Punk beim Friseur
Rund um den Paulinenplatz, wo sonst Eltern ihre Kinderwägen vor sich herschieben oder mit den Kleinen zum Eisgeschäft radeln, bestimmen Fußballfans das Stadtbild. Vor dem Fanladen in der Brigittenstraße, dem Infozentrum der St.-Pauli-Fans und Sitz des Fanprojekts, stauen sich die Leute bis auf die Straße hinaus. Die letzten reservierten Karten werden abgeholt, zahlreiche Schals und T-Shirts der eigenen Modelinie gehen über den Fanladen-Tisch. Viele sind aber auch nur gekommen, um bei einer Flasche Astra die Nervosität zu ertränken und die letzten Infos zu Spiel und Aufstellung auszutauschen.
Zwei Ecken weiter im Friseursalon »Zuzalex« sind Scheren und Rasierer längst eingepackt. Statt »Cut & Clothes« gibt es auch hier eine billige Astra-Knolle und Fußball als Gesprächsthema. Das punkig gestylte Geschäftslokal ist voll mit fiebernden St.-Pauli-Fans. Thomas, Dauerkartenbesitzer auf der Gegengerade, ist zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn schon am Sprung zum nahe gelegenen Millerntor. Schließlich will er seinen Stammplatz direkt an der Mittelauflage besetzen, sobald sich die Stadiontore öffnen. »An so ein Nervenkostüm kann ich mich in über 20 Jahren Fangeschichte nur vier- bis fünfmal erinnern«, sagt der 48-Jährige, der von seinem über 100 Kilometer entfernten Wohnort Rendsburg aus zum Heiligengeistfeld pilgert. Schließlich setzt sich aber auch bei ihm die Zuversicht durch. »Mein Gefühl sagt mir, wir gewinnen 3:1. Auf der Hintour haben wir noch nie ein Spiel verloren«. Was heißen soll, dass sich ein St. Paulianer niemals vor Anpfiff geschlagen gibt.
»Wir steigen auf, du Fotze«, schallt es wie zur Untermauerung der Aussage lautstark aus der anderen Ecke des Salons. Der Spruch kommt von Dirk »Dicken« Jora, Sänger der Hamburger Punk-Band Slime, der sich ebenfalls beim Friseur auf das Spiel einstimmt. Begleitet wird die Ansage von einem heftigen Schulterklopfen für den männlichen Gesprächspartner. Vom gut aufgelegten Krakeeler schweift der Blick weiter aufs Schaufenster. Der Slogan eines der dort zum Verkauf angebotenen T-Shirts könnte kaum passender sein: »Punk, du Arschloch!« Die Atmosphäre im »Zuzalex« entspricht den gängigen Klischees über St. Pauli, schlecht ist sie deshalb noch lange nicht.
Das Prunkstück im Süden
Vor dem Stadion herrscht eine gute Stunde vor Anpfiff dichtes Gedränge. Im Schatten der aufeinandergestapelten Schiffscontainer, die ab Juni die 100-Jahre-Ausstellung des Vereins beherbergen werden, bahnen sich zahlreiche Kartensuchende den Weg durch die Menge. Sie werden genauso draußen bleiben müssen wie einige Schiedsrichterausweisbesitzer, die sich vor dem Büro der Abteilung Fördernder Mitglieder (AFM) anstellen auch das für sie reservierte Kartenkontingent ist längst erschöpft. Das Millerntor fasst in seiner aktuellen Umbauphase nur 19.900 Besucher, das Match gegen Augsburg ist seit Wochen ausverkauft. Auch hinter der Gegengerade steigen sich die Fans auf die Zehen. Im AFM-Container zapfen die Mitglieder des Fanklubs »Wer hat die Fahne?« ein Bier nach dem anderen. Dieser Ausschank wechselt Spieltag für Spieltag ihre Wirte, die Einnahmen kommen dem Verein zugute.
Das Millerntor besteht jedoch längst nicht mehr nur aus Containern, bröckelnden Betonstufen und knarrenden Tribünenverschlägen. Stolz des Vereins ist die in den Jahren 2007 und 2008 für kolportierte zwölf Millionen Euro errichtete Südtribüne, Teil eins des kompletten Stadionumbaus, an dessen Ende eine Arena für knapp 28.000 Zuschauer am Heiligengeistfeld stehen soll. Die mit einer schicken Glasfassade ausgestattete Hintertortribüne beherbergt den Vereinssitz, das Projekt »Fanräume«, den Fanshop sowie Medienräumlichkeiten und bietet an Spieltagen Platz für mehr als 5.500 Zuschauer aufgeteilt auf 3.000 Stehplätze, 1.364 Sitzplätze, 1.002 Businesssitze und elf Logen. Eingeweiht wurde sie mit einem Spiel des FC gegen die kubanische Nationalmannschaft im Juli 2008.
