No one likes us at our ground!

Der Besuch von Fußballspielen ist oft nicht mehr eine spontane Entscheidung, sondern erfordert minutiöse Planung. Umso mehr, wenn der eigene Klub ein »Membeship Scheme« einführt. Martin Endemann erzählt die Geschichte der Zuschauerregulierung auf höheres Geheiß.


Gastautor | 01.10.2003
Jetzt also auch Millwall. Den Vorreiter spielten die Niederländer, als sie sogenannte »Clubkarten« einführten, ohne die ein Stadionbesuch für Heim- wie Auswärtsfans - nicht mehr möglich war. Auslöser in London war das Heimspiel gegen Birmingham City im Mai 2002: Millwall kassiert im Spiel um den Aufstieg in die Premier League unmittelbar vor Schluss das entscheidende Tor. In der Folge liefern sich bis zu 1000 Menschen stundenlange Gefechte mit der Polizei. Einige Wochen später kündigt der Millwall FC an, Karten nur noch an Fans zu vergeben, die unter Vorlage zweier Fotos, des Passes und einer Bestätigung des Wohnsitzes eine Mitgliedschaft erwerben.

Steve Frangou, Vorsitzender des Millwall Supporters Club rekapituliert: »Nach dem Birmingham-Spiel erzählten uns die Offiziellen, dass die Polizei den Klub dichtmachen wolle. Millwall musste handeln und kündigte das Membership Scheme an. Wir wollten das natürlich nicht, denn wir waren und sind der Meinung, dass jeder Fan zu einem Spiel gehen dürfen sollte, wann immer er will.« Laut Millwalls Sicherheitschef Ken Chapman gab es keine Alternative: »Die Polizei hat uns überdeutlich klargemacht, dass sie keine Leute mehr abstellen würde, wenn wir nichts unternehmen. Und ohne Polizei darf in England eben kein Spiel stattfinden.«

 

Fans in der Defensive

 

Etliche verärgerte Fans mieden fortan das Stadion und frei nach Pink Floyd hallte es bald durch den Den: »We don´t need no membership, we don´t need no crowd control!« Bei sechs von der Polizei als Gefahrenspiele definierten Heimpartien gab es für Auswärtsfans keine Karten. Im Gegenzug weigerten sich die betroffenen Klubs, Millwall für ihre jeweiligen Heimspiele Karten zukommen zu lassen. »Dies ging natürlich an jedweder Realität vorbei. Man kann Fußballfans nicht verbieten, ihrem Team hinterher zu reisen. Sie fahren so oder so, egal welche Schwierigkeiten dies mit sich bringt«, so Frangou.

So war es dann auch. Umgekehrt waren auch immer illegale Auswärtsfans im Den vertreten. Als einziger betroffener Klub erkannte Portsmouth, dass Millwall-Fans im Stadion weniger Ärger versprachen als Hunderte ausgeschlossene Fans vor den Toren. Frangou: »Fans sind nicht blöd. Natürlich hat sich sofort ein Haufen Fans anderer Vereine für eine Mitgliedschaft beworben um ein Ticket zu erhalten.«

 

Langsame Entspannung

 

Da in der abgelaufenen Saison nur noch 18 Festnahmen verzeichnet wurden, ist die Mitgliedschaft derzeit »nur« noch für Spiele gegen West Ham, Stoke, Cardiff und Nottingham Forest vorgeschrieben. "Doch das alles würde Makulatur werden, wenn es nur einen einzigen Vorfall geben würde«, so Frangou. »Ich hoffe, dass das System einen heilenden Effekt für gewisse Leute hatte«, meint Chapman.

Doch wo sind all die Leute hin, für die Millwall so berüchtigt ist? Der Sicherheitschef: »Sicherlich sind einige der Hardcore-Hooligans weggeblieben, weil sie ihre Adresse nicht preis¬geben wollten. Wir haben allerdings gegen Birmingham festgestellt, dass der Gewaltausbruch nach dem Spiel kaum von dieser Gruppe ausging. Es waren offensichtlich viele `Mitläufer´ am Werk. Festgenommen wurden Polizistensöhne, Feuerwehrleute, Banker. Nachdem die Randalierer gemerkt hatten, dass sie nahezu eine Stunde Narrenfreiheit genossen, haben viele der ´Zuseher` aktiv in die Gewalt eingegriffen.« Chapman weiter: »Wir haben Videobeweise, dass der harte Kern der Hooligans versuchte, die Gewalt zu stoppen. Wir stehen mit dem harten Kern in Kontakt und lassen diese Leute wissen, dass wir sie beobachten. Wer wirklich litt, war die Local Community deren Autos zerstört und Scheiben eingeworfen wurden.«

Die Zahlen scheinen den neuen Regelungen Recht zu geben. Doch wäre es nicht auch ohne gegangen? Schließlich war es vor und nach dem Birmingham-Spiel über Jahre relativ ruhig. Chapman: »Millwall ist nun mal ein leichtes Opfer. Wir geben seit Jahren zu, dass wir Probleme haben und waren unter den ersten Klubs, die etwas dagegen unternehmen. Ich denke auch, dass es besser wird bei Millwall. Wir haben natürlich den Hooliganismus nicht besiegt und auch nicht den Rassismus. Das hat aber auch kein anderer Klub und erst recht nicht die Gesellschaft. Warum sollten Leute sich im Stadion plötzlich anders verhalten als zu Hause? Wir versuchen etwas dagegen zu tun, und das nicht nur durch Repression, sondern durch Arbeit mit der Community. Das ist aber keine Story für die Presse. Wenn wir z.B. drei Leuten ihre Karte entziehen, weil sie rassistische Songs singen, ist das eine Story, und die Leute sagen: klar, Millwall.« Bleibt zu hoffen, dass es weiter ruhig bleibt und die noch bestehenden Restriktionen bald aufgehoben werden können.

Referenzen:

Heft: 10
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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