Kölsche Lieder bei Pietro

Im Land des dreifachen Europameisters spricht man vor EM-Turnieren immer wieder über den »Ramba-Zamba-Fußball« von 1972 und die »Helden von Wembley« 1996, aber höchst selten von dem souveränen Triumph 1980 in Italien.
Carsten Germann | 13.05.2008
Das größte Lob gab es vom »Dürren«. Für den hageren argentinischen Nationaltrainer Cesar Luis Menotti war die deutsche Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 1980 der verdiente Titelträger. »Die Deutschen«, so befand »El Flaco« nach dem Turnier, »haben streckenweise grandios aufgespielt. Es konnte keinen anderen Sieger geben.« Eine bemerkenswert eindeutige Beurteilung für einen Erfolg, der innerhalb der deutschen Fußballöffentlichkeit oft und gerne zu kurz kommt: Rom 1980 oder der vergessene Triumph.
Hansi Müller, der bei der EM 1980 in allen vier Spielen der deutschen Mannschaft in der Startelf stand, mag diese Sichtweise von Fans und Medien nur bedingt relativieren. »Das wird es immer geben, dass bestimmte Erfolge höher eingeschätzt werden als andere«, erklärt Müller im Gespräch mit dem ballesterer fm. »Die Europameisterschaft 1980 war nur etwas Großes. Es war ein Titel, dem ein wenig die Nachhaltigkeit gefehlt hat, der aber dennoch hoch einzustufen ist«, bilanziert der 50-Jährige, der 1990 in Österreich mit dem FC Tirol das Double gewann.

MALOCHER UND FILIGRANTECHNIKER

 

Die deutsche Mannschaft verfügte bei dem spielerisch insgesamt enttäuschenden EM-Turnier in Italien über eine ideale Mischung. Bodenständigen »Fußball-Arbeitern« wie dem Duisburger Bernhard Dietz und den Brüdern Karlheinz und Bernd Förster aus Stuttgart standen begnadete Techniker wie der ebenfalls für den VfB Stuttgart spielende Hansi Müller und der erst 20-jährige Kölner Bernd Schuster gegenüber. »Die Atmosphäre war vom Start weg hervorragend, die Mannschaft sehr gut eingestellt«, erinnert sich Hansi Müller, der bei der EM unter anderem als EM-Botschafter für das Bundesland Tirol, für die Fankurve Bodensee in Bregenz sowie als Deutschand-Experte des ORF im Einsatz ist. »Das Kuriose ist, dass die erfolgreiche Ära für uns 1978 nach dem 2:3 gegen Österreich in Córdoba begann und vier Jahre später wieder gegen die Österreicher durch dieses blöde Spiel in Gijon im Prinzip zu Ende war«, erklärt der Schwabe, der am 5. April 1978 gegen Brasilien in Hamburg sein erstes von 42 Länderspielen für Deutschland bestritt. »Bei der WM in Spanien«, sagt Müller, »war die erfolgreiche Mannschaft von 1980 auf einigen Positionen verändert, und es gab große Diskussionen, weil unser Star Karl-Heinz Rummenigge verletzt ins Turnier gegangen war. Das hat die Stimmung gekippt, und nach dem Spiel gegen Österreich hat man unseren Bus mit Tomaten beworfen.«

DERWALL GREIFT ZUR KLAMPFE

 

