Fast wäre ihm ein Tor gelungen

FLOPS II Als Hugo Hernán Maradona 1990 zu Rapid kam, schlug der Transfer hohe
Wellen in Österreich. Allerdings nur kurzfristig. Die Medien, die Fans, die Mitspieler alle
wurden sie enttäuscht. Maradona spielte nur drei Ligaspiele für Grün-Weiß, in denen er
über einen Lattenschuss nicht hinauskam. Ein  Beitrag über das Scheitern des kleinen Argentiniers mit dem großen Namen.
Der Winter taucht Hütteldorf in ein unattraktives Grau. Kahle Bäume, auf dem Asphalt formt sich eine Mischung aus Matsch und Kies, der peitschende Wind stößt auf wenig Gegenliebe unter den Leuten, die sich im Freien aufhalten müssen. Die Mannschaft des SK Rapid ist auf Trainingslager, der Trainingsplatz »West 1« neben dem Gerhard-Hanappi-Stadion verwaist. Der Rasen, auf dem sonst die Spieler trainieren, glänzt im Sommer. Heute passt er sich dem trüben Umfeld bestens an.
In genau dieses Umfeld musste vor 18 Jahren ein schmächtiger Spieler mit großem Namen integriert werden: Maradona Hugo, nicht Diego. Nach Mario Kempes und Oleg Blochin wurde damals mit dem kleinen Bruder des Weltmeisters von 1986 ein weiterer großer Name in den österreichischen Fußball geholt. Zeitgleich streckte die Vienna ihre Fühler nach dem Kameruner Roger Milla aus.
»Die Wintervorbereitung war schlimm für ihn. Wir haben auf Kunstrasen trainiert, im Schnee. Das ist mühsam«, erinnert sich Rapid-Legende Peter Schöttel. »Er ist am Anfang auch gleich einmal ordentlich ausgerutscht und hingeflogen. Das sind schwierige Bedingungen, vor allem für Südamerikaner.« Der jetzige Sportklub-Trainer war einer von Maradonas Mitspielern. Und fragte sich wie so viele: Wie kommt der Bruder des vielleicht größten Fußballers aller Zeiten in den 14. Bezirk?


»Er hat seine Adresse nicht gekannt«

 

»Es war so«, sagt Hans Krankl, damals Trainer beim Rekordmeister, »es gab Kontakte zum SSC Napoli (seinerzeit geführt von Skandalfunktionär Luciano Moggi, Anm.), wo er mittrainiert hat. Er hat sich nicht durchsetzen können, war aber laut den Italienern ein guter Kicker. Aber: Die Serie A ist halt eine andere Geschichte als unsere Liga.« Rapid wollte es mit Hugo probieren, auch wenn er sich zuvor bei Ascoli und Rayo Vallecano nicht hatte durchsetzen können. Immerhin riet sogar »El Diez« seinem Bruder, es in Österreich zu versuchen, um via Rapid den Sprung in höhere sportliche Gefilde zu schaffen. Eingefädelt wurde der Wechsel von Skender Fani. Der Rapid-Vize und Krankl-Intimus holte Maradona auf Leihbasis. Für wie viel Geld, blieb geheim. Fani sagte nur: »Ein Maradona ist nicht billig.«
»Das war ein Coup mit großer Werbewirksamkeit«, erinnert sich der Journalist und Buchautor Edgar Schütz an die Präsentation Maradonas im Juni 1990. »Vorher fand die Weltmeisterschaft in Italien statt, wo Diego ziemlich gut im Futter war und begeisterte. Dass der kleine Bruder nach Wien kommt, hat hohe Wellen geschlagen.« Für ein Porträt im Magazin Wiener besuchte Schütz den Neo-Rapidler in dessen neuer Wohnung in Meidling. Außen ein Bau im 70er-Jahre-Stil, 15 Stockwerke, innen eine bequeme 80-m²-Wohnung. »El Turco«, wie Hugo Maradona in Argentinien genannt wird, erweckte einen freundlichen, aber nicht sehr selbstbewussten Eindruck. »Er hat seine Wohnadresse nicht gekannt. Da musste dann die Freundin aushelfen«, sagt Schütz.
Hugo Maradona war 21 Jahre alt, als er nach Wien kam, in eine fremde Welt, mit einer unbekannten Sprache. Glaubt man den damals Beteiligten, ist er aber nicht nur am
Kulturunterschied gescheitert. »Hugo hat unter seinem Nachnamen gelitten. Nicht als Mensch, sondern als Fußballer. Das war eine große Belastung für ihn«, puzzelt Krankl das Bild vom introvertierten, aber freundlichen Balltechniker ohne Society-Allüren zusammen: »Er ist immer gleich nach dem Training gegangen, hat sich zu Hause mit seiner Freundin eingesperrt und sich spanische Videos angeschaut.«

 

Drei Spiele, ein Lattenschuss, kein Glamour

 

Die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit, die Tricks am Feld und Glamour im Nachtleben
wollte, konnte Hugo Maradona nicht erfüllen. Es fehlte aber auch am Physischen. Dem nur gute 1,60 Meter großen Mittelfeldspieler wurden unzureichendes Durchsetzungsvermögen,
Verletzungsanfälligkeit und mangelndes Selbstvertrauen attestiert eine schlechte Mischung für einen Fußballer. Die großen Erfolge des Bruders im Süden Italiens vor Augen, andererseits den Schnee im winterlichen Osten Fußball-Österreichs an den Füßen, da fällt die Eingewöhnung schwer.
»An den Rahmenbedingungen kann es nicht gelegen haben. Er bekam eine schöne Wohnung, ein Auto, wurde gleich behandelt, wie alle anderen«, erzählt Franz Binder jun., Sohn des legendären Rapid-Stürmers »Bimbo« Binder. Der heute 62-Jährige war 15 Jahre bei Rapid als Manager und Leiter der Geschäftsstelle tätig. »Hugo hat nicht die Qualitäten mitgebracht, die man sich von ihm erwartet hat. Aber wenn ich die Chance habe, mich als Bruder von Diego Maradona zu profilieren, dann muss ich mich mehr anstrengen.«
Hugo Maradona widerlegte sämtliche Vererbungstheorien und absolvierte nur drei Pflichtspiele für Rapid. Treffer erzielte er nur in einem Vorbereitungsspiel gegen Lienz und in der U21, im Herbst 1990 musste er sich einer Meniskusoperation unterziehen. Seine beste Zeit während dieses Kurzengagements war laut Krankl »das Spiel gegen die Austria. Ich hab ihn für die letzte halbe Stunde gebracht, da hat er plötzlich super gespielt und mit seiner ersten Ballberührung Aluminium getroffen. Fast wär ihm also ein Tor gelungen.«
Ein halbes Jahr später, im Juni 1991, zog es Maradona in wärmere Gefilde, zuerst zurück nach Neapel, dann nach Venezuela, Uruguay und Japan, wo er seine unspektakuläre Karriere 1999 beendete. In Hütteldorf schaut Franz Binder aus dem Fenster. »Klimatische Bedingungen sind niemals allein die Ursache, ob man gut spielt oder nicht«, meint er. »A guter Kicker bleibt immer a guter Kicker, da dient das Wetter oft nur als Ausrede.«

Referenzen:

Heft: 32
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer