Rot-Weiße Geschichten

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Zu RB Leipzig gibt es viele Meinungen – und die sind selten miteinander zu vereinen. Der Klub polarisiert wie kein anderer in der deutschen Bundesliga. Neun Thesen zu den populärsten Mythen rund um den Aufsteiger.

Nicole Selmer | 15.03.2017

„RB verpiss dich! Der Fußball gehört uns!“, „Pflastersteine auf die Bullen“ – die Fans von Borussia Dortmund empfingen den Aufsteiger RB Leipzig mit einer Wand aus Spruchbändern, darunter auch solche mit Beleidigungen von RB-Funktionären. Vor dem Spiel waren die Gästefans zudem angegriffen worden. Tagelang dominierte das Thema die Schlagzeilen. Das DFB-Sportgericht verhängte eine Sperre für die Dortmunder Südtribüne, die Reaktionen darauf reichten von Applaus für das Urteil bis zu Solidaritätserklärungen Richtung Süd.

Als Red Bull 2009 mit RB Leipzig sein Fußballprojekt in Deutschland startete, sollte es anders laufen als zuvor in Salzburg. Kein Erstligist mit Fans, die an Wappen, Vereinsfarben und Klubgeschichte hängen, sondern der Leipziger Fünftligist SSV Markranstädt war als Instrument der Konzernstrategie ausgewählt worden. Sportlich ist RB Leipzig inzwischen in der Bundesliga angekommen, die Proteste gegnerischer Fans haben den Klub auf seinem Weg begleitet. Die öffentliche Debatte hat sich im Lauf der Zeit verändert, sie ist schärfer geworden und undifferenzierter. Gewisse Ermüdungserscheinungen sind erkennbar, etwa wenn es den einen immer wieder um das Argument des nur halbherzig angepassten Konzernlogos geht und die anderen immer noch nicht verstehen wollen, warum RB Leipzig kein Klub wie jeder andere ist.

„Wir polarisieren – und das ist auch gut so“, sagt RB Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff dem ballesterer. Doch noch etwas anderes verhärtet die Fronten. Denn in der Debatte geht es immer auch um mehr als den Klub selbst. Er dient als Projektionsfläche für Ängste und Hoffnungen, Liebe und Hass – und oft hat das mit Fußball nur am Rande zu tun.

In einer Studie wird der RB Leipzig als der erste postmoderne Fußballverein bezeichnet: „Er ist nicht auf eine Identität festgelegt, er erzählt nicht die eine große Geschichte, sondern kennt viele Wahrheiten.“ Anders formuliert: Die Geschichtslosigkeit von RB Leipzig lädt dazu ein, dem Klub eine beliebige Bedeutung zu verleihen. Vom Retter Ostdeutschlands bis zum Zerstörer des Fußballs, vom Plastikverein ohne Anhänger bis zum Ursprung einer neuen Fankultur.

„Das Märchen des Aufsteigers geht weiter“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, November 2016

„Ausverkauft“, melden Stadionsprecher und Videowall beim Spiel von RB Leipzig gegen den HSV am 11. Februar. Dass dennoch etliche der 44.279 Plätze im Zentralstadion leer bleiben, mag den eisigen Temperaturen geschuldet sein. Die Zuschauerzahlen waren bereits in der zweiten und dritten Liga gut, auch auswärts füllen die RB-Fans die Gästesektoren. RB Leipzig ist ein Erfolg. Das ist angesichts der Voraussetzungen nicht erstaunlich: Leipzig ist eine Großstadt mit 500.000 Einwohnern, der Klub spielt in einem zentral gelegenen Stadion, das für die WM 2006 generalsaniert wurde. Geboten wird dort, was in Leipzig lange ein rares Gut war: Profifußball. Sportlich übertrifft die erste Saison in der Bundesliga die höchsten Erwartungen. Mit laufstarken Spielern, schnellem Umschaltspiel und dem kolportiert siebtteuersten Kader der Liga hat RB Leipzig in der Hinrunde Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, den FC Schalke 04 und viele andere geschlagen. In der Tabelle steht der Klub derzeit auf Platz zwei und darf sich Gedanken um die Zulassungsmodalitäten zum Europacup machen. Spätestens als RB Leipzig im November vorübergehend die Tabellenführung übernahm, sorgte der Verein auch für internationale Schlagzeilen. Immer wieder wurde der Vergleich mit dem ähnlich unerwarteten Meistertitel von Leicester City in England gezogen. Der Vergleich mag hinken, doch er öffnet den Blick auf die Flüchtigkeit von sportlichen Erfolgen. Ende Februar 2017 kämpft Leicester gegen den Abstieg und hat gerade Meistertrainer Claudio Ranieri entlassen.

Die Wucht, mit der RB Leipzig in der Bundesliga angekommen ist, lässt leicht vergessen, dass es in der kurzen Vereinsgeschichte auch schon holpriger zugegangen ist. Der Klub ist in den sieben Saisonen seines Bestehens zwar viermal aufgestiegen, aber auch dreimal an seinem erklärten Ziel gescheitert. Nach dem ersten Aufstieg 2010 verbrachte RB Leipzig sogar drei Spielzeiten in der viertklassigen Regionalliga. Ständige Wechsel in der Führung des Klubs und der Fußballabteilung von Red Bull gingen mit wechselnden Philosophien einher. „Der eine wollte sofort aufsteigen, der Nächste in zwei Jahren, der Dritte wollte erst die Infrastruktur schaffen, und von außen hieß es, dass RB so lange Geld reinpumpt, bis wir unser Ziel erreicht haben“, berichtet der ehemalige RB-Tormann Sven Neuhaus im Buch „Aufstieg ohne Grenzen“.

Beim Fokus auf die vermeintlich unbegrenzten Mittel ist schnell zu übersehen, dass sportlicher Erfolg nicht nur am Geld hängt. Der Sprung in den Profifußball gelang 2013 mit Sportdirektor Ralf Rangnick und Trainer Alexander Zorniger. Wie schnell ein erfolgreiches Team auseinanderbrechen kann, erlebten sie im ersten Jahr in der zweiten Liga. Im Februar 2015 verkündete der Klub nach fünf Spielen ohne Sieg die Trennung vom zweimaligen Aufstiegstrainer zu Saisonende. Zorniger trat daraufhin sofort zurück. Wenige Tage zuvor hatte Rangnick noch erklärt: „Nach den zweieinhalb Jahren aktuell über einen anderen Trainer nachzudenken, da müssten wir geisteskrank sein.“ Geduld scheint keine große Tugend von Red Bull zu sein. Die aktuelle Besetzung der Führungsspitze mit Rangnick, Geschäftsführer Mintzlaff und Trainer Ralph Hasenhüttl ist erst wenige Monate alt. Sportliche Krisen haben sie gemeinsam noch nicht durchstehen müssen. Wie sich eine anfühlen könnte, zeigt die Partie gegen den HSV. Von den Stärken der Leipziger ist kaum etwas zu sehen, sie verlieren gegen den Abstiegskandidaten 0:3.

„Wir sind ein sehr offener Verein“

RB-Leipzig-Obmann Oliver Mintzlaff, März 2015

„Fußball für alle statt menschenverachtender Krawalle“ steht in weißer Schrift auf dem roten Transparent, das sich beim Spiel gegen den HSV über die Breite der Heimkurve spannt. Anders als die meisten anderen Spruchbänder ist es nicht handgemalt. Das gut sichtbare Kernstatement der vom Klub unterstützten Fanaktion „Leipziger Liebe“ wird am Ende des Spieltags etwas beschädigt sein. Am Gästesektor kommt es zu Auseinandersetzungen, das HSV-Fanprojekt erhebt schwere Vorwürfe gegen Ordner und Polizei. Und der Fußball für alle? Wer RB Leipzig spielen sehen will, kann sich eine Karte kaufen – Stehplätze gibt es ab zehn Euro. Wer Mitglied des Vereins RasenBallsport Leipzig werden will, muss etwas mehr hinlegen. Zwischen 70 und 1.000 Euro kostet die Fördermitgliedschaft, dafür gibt es ein T-Shirt und je nach Betrag weitere Vorteile. Im Preis nicht enthalten ist das, was bei den meisten Vereinen dazugehört: ein Stimmrecht. 


Von „RB Leipzig zerstört den Volkssport Fußball“ bis „Bei RB Leipzig wird die Fankultur neu erfunden“  sieben weitere Mythen rund um den Klub von Red Bull nehmen wir in der Printfassung dieses Artikels auseinander. Zu lesen gibt es ihn in der aktuellen Ausgabe des ballesterer (Nr. 120 April 2017). Seit 16. März 2017 österreichweit in den Trafiken sowie einige Tage später im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel und digital imAustria-Kiosk der APA! 


Foto: GEPA / Red Bull Media Pictures 

Referenzen:

Heft: 120
Thema: RB Leipzig
ballesterer # 121

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