Bei einem Tribünenrundgang mit Sicherheitschef Sven Brux wird klar, was das neue Stadion für den Klub bedeutet. »Wir waren immer ein klammer Verein, weil wir für den Unterhalt unseres alten Stadions selber aufkommen mussten«, sagt Brux. »Das Geld ist regelrecht versickert. Der Asphalt wird aufgeworfen, die Wurzeln der Pappeln fressen sich in die Abflussrinnen und verstopfen die Toiletten. Dauernd muss etwas repariert werden.« Ende der 1980er Jahre hatte sich Sven Brux mit den Hausbesetzern aus der Hafenstraße am Millerntor breitgemacht, jetzt sieht er sich in der Situation, exklusive Sky-Boxen rechtfertigen zu müssen, die von den Inhabern individuell auf Rotlichtbar, Kapelle oder Hafenkneipe getrimmt wurden. »Die Logen unterm Dach merkt man fast nicht«, meint der Stadionchef zum ballesterer.
Auf der in Bau befindlichen Haupttribüne ist eine Doppeletage mit weiteren Logen vorgesehen. So manchen Fan ist dies ein Dorn im Auge. »Allerdings muss man auch sehen, dass die Leute auf den Business-Seats und in den Logen das Geld bringen, mit dem wir uns die 15.000 Stehplätze im neuen Millerntor leisten können«, so Brux. Die neue Haupttribüne soll im Sommer fertiggestellt sein. Aktuell klafft noch eine Baulücke am Millerntor, vor die ein 120 Meter langes Banner mit Fotos der St.-Pauli-Jahrhundertelf gespannt wurde. Überdimensionale Porträts von Klublegenden wie Klaus Thomforde, Thomas Meggle und des jetzigen Co-Trainers Andre Trulsen verdecken die Sicht auf die Fertigbetonteile, die am Tag mit Kränen in Position gebracht werden.
Rette sich, wer kann
Der Stadionumbau ist das plakativste Zeichen der Veränderung, die beim FC St. Pauli in den vergangenen Jahren Einzug gehalten hat aber bei weitem nicht das einzige. Der Klub steht finanziell so gut da wie selten zuvor in seiner 100-jährigen Geschichte. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete der FC St. Pauli 1,1 Millionen Euro Gewinn und erhielt die Lizenz zum ersten Mal seit Jahren im ersten Anlauf. Verbunden wird dieser Aufschwung gemeinhin mit einem Namen: Cornelius »Corny« Littmann.
Der schwule Comedian und Besitzer des Hamburger »Schmidt Theater« übernahm im Februar 2003 mit markigen Sprüchen (»So untreu ich meinen Sexualpartnern bin, so treu bin ich meinem Verein«) das Kapitänsamt auf dem maroden Fischkutter, um ihn an neue Ufer zu steuern. Zunächst musste der FC St. Pauli jedoch vor dem Lizenzverlust und dem damit verbundenen Abstieg in die sportliche Bedeutungslosigkeit gerettet werden. Der DFB forderte vom Drittligisten im Mai 2003 innerhalb von drei Monaten einen Liquiditätsnachweis in der Höhe von 1,95 Millionen Euro. Littmann und die Fans legten sich gehörig ins Zeug, um diese Summe aufzubringen.
In einer beispiellosen Aktion wurden über 100.000 »Retter«-T-Shirts verkauft, trotz der ungewissen Zukunft fanden 11.700 Dauerkarten für die kommende Saison Abnehmer, womit St. Pauli fünf Erstligisten hinter sich ließ. Kiez-Wirte schlugen bei der Aktion »Saufen für St. Pauli« einen Soliaufschlag von 50 Cent auf jedes verkaufte Bier, ein Nachwuchszentrum wurde für 720.000 Euro an die Stadt Hamburg veräußert. Littmann scheute bei all dem nicht davor zurück, Tabus zu brechen. Dass er die »Retter«-Leiberl auch bei McDonalds verkaufen ließ, der Hamburger CDU-Bürgermeister Ole von Beust mit an Bord geholt und der FC Bayern zum »Retter-Spiel« eingeladen wurde, sorgte bei vielen Anhängern für Unmut.
Hendrik Lüttmer, langjähriger Fan und Mitarbeiter des FCSP-Vermarkters Upsolut, schreibt im Buch »St. Pauli ist die einzige Möglichkeit«, den Verein hätte nicht Littmann, sondern »zigtausende bekloppte Fans« vor dem Untergang bewahrt: »Was sich Littmann dagegen sicher ans Revers heften kann, ist der charme-, scham- und stillose Ausverkauf einer Fankultur, die von ganz vielen engagierten Menschen über 15 Jahre mühsam aufgebaut worden war.« Dem Präsidenten war das egal: Am Ende standen Einnahmen von deutlich über zwei Millionen Euro zu Buche, und er konnte sich als der große Sieger fühlen ...
Die gesamte Reportage über den FC St. Pauli und ein Interview mit Trainer Holger Stanislawski finden Sie in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 52/Mai 2010) Ab sofort österreichweit in den Trafiken und an deutschen Bahnhofskiosken!






Zum 100. Geburtstag ist vieles neu beim FC St. Pauli. Nach dem Stadtteil wird auch das alte Millerntor aufgemascherlt und in der Kasse klingelts. Ein ganz normaler Verein wird St. Pauli aber auch mit Doppelstocklogen und dem Ausverkauf seines Kult-Images nie werden dafür sorgen schon die widerspenstigen Fans von der Basis.
erscheint am 12. Juli 2013.
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