Ein Gschropp seiner Zeit

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Gerhard Hanappi hat sich mehrere Denkmäler gebaut – als Spieler und als Architekt. Das von ihm geplante Stadion steht nicht mehr, Spuren seines Schaffens finden sich aber in der ganzen Stadt. