Ein Gschropp seiner Zeit

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Gerhard Hanappi hat sich mehrere Denkmäler gebaut – als Spieler und als Architekt. Das von ihm geplante Stadion steht nicht mehr, Spuren seines Schaffens finden sich aber in der ganzen Stadt. Eine Reise durch Wien.

Es wird gebohrt, Beton gemischt, grüne Platten an der Fassade angebracht. Noch ist der Trockenbau nicht fertig. Auf der Nordseite wird gerade die für die Baufahrzeuge offengelassene Lücke in der Tribüne mit Betonfertigteilen geschlossen. Von den noch unbestuhlten Tribünen aus bekommt man aber schon einen Eindruck davon, was in Wien-Hütteldorf entstehen wird. Nach nicht einmal zwei Jahren Bauzeit soll hier Mitte Juli die neue Heimstätte von Rapid eröffnet werden. Das modernste Stadion Österreichs, wie es auf der Bautafel heißt. Darunter hat jemand mit einem schwarzen Filzstift groß „Weststadion“ geschrieben. So – und nicht nach dem Sponsor Allianz – will die organisierte Fanszene das neue Stadion nennen. Diesen Namen trug das Bauwerk, das noch bis vor zwei Jahren hier stand, bei seiner Eröffnung 1977. Ein übriggelassener Flutlichtmast außerhalb der neuen Stadionmauern soll in Zukunft an das alte Stadion erinnern. Benannt war es mehr als drei Jahrzehnte lang nach einem der besten Rapid-Spieler aller Zeiten – und dem Stadionarchitekten: Gerhard Hanappi.

 

Unter der Erde

Geht man vom Stadionvorplatz die Keißlergasse ein paar Schritte Richtung Bahnhof Hütteldorf, gelangt man zu einem Bauwerk, das noch den alten Namen trägt: die „Garage Hanappi-Stadion“. Dort herrscht derzeit nur eingeschränkt Betrieb, zwei der vier Räume der Tiefgarage unter den Trainingsplätzen sind gesperrt. In einem ist eine improvisierte Kraftkammer für die Nachwuchsmannschaften eingerichtet, der andere wird als Depot für Reste aus dem ehemaligen Stadion verwendet: Sessel, Drehkreuze und Gartenschläuche. Direkt hinter der grünen Kanone, die einst Bälle des Ausrüsters Diadora als Werbegeschenke ins Publikum feuerte, finden auf vier Autoabstellflächen Einrichtungsgegenstände des Vereinsmuseums Rapideum Platz. Hier lagern in zwei roten Plastikkisten die weiß gestrichenen, leicht ramponierten Metallbuchstaben des Hanappi-Schriftzugs, der 1981 am Stadion angebracht wurde. 14 Monate nach dem Tod des Architekten, 16 Jahre nach seinem letzten Spiel für Rapid und vier Jahre nach der Eröffnung seines wichtigsten Bauwerks.

 

Am anderen Ende des Depots findet sich der „Green-White-Walk“, der früher die Südseite des Stadions schmückte. Fans konnten Ziegeln kaufen und sich so neben Ehrentafeln von berühmten Spielern verewigen. Auch Gerhard Hanappi ist eine solche Tafel gewidmet. Er teilt sie sich mit Tormann Walter Zeman und Verteidiger Ernst Happel, seinen prominentesten Kollegen im großen Rapid-Team der 1950er Jahre. „Das kann man sich ja gar nicht mehr vorstellen, Rapid war damals eine der besten Mannschaften Europas, wenn nicht der Welt“, sagt Thorsten Leitgeb, Kurator des Rapideum. „Heute wäre das vergleichbar mit Barcelona, Real Madrid oder Bayern München.“

 

Alleskönner im All-Star-Team

Seinen Spitznamen „Gschropp“ hat der nur 1,69 Meter große Gerhard Hanappi schon, als er im Herbst 1950 zu Rapid kommt. Dort freuen sich zunächst nicht alle über den Neuzugang, der etatmäßige Mittelläufer Leopold Gernhardt fühlt sich durch den talentierten 21-Jährigen bedroht. Doch die beiden werden ein erfolgreiches Mittelläufer- Duo und 1951, 1952 und 1954 gemeinsam den Meistertitel sowie den Zentropa-Cup 1951 holen. Hanappis Ankunft macht Rapids Mannschaft komplett: Walter Zeman ist ein sicherer Tormann, Max Merkel ein konsequenter Stopper, Ernst Happel der erste Libero des Landes. Torgefahr bringen der schnelle Erich Probst und Mittelstürmer Robert Dienst, der erfolgreichste Rapid-Torschütze der Zweiten Republik. Johann Riegler ist die Pferdelunge in der Läuferreihe, Gernhardt und Hanappi sorgen für den Spielaufbau. Hanappi mit der etwas offensiveren Rolle.

