EM in Gefahr
Es ist zwar richtig, dass die Bilder von fliegenden Bierbänken in halb Europa zu sehen waren. Daraus aber den direkten Schluss zu ziehen, der »Mini-Riot« (Arsene Wenger) würde Österreichs EM-Ambitionen gefährden, ist übertrieben. Um diesen Eindruck dennoch entstehen zu lassen, bog sich die »Kleine Zeitung« (29-07) auch schon mal ein paar Aussagen zu Recht.
Unter dem Titel »Skandal bei Testspiel - Blauer Fleck für EM-Bewerbung« war zu lesen: »Angriff. Ausschreitungen bei Rapid - Arsenal ziehen Bewerbung für EURO 2008 in Mitleidenschaft.« Dass die darauf folgenden Aussagen von ÖFB-Chef Stickler und seinem Schweizer Pendant Zloczower viel weniger drastisch ausfielen, wurde vom Autor negiert. Er zitierte Stickler (»Es ist schrecklich, wie ein paar Verrückte dem Image des Fußballs Schaden zufügen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dieser eine Vorfall auswirkt.«) und den Schweizer (»Es wäre blauäugig, zu glauben, der Vorfall würde von der UEFA nicht zur Kenntnis genommen.«), vergaß aber, dass ein seriöser Journalist »zur Kenntnis nehmen« nicht mit »in Mitleidenschaft ziehen« gleichsetzt.
Eine Stufe weiter ging die Steiermark-Ausgabe der »Neuen Kronen Zeitung« am selben Tag. Der Headline »Vier TV-Teams drehten live« folgte der unmittelbare Eisenstadt-Bezug: »Den Radau, den ein paar irre Rapid-Hooligans ... anzettelten, haben wir Steirer gebraucht wie einen Kropf: Matchabbruch - und die Hartberger habens zu büßen: Ihr Match gegen Henry, Vieira, Edu findet heute nicht statt. Trifft nicht nur die Region. Denn der Skandal wurde Europas Presse ... praktisch vor die Haustür geliefert!« Ein Stückchen weiter im Text tauchten endlich die TV-Teams auf. Allerdings nicht in Eisenstadt sondern in Graz: »Allein gestern übertrugen vier spanische TV-Teams GAK - Real live.« Weniger elegant kann man zwei Ereignisse nicht mischen. Die Gefahr: Sogar der durchschnittliche Krone-Leser schöpft Verdacht.
Hooliganklischees
Als Oberverschwörer zeichnete sich Wolfgang Winheim vom »Kurier« aus. Zweimal sah er etwas nicht Vorhandenes hinter den Kulissen und trat so den Beweis seiner Unkenntnis über die Fanszene an. Am 29-07 schrieb er in seiner Kolumne: »Noch ist nicht geklärt, welcher Gruppe jene fünf Vermummten (bei 26 Grad !) zuzuordnen waren. Ob Rapid-Ultras provoziert wurden? Ob der internationale Hooligan-Tourismus in Eisenstadt Station machte? Sicher ist nur: Der Skandal schadet mehr als das 0:9 von Valencia.« Fragen an den Autor: Was bitte ist der internationale Hooligan-Tourismus? Wo ist dieses Phänomen bisher zu Tage getreten? Winheim erfand ein Wort, verlieh ihm Flügel und trieb das Medienkonstrukt Hooligan einen Schritt weiter.
Am folgenden Tag wusste er dann mit der nächsten Sensation aufzuwarten: »Der Skandal war gezielt geplant« titelte er und sah Rapid-Präsident Edlinger als »Zielscheibe« von einigen »grünen Radikalinskis«. Und: »Laut Insiderinformationen ...soll es sich um gezielte Aktionen gegen Rapid-Präsident Rudolf Edlinger gehandelt haben .... Edlinger hatte schon vor Eisenstadt für einen Vereinsausschluss der Rowdys plädiert.« Die nächste Verschwörung. Allgemein wird ein Zwischenfall im Fanblock als Auslöser angesehen, der sich bis zur Eskalation hochschaukelte. Es ist zwar Fakt, dass sich ein Teil der Rapid-Fans und Edlinger ablehnend gegenüber stehen. Dem Präse aber gezielt den Anlass für ein Stadionverbot zu geben, klingt doch etwas absurd.
Hetze
Einige Reporter - vor allem von diversen Lokalausgaben des Kleinformats - zeigten aber auch, was sie von Supportern halten. Durch Verallgemeinerungen wurden sämtliche Rapid-Fans diskreditiert, manchmal wurde es auch richtig gehässig. So las man nach der Absage des Testspiels Austria gegen 1860, das in Amstetten hätte stattfinden sollen, in der »Neuen Kronen Zeitung« (NÖ, 01-08): »Die Angst vor neuerlichen Ausschreitungen überschattete alle Dialoge. Rapid-Fans hatten angekündigt, sich mit den 60-ern' zu vereinen und Jagd auf Violett zu machen. Feine Burschen, dieser asoziale Pöbel.« Was er am liebsten mit dem Pöbel gemacht hätte, verschwieg der Autor. Zum Glück.






erscheint am 12. Juli 2013.
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