Im Hoch

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Die letzte sportliche Qualifikation Österreichs zu einem Großturnier liegt lange zurück. Doch anders als bei der WM 1998 und der EM 2008 scheint Marcel Koller das richtige Team zur richtigen Zeit zu haben.

Mario Sonnberger | 10.05.2016

Deutscher Meister. Englischer Meister. Schweizer Meister. Ukrainischer Meister. Hinzu kommen einige Champions-League-Teilnehmer. Das österreichische Nationalteam mag über keine Stars von Weltformat verfügen, ein gewisses Renommee wird es in Frankreich dennoch vorweisen können. Mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren sind viele Spieler am Höhepunkt ihrer Karriere. Und mag die Stärke der Mannschaft im Kollektiv liegen – es gab schon deutlich weniger Glanz in der Nationalmannschaft. Tatsächlich muss man 34 Jahre zurückgehen, um einen ähnlichen Starfaktor zu finden. In eine Zeit, in der Legionäre in den Kadern der Spitzenklubs noch rar waren. So viele Spieler, die in der Blüte ihrer Jahre Leistungsträger bei großen Klubs waren, umfasste das österreichische Aufgebot zuletzt bei der WM 1982 in Spanien. Da gab es den 28-jährigen Bruno Pezzey, Herz und Hirn der Abwehr des deutschen Cupsiegers von 1981, Eintracht Frankfurt. Den wenige Monate jüngeren Herbert Prohaska, Regisseur von Inter Mailand, und Walter Schachner von der AC Cesena. Dazu kamen Hans Krankl und Heribert Weber, die mit Rapid den Titel geholt hatten. Das mit einem Durchschnittsalter von rund 25 Jahren relativ junge Team scheiterte erst in der Zwischenrunde.

 

Die Routine von 1998

Anders sah es bei der bisher letzten WM-Teilnahme 1998 aus. Nach acht mageren Jahren hatte sich Teamchef Herbert Prohaska mit einer routinierten Truppe für die WM in Frankreich qualifiziert. Dort stellte Österreich mit einem Durchschnittsalter von über 28 Jahren das zweitälteste Team, neun Spieler hatten den 30. Geburtstag schon hinter sich. Die Stammverteidigung mit Peter Schöttel, Wolfgang Feiersinger und Anton Pfeffer war im Schnitt sogar 32 Jahre alt. Im Kader des späteren Weltmeisters Frankreich hingegen waren mit Abwehrchef Laurent Blanc und Ersatztormann Bernard Lama nur zwei Spieler in diesem Alter.

 

Dass die meisten Akteure des ÖFB-Teams schon lange im Geschäft waren, zeigten nicht nur die Spielerpässe. Auch am Feld verließ man sich auf Altbewährtes. War die WM 1998 eine Machtdemonstration des 4-4-2 mit aktiven, spielstarken Flügeln, versprühte Österreich hingegen noch das Flair der WM 1990. Das Team setzte auf eine Mischung aus robusten Verteidigern und bissigen Mittelfeldspielern. Doch Routine allein konnte die Mannschaft nicht weit tragen. Die Euphorie der Qualifikation war verflogen, wichtige Spieler wie Feiersinger und Andreas Herzog lange verletzt. Man habe zu viel Respekt gehabt, sollte Kapitän Toni Polster später dem ballesterer sagen. Mit zwei Punkten schied die Mannschaft in der Vorrunde aus.

 

Der Mangel von 2008

Es folgte die längste Durststrecke seit den 1970er Jahren, erst 2008 spielte das Nationalteam wieder bei einem Turnier: als Gastgeber der Europameisterschaft. Zur Talenteförderung rief der ÖFB Projekte wie die „Challenge 2008“ ins Leben, Teamchef Josef Hickersberger bastelte ab Amtsantritt 2005 an seiner Turniermannschaft. Er konnte dabei nicht auf einen bewährten Stamm setzen, und auch die erhoffte neue Generation ließ auf sich warten.

 

Die U19-EM 2003 und die U20-WM 2007, bei denen Österreich jeweils ins Halbfinale gekommen war, sollten letztlich dennoch die Perspektivspieler hervorbringen, die Hickersberger für ein zeitgemäßes System benötigte. Das Nationalteam der EM 2008 basierte auf einer breiten Defensive mit aktiven Außenspielern. Christian Fuchs und György Garics setzten Impulse nach vorne und verstärkten bei Bedarf die Verteidigung. Ein kompaktes defensives Mittelfeld mit Jürgen Säumel und Rene Aufhauser stärkte Spielmacher Andreas Ivanschitz den Rücken – doch hier kam Sand ins Getriebe. Weder mit Roland Linz noch Roman Kienast konnte genügend Offensivdruck aufgebaut werden. Für Gefahr sorgten hauptsächlich die dribbelstarken Flügelstürmer Ümit Korkmaz und Martin Harnik. Hickersberger hatte dem Aufbau der Defensive viel Zeit gegeben, doch in einer allzu verlässlich aufs Verteidigen getrimmten Mannschaft kam das spielerische Element zu kurz. In der Vorbereitung waren Niederlagen gegen Ungarn, die Schweiz und Chile die Folge. Erst im Frühjahr 2008 ging das Offensivspiel besser auf, Österreich hielt auch gegen die Niederlande und Deutschland mit. Die EM war nach knappen Niederlagen gegen Deutschland und Kroatien sowie einem Unentschieden gegen Polen jedoch schnell beendet.

 

Die Effizienz von 2016

Spieler, die ein wirkungsvolles Angriffsspiel aufziehen konnten, sollten erst später ins Team drängen. Heute kann sich Marcel Koller auf sie verlassen. Die U19 von 2007 stellt mit Rubin Okotie, Markus Suttner, Sebastian Prödl, Martin Harnik und Zlatko Junuzovic immer noch wichtige Spieler. Dazu kommen Stammspieler, die nach 2008 im Ausland spielten wie Christian Fuchs und Marko Arnautovic. Überhaupt erhöht sich die Legionärsdichte sukzessive. Koller kann auf immer mehr Spieler zurückgreifen, die seine laufintensive Spielweise aus dem Klub gewohnt sind. Nach langer Aufbauarbeit hat sich nun eine kompakte und höchst effiziente Nationalmannschaft geformt, die im Block verteidigen und angreifen kann.

 

Der prominenteste Teamspieler bleibt David Alaba, doch wenige Wochen vor der EM trägt er die Last des Ruhms nicht mehr allein. Christian Fuchs erlebt den Sensationslauf von Leicester als Stammspieler mit – dicht gefolgt von Kevin Wimmer, der seinen Anteil zu Tottenhams bester Saison seit Jahrzehnten beiträgt. Dazu befinden sich Marc Janko und Robert Almer auf einem späten Karrierehöhepunkt. Stars im besten Alter, Legionäre und ein modernes Spielsystem – ausnahmsweise könnte ein Turnier für das ÖFB-Team wirklich gerade richtig kommen.

Referenzen:

Heft: 112
ballesterer # 121

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