Feiglinge, Intriganten, Folterer, Apologeten

WM-GESCHICHTE  Wieso die WM 2002 über Leichen ging, eine chilenische Hinrichtungsstätte als spieltauglich befunden wurde und die Foltergeneräle Argentiniens über den Weltmeistertitel jubeln durften. Ein etwas anderer Blick auf die Geschichte des World Cup und seine Veranstalter.
Stefan Kraft | 09.05.2008
Alle vier Jahre fahren die FIFA, ihre Sponsoren und das jeweilige Veranstalterland schwere Geschütze auf, um in einer gewaltigen Image-Kampagne der Weltmeisterschaft das entsprechende öffentliche Ansehen zu verleihen. Das Kräfteverhältnis zwischen Weltfußballverband und Gastgeber hat sich dabei im Laufe der Zeit seit der ersten WM 1930 deutlich verschoben. Inzwischen ist die FIFA so mächtig geworden, dass sich selbst eine Wirtschaftsmacht wie Deutschland für vier Wochen unter ihre Kontrolle begeben muss. Wie der deutsche Journalist Thomas Kistner in einer eindrücklichen Reportage für das »SZ-Magazin« (nachgedruckt in der österreichischen Zeitschrift »DATUM« 4/06) ausführte, werden die WM-Städte dabei ebenso über den Tisch gezogen, wie Druck auf Politiker, Behörden und lokale Wirtschaftstreibende ausgeübt. Nur ein Beispiel von vielen für den Allmachtswahn der FIFA zu WM-Zeiten: Auf dem Weg von den Hotels der Funktionäre bis zum Stadion sollen alle Werbeflächen, ausgenommen jene der offiziellen Sponsoren, verdeckt werden.
Im Gegenzug für die kurzfristige Macht­übernahme garantiert die FIFA, dass die WM nach außen hin ein durchwegs positives Bild des Gastgeberlandes und des Fußballsports abgibt. Weder die Schattenseiten des Sports, noch jene des Veranstalterlandes geraten dabei an die breite Öffentlichkeit. Gerade bei der Zusammenarbeit mit problematischen Gastgebern hat die FIFA eine lange Erfahrung und eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Diktatoren, Folterern und Mördern bewiesen.

 

Die Todesinsel

 

Am 15. Juni 2002 stieg im südkoreanischen Seogwipo das Achtelfinalspiel zwischen Deutschland und Paraguay. Nach 90 Minuten stand fest, dass Deutschland dank eines 1:0-Sieges weiter im Turnier bleiben durfte. Sowohl die FIFA wie auch die Machthaber in Seoul konnten aufatmen: Die wenigsten der Milliarden WM-Zuseher hatten mitbekommen, dass die Spiele in Seogwipo auf jenem Boden stattfanden, auf dem Jahrzehnte zuvor ein beispielloses Massaker seinen Ausgang genommen hatte.
Seogwipo liegt auf der Insel Jeju, auf der sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Abzug der japanischen Besatzungstruppen Komitees der lokalen Bevölkerung bildeten. 70 Prozent der Bevölkerung von Jeju waren Fischer und Bauern, die weitere fremde Machthaber über sich und ihre Insel ablehnten. Weder die neuen südkoreanischen Herrscher noch die amerikanische Militärverwaltung waren damit einverstanden. Nach einem Aufstand auf Jeju am 3. April 1948 legten sie die Insel in Schutt und Asche und begingen staatlichen Massenmord an den Einwohnern. Mindestens 30.000 Menschen fielen besonders grausamen Tötungen durch die koreanische Armee zum Opfer, Kinder wurden exekutiert, Greise zu Tode gequält und ein großer Teil der Frauen auf Jeju vergewaltigt, erschossen oder lebendig begraben. Die Waffen für das Massaker stammten von den USA, einem Teilnehmerland der WM 2002.
Noch bis in die 90er-Jahre hinein verhinderte der südkoreanische Geheimdienst Untersuchungen zum Jeju-Massaker. Als der WM-Tross 2002 auf der Insel eintraf, war bereits viel Gras über die verbrannte Erde gewachsen und das Großereignis konnte ohne Störungen durch die Ereignisse der Vergangenheit über die Bühne gehen.

 

69 Verschwundene

 

In Südkorea ging die Weltmeisterschaft über Leichen, die seit Jahrzehnten unbeachtet geblieben waren. In Argentinien 1978 waren die Exekutionen an den Gegnern des Militärregimes noch kurz vor der WM im Gange. Auch während der Veranstaltung ließen die Generäle das Morden nicht: 69 Menschen verschwanden (meist im Meer, abgeworfen aus Hubschraubern und Flugzeugen) während Österreich seinen Sieg über Deutschland feierte und Argentinien den Pokal holte. 1976 hatte die Junta gegen die Regierung von Isabel Perón geputscht und begann gleich in den ersten Tagen mit einem Vernichtungskrieg gegen die linke Opposition. Markenzeichen wurde das »Verschwindenlassen« von Personen: Zehntausende wurden zuhause oder auf offener Straße entführt, gefoltert und umgebracht. Schwangere Frauen wurden in den Kerkern der Geheimpolizei so lange am Leben gelassen, bis sie ihre Kinder zur Welt brachten. Anschließend wurden sie ermordet und die Kinder von Ehepaaren im Umfeld des Militärregimes adoptiert. Am 24. Mai 1977 erschossen argentinische Soldaten die deutsche Staatsbürgerin und Soziologin Elisabeth Käsemann. Zwei Wochen später trat die deutsche Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel in Argentinien an. Der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger gab später zu, von der Ermordung seiner Landsfrau bereits zum Zeitpunkt des Spiels gewusst zu haben.
Ähnlich unbefangen reiste die deutsche Elf zur WM. Auf kritische Fragen der Presse reagierten die Kicker, bis auf wenige Ausnahmen, mit zynischen Wortspenden. »Nein, belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird«, meinte etwa Manfred Kaltz. Kapitän Berti Vogts sorgte sich lieber um die Sicherheit des eigenen Teams.
»Für die FIFA-Führung war der Putsch ein Geschenk des Himmels, beendete er doch sämtliche Unsicherheiten bezüglich des Turniers«, schreiben Dietrich Schulze-Marmeling und Hubert Dahlkamp in ihrer »Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften«. FIFA-Präsident João Havelange ernannte sogar den Junta-General Lacoste zu seinem Vize und störte sich auch nicht daran, dass Argentiniens oberster Machthaber Videla das Turnier als »Weltcup des Friedens« bezeichnete. Während der Weltfußballverband mit den Faschisten kollaborierte und blutige Hände schüttelte, gab es auch Beispiele des Widerstands gegen die Verbrechen. Der niederländische Star Johan Cruyff blieb am Zenit seiner Karriere der WM aus Protest fern. Und Argentiniens Teamchef Menotti soll Videla den Handschlag nach dem Gewinn des Titels verweigert haben.

 

»Der Rasen befand sich in einem herrlichen Zustand«

 

Fünf Jahre zuvor hatte die FIFA ein anderes südamerikanisches Schreckensregime hofiert. In der Qualifikation zur WM 1974 in Deutschland mussten die Sowjetunion und Chile zu zwei Entscheidungsspielen gegeneinander antreten. Fünfzehn Tage vor dem Hinspiel in Moskau, am 11. September 1973, putschte sich General Pinochet mit Hilfe der CIA an die Macht. Eine Hetzjagd auf alle politischen Gegner begann. Hunderte wurden kurz nach dem Staatsstreich umgebracht, in Massengräbern verscharrt oder ins Meer geworfen. Tausende weitere Chilenen landeten in Sportstadien, die als Foltergefängnisse und Hinrichtungsstätten dienten. So auch im Nationalstadion von Santiago, wo die Sowjetunion (nach einem 0:0 im Hinspiel) um die Teilnahme zur WM spielen sollte. Doch die sowjetische Mannschaft weigerte sich, an einem Ort aufzulaufen, wo kurz zuvor noch Pinochets Schlächter ihrem Handwerk nachgegangen waren. Die FIFA sandte eine Delegation nach Chile, deren Bericht die makabre Denkart der Funktionäre widerspiegelt: »Der Rasen befand sich in einem herrlichen Zustand und alle Gefangenen befanden sich noch in den Umkleidekabinen«, zitiert Hardy Grüne in seiner »Fußball-WM Enzyklopädie 1930-2006« das Schreiben.
Da die FIFA das Stadion für tauglich befunden hatte, wurde am 21. November 1973 das Spiel vom österreichischen Schiedsrichter Linemayr angepiffen allerdings ohne das sowjetische Team. Am Platz standen elf chilenische Spieler, auf den Rängen ein paar bestellte Anhänger des faschistischen Regimes. Rudi Gutendorf, der deutsche Trainer der Chilenen, war vor den neuen Machthabern in die Heimat geflohen. Die Hausherren schoben den Ball ein paar Mal hin und her und dann ins gegnerische Tor. Da niemand da war, um den folgenden Anstoß durchzuführen, brach Linemayr das Spiel ab. Später wertete die FIFA das Match mit 2:0, sandte Chile zur WM und bestrafte so die Sowjetunion für ihren politischen Ungehorsam.
Als Torschützen des sinnlosen 1:0 tauchen in den Berichten sowohl der damalige Kapitän Valdez wie auch Abwehrspieler Carlos Caszely auf. Caszely erhielt später in Deutschland die erste Rote Karte der WM-Geschichte. Für ein Revanchefoul an Berti Vogts. 

Referenzen:

Heft: 22
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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