Kurvenbande

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Mit Freunden geht man auf Reisen, man lernt voneinander, feiert, jubelt und leidet gemeinsam. Und manchmal endet die Freundschaft im Streit. So ist es auch bei den Ultras. Einblicke in das Beziehungsgeflecht der österreichischen Fanszenen.

„Nürnberg! Nürnberg! Nürnberg!“, tönt es aus der Heimkurve beim Bundesliga-Spiel zwischen dem SK Rapid und dem SV Mattersburg. Zuvor hat der Vorsänger der „Ultras Rapid“ dazu aufgerufen, die angereisten Fans des 1. FC Nürnberg zu begrüßen. Über der Zaunfahne des größten Rapid-Fanklubs hängt jene der „Ultras Nürnberg“, im Block stehen zehn der Mitglieder. Seit über 15 Jahren pflegen die Ultras der beiden Vereine eine Freundschaft. „Sie sind wie Brüder für uns“, sagt Basti, einer der Vorsänger der „Ultras Nürnberg“, der in Wien dabei ist.

Frühe Freunde
Gegenseitige Matchbesuche sind zentrale Bestandteile solcher Freundschaften, doch Ultras pflegen diese Beziehungen weit über 90 Minuten hinaus. Befreundete Gruppen nehmen stundenlange Busfahrten auf sich, um nicht nur in der eigenen, sondern auch in der befreundeten Kurve stehen zu können. Sie berichten in ihren Fanzines regelmäßig von sportlichen und fanrelevanten Neuigkeiten bei den Freunden und zelebrieren die Jahrestage ihrer Freundschaften. Oft werden eigene Banner angefertigt, auf denen die Verbindung zur Schau gestellt wird. Das stärkste Symbol einer Fanfreundschaft ist das Überhängen der eigenen Zaunfahne mit jener der Gäste. Damit wird die Verbindung nach außen demonstriert. Nahezu jede Fanszene unterhält mehr oder weniger intensive Kontakte zu ausländischen Freunden, Ultragruppen haben innige Beziehungen zu italienischen, deutschen und anderen europäischen Kurven aufgebaut und sich durch diese Verbindungen verändert.

Die Geschichte von Fanfreundschaften ist lang. Schon in den 1980er Jahren wurden innerhalb der Landesgrenzen Verbindungen aufgebaut. Zum Beispiel zwischen Rapid und VÖEST Linz oder der Austria und dem LASK. Diese Beziehungen beruhten auf persönlichen Kontakten oder waren von den bestimmenden Fankulturen geprägt, damals Hooligans und Kutten. Das Land wurde aber schnell zu klein, und die meisten Freundschaften wieder begraben, in einigen Fällen schlugen sie gar in Rivalitäten um. Alte Freundschaften gerieten in Vergessenheit und wurden durch neue ersetzt. Diese neuen Beziehungen wurden von der aufkommenden Ultrakultur getragen – und die schaute Richtung Süden.

Italienische Reisen
In Italien waren die Kurven zu Beginn der 1990er Jahre voll, laut und bunt. Die Ultras wetteiferten um die ironischsten Spruchbänder und die künstlerischsten Choreografien, sie beeindruckten mit Pyrotechnik und sangen über die gesamte Spieldauer hinweg. Die lebhafte Jugendkultur wurde bald für Fanszenen in ganz Europa zum Vorbild. Fast jedes Wochenende fuhren auch österreichische Fans nach Italien, um die dortigen Kurven zu erleben – und davon zu lernen. Mit zentralen Stilelementen der Ultras wurde auch deren Freundschaftspflege importiert. 1991 gründeten sich die „Verrückten Köpfe“ in Innsbruck. Im Jänner 1992 knüpften sie erste Kontakte nach Bergamo – durch Zufall. Nach einem Spielbesuch in Verona saßen Innsbrucker mit einem Mitglied der „Brigate Neroazzurre Atalanta“ im Zug. Er lud sie ein, seine Gruppe zu besuchen. Die lange Winterpause in der Bundesliga nutzten dann einige Innsbrucker, um jedes zweite Wochenende nach Bergamo zu fahren und bei den Spielen gegen Milan, Roma, Hellas Verona und beim Derby gegen Brescia dabei zu sein. „Die Kontakte sind auch heute noch sehr intensiv“, sagen die „Verrückten Köpfe“. Sie haben sich auf das Gespräch mit dem ballesterer genau vorbereitet. Ihre Auskünfte wollen sie als Meinung der Gruppe, nicht als individuelle Aussagen verstanden wissen.

Immer wieder war ein Transparent der Innsbrucker in der Curva Nord von Atalanta und bei Auswärtsspielen zu sehen. „Der eine oder andere von uns hat sogar ein Abo bei Atalanta gehabt.“ In Innsbruck gründeten Fans eine eigene Sektion der „Brigate Neroazzurre“. Durch die Freundschaft mit Bergamo wurden 1996 auch schnell Kontakte zu deren Freunden im mittelitalienischen Terni hergestellt. „Wir sind dann einfach hingefahren und haben in der Nacht vor dem Spiel unter der Curva Est geschlafen“, sagen die „Verrückten Köpfe“. „Die ‚Freak Brothers Terni‘ haben nichts von unserem Besuch gewusst. Als sie am Spieltag in die Fankurve gekommen sind, haben sie gar nicht glauben können, dass eine Abordnung Verrückter aus Innsbruck angereist war.“ Damit wurde der damalige Drittligist Ternana für die Innsbrucker zum zweiten Bezugspunkt in Italien. „Wir haben in den letzten Jahrzehnten sehr viel gelernt, die dortigen Kurven haben unseren Stil entscheidend mitgeprägt.“ Als eine der ersten österreichischen Gruppen zogen die „Verrückten Köpfe“ Mitte der 1990er Jahre durch bengalische Feuer und aufwendige Choreografien in der Bundesliga die Blicke auf sich.

Geheimtipp Venedig
Auch im Wiener Westen orientierte man sich Richtung Süden. „Italien war in Fanhinsicht so etwas wie das Heilige Land“, sagt Tommaso, früher einer der führenden Köpfe der „Ultras Rapid“. Seinen Spitznamen hat der gebürtige Südtiroler seiner Kompetenz in allen Fragen betreffend Italien zu verdanken. „Die Szenen von Rom, Mailand und Turin sind nicht infrage gekommen, die waren für uns einfach zu groß.“ Die Wiener fanden auf ihren Reisen Freunde an einem eher unerwarteten Ort. 1995 entstanden die ersten Kontakte zwischen den 1988 gegründeten „Ultras Rapid“ und den „Ultras Unione VeneziaMestre“. „Venedig war ein Insidertipp: ein Zweitligist mit der einzigartigen Farbkombination aus Orange, Grün und Schwarz, dazu die großen Stahlrohrtribünen des Stadions auf der Insel Sant’Elena“, sagt Tommaso.

Seine Erzählung von der Anbahnung der Freundschaft zeigt, dass die Regeln der Ultras in diesen Jahren entspannter waren als heute. „Wir sind einfach hinuntergefahren und haben uns in die Kurve gestellt. So haben wir schnell zueinander gefunden.“ Im Jänner 2000 wurde die Freundschaft durch das Aufhängen des „Ultras Rapid“-Banners in der Venediger Curva Sud offiziell. Da hatten die Wiener bereits eine Phase des Ausprobierens hinter sich. Ihre Zaunfahne war auch schon in Genua auf der Gradinata Sud von Sampdoria gehangen. Doch nur mit Venedig entwickelte sich eine Freundschaft. Der Gegenbesuch der „Ultras Unione“ erfolgte noch im Frühjahr 2000 bei einem Wiener Derby. „Mit VeneziaMestre sind wir durch ganz Italien gefahren. Manche unserer Leute haben damals fast jedes zweite Spiel von ihnen gesehen“, sagt Tommaso.

Vorbild Rapid
Dank der geografischen Nähe zu Italien und der aktiven Gruppen bei Rapid und Wacker Innsbruck fassten die Ultras in Österreich recht früh Fuß, Mitte der 1990er Jahre wurden sie dadurch für die gerade entstehende Ultrakultur in Deutschland interessant. Das Schicksal habe sie zusammengebracht, sagen die „Verrückten Köpfe“ über die Freundschaft mit den Frankfurtern, die im Frühjahr 1993 begann. Die Innsbrucker waren auf dem Weg zum Auswärtsspiel gegen Vorwärts Steyr, als das Match aufgrund heftiger Schneefälle abgesagt wurde. „Einfach wieder heimfahren war keine Option.“ Die Gruppe entschied sich für einen Umweg über München, wo der FC Bayern die Eintracht aus Frankfurt zum Duell um die Tabellenführung empfing. „Am Bahnhof in München haben wir uns kennengelernt. Das war der Beginn der Freundschaft.“

Mitarbeit: Gerhard Bader

Den gesamten Artikel gibt es in der Printfassung des ballesterer (Nr. 121 Mai 2017) zu lesen. Seit 14. April 2017 österreichweit in den Trafiken sowie einige Tage später im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel und digital im Austria-Kiosk der APA! 

Referenzen:

Heft: 121
ballesterer # 121

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