 

Mit Spielen wie dem 6:1-Sieg gegen Arsenal 1953 macht die Mannschaft international Schlagzeilen. Ihre Stärke verdankt sie auch den taktischen Neuerungen, die Trainer Hans Pesser und Sektionsleiter Franz Binder von der Südamerika-Tournee 1950 mitgebracht haben: dem brasilianischen System. Dessen wesentliches Merkmal ist neben dem konsequenten Decken in der Defensive die Elastizität des Zusammenwirkens der Mannschaftsteile, wie bei einer Ziehharmonika. In diesem konditionell aufwendigen und technisch versierten Spiel kann Rapid mit neun Mann angreifen oder verteidigen. „Wir haben gespielt, um Tore zu schießen, heute werden die Jugendmannschaften schon darauf gedrillt, Tore zu verhindern“, sagt Gerhard Hanappi später. „Daraus ergibt sich auch, dass unser Spiel weit schöner und spannender war.“

 

Hanappi kommt vor allem als Mittelläufer zum Einsatz, zeichnet sich aber durch seine Vielseitigkeit aus. Die zeigt sich auch bei seinem Einsatz in der FIFA-Weltauswahl im Oktober 1953 in London. Sechs Österreicher sind nominiert: Neben den Rapidlern Hanappi, Happel und Zeman die beiden Austrianer Ernst Ocwirk und Ernst Stojaspal sowie Theodor Brinek vom SC Wacker. Als Trainer der Auswahl, die gegen England antritt, fungiert Walter Nausch. Als ein spanischer Funktionär die Position auf der rechten Seite für Real Madrids Joaquin Navarro Perona reklamiert, soll Nausch geantwortet haben: „Na gut, dann spielt Hanappi links. Der kann überall spielen.“ Beim 4:4 meldet Hanappi den englischen Starstürmer Stanley Matthews komplett ab. Matthews wird später sagen: „Ich hatte einen Trick. Nach innen andeuten, dann nach rechts oder links vorbeiziehen. Aber Hanappi hat das immer schon gewusst. Es war unmöglich, an ihm vorbeizukommen.“

 

Technik, Übersicht, Ausdauer

Begonnen hatte der am 16. Februar 1929 geborene Hanappi seine Karriere im Wohnzimmer, dann auf einer Wiese am Rosenhügel, wie er selbst sagte. Hier lebt er nach dem frühen Tod seiner Mutter bei Tante und Onkel im Gemeindebau. 1942 geht er zur Wacker. Eine andere Wahl hat er nicht. Im Nationalsozialismus sind die Nachwuchsteams formal der Hitlerjugend überantwortet, die Zuteilung zu den Vereinen erfolgt über die Wohnadresse. Für den Meidlinger Hanappi heißt das Wacker. „Ich habe damals bei Blau-Weiß Mariahilf gegen die Wacker-Jugend gespielt“, sagt der pensionierte Sportjournalist Karl Heinz Schwind im ballesterer-Gespräch. „Wir haben 0:4 verloren, drei Tore hat der Hanappi geschossen.“

 

Zwei Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus debütiert der 18-jährige Hanappi schließlich in der Wacker-Startformation. Am 1. Juni 1947 besiegt seine Mannschaft die Admira 2:0. „Im Zentrum der Deckung hatte Wacker den Junior Hanappi erstmalig eingestellt, der ein überraschend reifes und überlegtes Spiel vorführte und durch ein gutes Zuspiel auffiel“, schreibt der Sportfunk. Zwei Runden später ist die Wacker erstmals österreichischer Meister – und steht im Cupfinale gegen die Austria, das sie 4:3 gewinnt. „Und tatsächlich deklassierte der kleine Modellfußballer nicht nur sein großes Gegenüber Ocwirk, sondern einfach alle, die sich auf Zweikämpfe mit ihm einließen“, heißt es im Sport am Montag. Die Sportschau schreibt: „Nach der diesmaligen Leistung des jungen Meidlingers dürfte das Mittelläuferproblem für Wacker wohl für längere Zeit gelöst sein.“

 

Hanappi wird zum Star. „Man kann ihn nicht mit einem Wort beschreiben“, sagt Schwind. „Ernst Ocwirk hatte den Longpass, Ernst Melchior seine Schnelligkeit. Aber Hanappi konnte einfach alles: Technik, Übersicht, Ausdauer. Es hat im österreichischen Fußball wohl keinen kompletteren Fußballer gegeben.“ Tatsächlich soll Hanappi in seiner Karriere auf jeder Position mit Ausnahme des Tors zum Einsatz kommen.

 

Mitarbeit: Eric Phillipp

Foto: Archiv Michael Hanappi


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Referenzen:

Heft: 111
Rubrik: Thema
Verein: SC Wacker, SK Rapid
ballesterer # 120

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