Zwei Jahre zuvor war alles anders. Die Mannschaft von Bundestrainer Jupp Derwall war 1980 mit der Empfehlung von 23 Spielen ohne Niederlage nach Italien gereist. Zu dieser Erfolgsserie gehörten u. a. ein 2:1 über Weltmeister Argentinien am 12. September 1979 in Berlin und ein 1:0-Erfolg über Österreich am 2. April 1980 in München. Der 2007 verstorbene Rheinländer Derwall erwies sich bei dem Turnier als einer der größten Stimmungsmacher im deutschen Lager. Drei Tage vor dem Finale gegen die Belgier, berichtete der Kicker in einem Sonderheft zur Europameisterschaft 2000, sah man die deutsche Mannschaft in Rom im Lokal Pietro beim Pasta-Essen. Jupp Derwall griff höchstpersönlich zur Gitarre und schmetterte unter dem Beifall seiner Stars Kölsche Lieder keine Spur von Lagerkoller. »Die Chemie hat einfach gestimmt«, sagt Hansi Müller rückblickend, »wir sind als echte Einheit aufgetreten.« Nicht immer brillant, aber ungemein effektiv. Nach einem 1:0 über die SSR, einem 3:2 über den Erzrivalen aus den Niederlanden und einem 0:0 gegen Griechenland war das dritte EM-Finale für Deutschland in Folge perfekt. »Das Besondere an dieser Mannschaft«, so die Einschätzung von Hansi Müller, »lag darin, dass wir durch die Bank Persönlichkeiten in unseren Klubs waren. Alles hat harmoniert, jeder war auf seine Art eine feste Größe.«

AUF DER SUCHE NACH DEM PAPST

 

Wie der Hamburger Horst Hrubesch. Vor dem Finale gegen Belgien suchte der 1,88 m große  Sturm-Riese in der Ewigen Stadt Beistand von oben. Der Bundesliga-Torschützenkönig von 1982 verließ heimlich das deutsche Quartier, um Papst Johannes Paul II. sehen zu können. Eine Begegnung, die Hrubesch im Finale zu beflügeln schien: Mit seinen ersten Länderspiel-Toren machte er Deutschland bei einem Gegentreffer von René Vandereycken zum zweiten Mal nach 1972 zum Europameister. Und das gegen einen nicht zu unterschätzenden Gegner aus Belgien. Die »Roten Teufel« besaßen mit Keeper Jean-Marie Pfaff, Libero Erik Gerets und Stürmer Jan Ceulemans herausragende Spielerpersönlichkeiten. In Gruppe 2 hatte Belgien den Gastgeber Italien, England und Spanien hinter sich gelassen. »Wer soll uns noch schlagen?«, titelte die Zeitung Het Nieuwsblad vor dem Finale beinahe übermütig.  
Doch die Begeisterung war nur bei den beiden Finalteilnehmern spürbar. Zum Endspiel am 22. Juni 1980 war das »Olimpico« in Rom mit 47.800 Zuschauern nicht ganz ausverkauft. Die Tifosi hatten genug gesehen. Der kurz zuvor aufgedeckte Wettskandal (»Totonero«) und die mehr als magere Bilanz der Squadra Azzurra mit nur einem Sieg und einem Torverhältnis von 1:0 nach der Vorrunde hatten die Stimmung in Italien ordentlich verhagelt. Auch die Engländer ließen es nur außerhalb des Rasens krachen: Beim 1:1 gegen Belgien prügelten sich englische Fans auf den Rängen. »Die Stimmung in unserem Team hat das alles nicht getrübt«, stellt Hansi Müller fest, »wir haben es verstanden, diese sicherlich negativen Dinge bis zum Schluss auszublenden.«


SIEGESTOR MIT ANSAGE

 

Ungewohnt locker zeigte sich im Finale auch der sonst so zurückhaltende Karl-Heinz Rummenigge. In der 89. Minute lief der Superstar des FC Bayern München noch einmal zur Ecke an und gab den Fotografen am Spielfeldrand zuvor noch einen gut gemeinten Tipp. »Stellt die Linsen ein, gleich knallts«, soll Rummenigge gesagt haben, ehe er das Leder zu Kopfballungeheuer Horst Hrubesch und zum entscheidenden 2:1 in die Mitte flankte.
Die Siegesnacht hatte für die Deutschen ihre Tücken. Gemeinsam mit Manfred Kaltz und den beiden Youngsters Bernd Schuster und Lothar Matthäus seilte sich Hansi Müller aus dem Mannschaftshotel ab. Mit schmerzhaften Folgen für Kaltz. »Beim Sprung aus dem Hotelfenster«, lacht Hansi Müller, »kam der Manni höchst unglücklich auf, verletzte sich am Knöchel und musste sich humpelnd durch das römische Nachtleben schleppen.« Echtes Künstlerpech.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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