FIFA - Die dunkle Seite des Spiels

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Empörung, Kopfschütteln, Gelächter: die Reaktionen auf die WM-Vergabe im Dezember. Jetzt hat Katar die WM 2022 und die FIFA ein gewaltiges Imageproblem. Aber die Farce von Zürich war keine extravagante Episode, sondern logische Folge einer Entwicklung, die schon 1974 begonnen hat. Die Geschichte der FIFA: von Adidas über Blatter bis zum Schmiergeldprozess von Zug.
Dominik Sinnreich | 01.02.2011
Die Straßenbahn quält sich. Es ist kalt, es ist eisig, und der Weg hinauf zum FIFA-Sitz in Zürich ist steil. Bei der Station Toblerplatz beginnt die Linie 6 zu ruckeln, wie bei einer Prozession geht es im Schritttempo weiter auf den Sonnenberg. Die Prominenten, unter anderem Bill Clinton (USA), Prinz William (England) und Elle MacPherson (Australien), sind für die Zürcher Bergwertung besser gerüstet: Sie kommen in der Limousine. Es ist der 1. Dezember 2010 und es geht um die Fußball-WM. Um die prestigeträchtigste Gastgeberrolle im Sport. Weil gleich zwei Veranstalter für 2018 und 2022 gekürt werden, sind Staatsoberhäupter aus fünf Kontinenten in Zürich. Sie kommen als Bittsteller. Die FIFA wird sie alle und sich selbst einen Tag später blamieren.

Irgendwann hat es die Linie 6 doch geschafft. Dem FIFA-Palast gegenüber liegen Schrebergärten und der Friedhof Fluntern, neben dem Haupttor beginnt ein Wildschutzgebiet, Jogger keuchen ihre Runden auf dem Berg. Ein beschaulicher Fleck Stadtrand, von den Stars keine Spur. Das Tor und die futuristisch beleuchtete Tiefgarage sind abgeriegelt, das, was drinnen passiert, soll drinnen bleiben. In der Familie.

Für die FIFA wurden etliche Metaphern bemüht. Sie wurde als Familie sizilianischen Zuschnitts beschrieben, mit ihrem Präsidenten Joseph S. Blatter als Oberhaupt. Und sie wurde mit der katholischen Kirche verglichen. Die Parallelen liegen auf der Hand: Die FIFA wird von steinalten Männern regiert, sie hat eine Geschichte voller Missgunst und Verrat und einen Papst. Geht es aber nach Blatter, ist eine Weltreligion keine Vergleichsgröße für seine FIFA. »Fußball ist mehr als eine einzelne Religion«, hat er einmal gesagt. »Nur zu sagen, mehr als die katholische Kirche, das wäre für mich zu wenig.« 

Die FIFA hat ihre eigene Funktionslogik, eine Elite, die sich nach innen und außen absichert. Dieser Zirkel hat die Macht in den 1970er Jahren übernommen, den Fußball gnadenlos vermarktet, und zumindest ein Teil dieser Elite hat sich schamlos bereichert. Die Architekten des Systems waren Horst Dassler und Blatter. Der Adidas-Erbe Dassler hat die Logik des Weltverbandes durchschaut. Der Sportmanager Blatter war sein Musterschüler. Und bei der Vergabe im Dezember hat er wieder einmal brilliert.

Wüste Debatten
Tag zwei des Zürcher Auswahlpokers. Alle Kandidaten haben ihre Vorträge gehalten: Versprechen und Visionen für Weltfrieden und Klimaschutz. Das Fernsehen überträgt in mehr als 70 Ländern live, als Blatter die FIFA-blau dekorierte Bühne im Messezentrum betritt. Der Zuschlag für Russland 2018 wird noch erstaunt zur Kenntnis genommen, aber als Blatter zum zweiten Mal das Kuvert öffnet, gibt es auch Gelächter im Saal. Einer fragt: »Steht wirklich Katar auf dem Zettel?« Ein anderer sagt: »Das ist das Ende des Fußballs.« England (2018) und Australien (2022) wurden vom FIFA-Exekutivkomitee jeweils in der ersten Runde hinausgewählt, obwohl sie in der Evaluation viel besser abgeschnitten hatten; die Engländer, die überhaupt am besten bewertet wurden, bekamen nur zwei von 22 Stimmen.

Ein Affront. Prinz William stapft nach der Bekanntgabe wortlos an den wartenden Reportern vorbei, auch die anderen Unterlegenen flüchten. Sie machen die Bühne frei für Wladimir Putin Russlands Premierminister ist erst nach der Bekanntgabe ins Flugzeug gestiegen. Er war sich des Sieges wohl so sicher, dass er auf die Lobbyarbeit in Zürich verzichtete. Eine Stunde dauert seine Audienz, Putin ist gut aufgelegt und scherzt, beantwortet alle Fragen. Aber zu einem Thema will er nicht sprechen: Katar 2022. Er will diesen Sieg nicht mit seinem, mit dem Russlands, in Zusammenhang bringen.

Russland, darüber kann man diskutieren, eine WM in Osteuropa ist längst fällig. Aber wieso ausgerechnet Katar, ein Wüstenstaat so groß wie Oberösterreich, eine WM ausrichten soll, darauf hatten auch die FIFA-Prüfer keine Antwort. Sie haben der Bewerbung das schlechteste Zeugnis aller neun Kandidaten ausgestellt. Das mediale Echo war katastrophal: Außerhalb der Arabischen Halbinsel und Russlands hagelte es Kritik. Vom bloggenden Fußballfan bis zu eigentlich FIFA-freundlichen Medien, niemand glaubte der FIFA, dass eine WM auf einem Flecken Steinwüste tatsächlich das Label Entwicklungshilfe verdient. 

Die Reaktionen der meisten Politiker waren verkrampft. Sie mussten sich offensichtlich bemühen, die Contenance zu wahren. Wahrscheinlich haben Blatter und seine Getreuen nicht damit gerechnet, dass sie auf eine so breite Ablehnung stoßen würden. Katar wird die FIFA in den kommenden Jahren noch viel beschäftigen. Im Grunde geht es aber nicht darum, ob es dort im Sommer für eine WM zu heiß ist. Es geht auch nicht darum, dass die WM an ein Land vergeben wurde, in dem Homosexuellen bis zu fünf Jahre Haft drohen. Es geht um Geld und Macht. 

 

Russland, das sei die Wahl der Macht, Katar die Wahl des Geldes, analysierte der Zürcher Tages-Anzeiger. Die FIFA-Pressestelle schrieb dem ballesterer, der Imageverlust der FIFA rühre »von einem gewissen Unverständnis und fehlenden Kenntnissen über die FIFA, ihre Tätigkeiten und vor allem Ziele, um die Entscheidungen in einem Gesamtkontext sehen zu können«. Ein kreativer Umgang mit Kritik: Die Entscheidungsträger sind nicht zu hinterfragen. Sondern diejenigen, die die Entscheidungsträger hinterfragen. Im Interview mit FIFA.com sagte Blatter: »Wir haben hinsichtlich der Geopolitik des Sports historische Entscheidungen getroffen. Die Weltmeisterschaft wird neue Kulturen und Regionen entdecken, darüber kann ich mich nur freuen.« Da ist sogar etwas dran. Nach Südafrika erschließt die FIFA unter seiner Regentschaft erneut neue Regionen. Aber nicht ohne Hintergedanken. Dass es darauf ankommt, hat Blatter früh von seinem Lehrmeister gelernt ...



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