünland bald sehr viel mehr Wert sein wird als ein gewöhnlicher Acker was Andreas Rudas bereits nach Lösungsmöglichkeiten suchen lässt: Entweder, so der Magna-Manager sinngemäß, bedürfe es öffentlicher Zuschüsse oder aber öffentlichen Drucks zur nötigen Beschleunigung des Projekts. Im Rathaus scheint es ohnehin niemanden zu kümmern, dass Stronach eine Attraktion nach der anderen aus dem Stadtgebiet Wiens abzieht. Zunächst fiel der Rennbetrieb auf der traditionsreichen Galoppbahn in der Freudenau dem Magna Racino zum Opfer und der Trabrennbetrieb der Krieau wird wohl ebenfalls bald vollends nach Ebreichsdorf abwandern. Wenn nun auch das Ernst Happel-Stadion von einem Stronachschen Entertainmentcenter konkurriert wird, ist es mit der von der Wiener Stadtplanung gepriesenen Entwicklungsachse Messe-Prater-Stadion-Krieau nicht mehr weit her. Immerhin aber sind die überkommenen Sportstätten im Prater dann ab 2008 mit der U2 erreichbar ...                            

Reinhard Seiß ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien.

Referenzen:

Heft: 18
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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