Stadionverbot und Polizeiprügel
Eingetreten ist jedoch das Gegenteil: Während Slowenen und Kroaten im internationalen Fußballgeschehen mitmischen durften, blieb das den Kosovaren wegen der fehlenden internationalen Lösung der Kosovofrage untersagt. Zudem spiegelte sich die totale Ablehnung der albanischen Unabhängigkeitsbestrebungen durch die serbische bzw. jugoslawische Führung auch im Fußball wider. Dem KF Pristina wurde seit 1991 der Zutritt ins eigene Stadion verwehrt. Die Spieler des größten Kosovo-albanischen Vereins trainierten häufig nur auf freiem Feld und spielten auf Hartplätzen. Stattdessen trat im »Pristina-Stadion«, für die Kosovo-Alba¬ner das Nationalstadion schlechthin, eine serbische Mannschaft an, die zeitweise dem berüchtigten ser¬bischen Milizenführer Zeljko »Arkan« Raznjatovic gehörte. Die inoffizielle Meisterschaft der Kosovo-Albaner hingegen, die zumeist vom KF Pristina gewonnen wurde, fand auf primitiven Nebenplätzen statt. Münzt man diese Bedingungen auf Österreich um, würde das bedeuten, Rapid Wien hätte Spielverbot im Hanappi-Stadion und müsste daher auf einem Hütteldorfer Hartplatz kicken. Roman Wallner und Co. würden sich im Auto umziehen, Ladi Maier und Helge Payer bringen die Tornetze mit, und Andreas Herzog zieht nicht nur die Fäden im Spiel der Grünweißen, sondern auch die Linien am Spielfeldrand. Zudem be¬stünde die Gefahr, dass die Spiele der Elf von Josef Hickersberger im¬mer wieder von der Polizei abgebrochen werden. Denn solche Übergriffe waren bei Fußballspie¬len der Kosovo-Albaner an der Tagesordnung: Spieler wurden verprügelt oder zu Verhören abge¬führt. Damit sollte das Abhalten der von Belgrad für illegal erklärten Meisterschaft verhindert werden. Dies betraf nicht nur den KF Pristina, sondern auch andere Vereine wie Liria Prizren, Drita Gjilan oder Besa Peja. Die vergiftete Atmosphäre war somit auch im sportlichen Bereich deutlich sichtbar. Gemischte Teams, schon vorher keine Selbst¬verständlichkeit, gab es nun definitiv nicht mehr. Und selbst heute, fast vier Jahre nach Ende des Krieges im Kosovo, dürfte es sich eher um eine Ausnahme handeln, wenn Serben gemeinsam mit Albanern das runde Leder streicheln. Mehmet Dragusha, einer der besten Fußballer des Kosovo, ist bei Eintracht Trier in der zweiten deutschen Bundesliga unter Vertrag. Er hofft, dass sich die Situation bald ändert und Kosovo-albanische Teams wieder gegen Mannschaften aus Ser¬bien/Montenegro spielen. »Sport sollte nicht politisch sein. Sicherlich wird es in Zukunft wieder solche Spiele geben, und das ist auch gut so«, gibt sich der 25-Jährige, der in Pristina geboren wurde und dort seine Fußballkarriere begann, gegenüber dem ballesterer fm überzeugt.
Warten auf die politische Lösung
Erst seit dem Ende des Krieges in Jugoslawien haben die albanischen Fußballklubs im Kosovo wieder Zugang zu ihren Spielstätten. Im Juli 1999 kickten im Stadion von Pristina erstmals seit 1991 wieder albanische Fußballer. Der FK Pristina besiegte vor 20.000 Fans eine Auswahl der mazedonischen Stadt Tetovo mit 4:3. Der Fußball-Neubeginn war somit getan. Der vorläufige Höhepunkt war im vergangenen September ein »Länderspiel« zwischen dem Kosovo und Albanien in Pristina, das die Albaner vor 25.000 Zuschauern mit 1:0 gewannen. Dragusha, der in der EM-Qua¬lifikation im albanischen Teamkader steht, war auf Seiten des Kosovos mit von der Partie und be¬zeichnete das Match als »historisch«. Diese Highlights sind jedoch erst kleine Schritte auf dem Weg zu ei¬nem anerkannten Verband. Durch die bis heute fehlende Lösung der Kosovofrage ist der kosovarische Fußballverband nur eine Schattenorganisation. Zwar wurden schon mehrfach Anträge auf Anerkennung bei der UEFA eingereicht, doch wurden diese aus politischen Gründen abgelehnt. Auch die UEFA und FIFA wollen erst eine endgültige politische Lösung für den Kosovo abwarten. Damit ist weiter unklar, ob die Provinz einmal einen eigenständigen Verband innerhalb von Serbien/Montenegro (wie Schottland in Großbritannien) oder innerhalb eines unabhängigen Staates Kosovo stellen darf. Bundesliga-Profi Dragusha glaubt nicht an eine Lösung nach schotti¬schem Vorbild. »Erst nach der Un¬abhängigkeit des Kosovo wird es einen richtigen Fußballverband ge¬ben.« Erst dann werde man die offizielle Anerkennung von Seiten der UEFA und FIFA bekommen, erklärt Dragusha. Bis dahin bleibt ein internationales Auftreten der Nationalelf und der momentan 14 Oberhausklubs weiter auf symbolische Freundschaftsspiele beschränkt. Dennoch ist man im Kosovo optimistisch. So denkt auch der Trierer Mehmet Dragusha positiv über seine Fußballheimat: »Die Zukunft sieht sehr gut aus, wir haben viele junge und talentierte Spieler. Die wirtschaftliche Lage ist zwar schlecht, weil es wenige Sponsoren gibt. Ich hoffe aber, dass sich das in der Zukunft bessert. Denn Fußball ist die Nummer eins im Kosovo, jedes Kind spielt dort Fußball.«






erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen