Scheiss EM 2008

Verschärfte Überwachung, aufgerüstete Polizei, umstrittene Sondergesetze die Auswirkungen der EM auf gesellschaftliche Bereiche sind enorm. In einigen Fankurven Österreichs und der Schweiz hat sich schon früh Unmut gegen das Großereignis breitgemacht. Ein Überblick.
Clemens Schotola | 13.05.2008

SK Rapid: Scheiss EM!

 Laut Kurier sind die Ultras Rapid gegen die EM, weil sie keine Karten bekommen. Das ist falsch: Schon am 30. November 2002, also zwei Wochen vor der EM-Vergabe, protestierten die UR beim Auswärtsspiel in Bregenz mit dem Spruchband »Pro Fankultur Contra EM08«. Weiters wurde bereits zu diesem frühen Zeitpunkt versucht, die restlichen Stadionbesucher durch Flugblätter zu sensibilisieren. Im Fokus der Kritik: die Kommerzialisierung und die steigende Repression.


»Es ist unbestritten, dass Spiele der Bundesliga zu Testzwecken der Exekutive herangezogen werden. Es werden Szenarien heraufbeschworen, in denen die Einsatzkräfte für den Ernstfall bei der EM proben können«, erklärten die Ultras gegenüber dem ballestererfm. So wurde im Frühjahr 2006 folgendes Spruchband präsentiert: »Unsere Derbys sind keine Testläufe für eure Scheiß EM«. Die Ultras zeigten sich auch international als Botschafter der Leidenschaft: Zum UI-Cup-Spiel gegen Rubin Kasan flogen sie in T-Shirts mit dem Aufdruck »Scheiß EM 2008«. Ein Slogan, der in den folgenden Monaten zur Trademark werden sollte. Im Auswärtsspiel gegen Wacker Innsbruck Ende 2007 zeigten die Ultras eine Zaunfahne mit oben genannter Aufschrift sowie entsprechende Doppelhalter. Der Höhepunkt der Anti-EM-Aktivitäten folgte im Februar dieses Jahres. Mit einer großen Überziehfahne teilten die Ultras Rapid nochmals ihre Meinung bezüglich Euro mit: Scheiß EM 2008!

Wacker Innsbruck:

Gute Nacht EM08

Während in der österreichischen Bundesliga schon die ersten Spruchbänder gegen die EM gezeigt wurden, gondelten die Fans des FC Wacker noch in der Regionalliga herum. Auch wenn auf visuelle Mittel im Stadion verzichtet wurde, bezogen die Fanklubs der Tivoli Nord früh Stellung. Hauptkritikpunkt in den Texten, die auf der Homepage der Verrückten Köpfe und auf Flugblättern erschienen, war der drohende Sicherheitswahn. »Der Fußballfan wird ausschließlich als Sicherheitsrisiko konstruiert«, beklagten die VK den einseitigen Fandiskurs.
Es wurden aber auch Lösungsvorschläge präsentiert und die EM als Chance gesehen, professionelle Fanarbeit in Österreich zu ermöglichen. »Fanbetreuung (in Österreich) ist gleichgesetzt mit ordnungspolitischen, polizeilichen Maßnahmen«, kritisieren die Verrückten Köpfe den Status quo. Und weil eine ultraorientierte Kurve dann doch nicht ganz ohne Spruchbänder auskommt, stand das Heimspiel gegen RB Salzburg im März unter dem Motto »Gute Nacht EM08«.



Choreo in Ried,

Spruchbänder in Salzburg

Obwohl in den restlichen Fankurven Österreichs eine tendenziell ablehnende Einstellung gegen die EM herrscht, blieben große Aktionen weitgehend aus. In Ried gab es allerdings im Frühjahr 2006 die erste Anti-EM-Choreographie in Österreich zu bestaunen. »Für Fußball mit Herz. Gegen EM-Kommerz!«, lautet die Forderung der Supras. Doch es sollte die einzige Aktion bleiben. »Uns geht die EM am Arsch vorbei. Das liegt vielleicht daran, dass wir keine Austragungsstadt sind«, meint ein Vertreter der Glory Boys. Ähnliches gilt für Graz. Die Brigata von Sturm nimmt keine offizielle Position zur EM ein. Allerdings sieht man sich schon beeinflusst durch die steigende Repression und »irrwitzige Sicherheitspläne«. Die Fans von Austria Salzburg beteiligten sich 2002 mit Spruchbändern an der Schweizer Aktion »Wenn die EM kommt, geht die Fankultur«. Mittlerweile hat die violette Fanszene den Bundesligafußball verlassen und blieb in den Niederungen des Unterhausfußballs vom EM-Sicherheitswahn verschont. Beim LASK ist die Sache nicht so klar, galt das Nationalteam doch jahrelang als »Ersatzeuropacup«. Doch auch in Linz zeigt man sich froh, »wenn das Ganze vorbei ist«.

Schweiz: Frühe Proteste,

vereinsübergreifende Initiativen

Auch in der Schweiz formierte sich schon vor der Vergabe der Widerstand gegen die EM und die dadurch drohenden Gesetzesverschärfungen. Im Zuge der vereinsübergreifenden Aktion »Wenn die EM kommt, geht die Fankultur« gab es schon im November 2002 erste Proteste. Allerdings beschränkte sich die Beteiligung größtenteils auf die deutschsprachigen Landesteile.


Im Gegensatz zu Österreich nahmen die direkt auf die EM bezogenen Proteste mit dem Näherrücken des Turniers deutlich ab. Die Kurven sahen sich viel unmittelbareren Problemen gegenüber. Beschleunigt durch den Platzsturm 2006 im St. Jakobs-Park beim Meisterschaftsfinale zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich kam es zu weitreichenden Gesetzesverschärfungen. Gegen das »Bundesgesetz zur Wahrung der inneren Sicherheit« (BWIS), sprich Hooligangesetz, wurden kurvenübergreifend Unterschriften gesammelt. Schlussendlich zu wenige, um fragwürdige Praktiken wie Rayonverbote und Hooligandatenbanken zu Fall zu bringen. Immerhin ebnete die Zusammenarbeit der Fans verschiedener Vereine aber den Weg zur Initiative fansicht.ch.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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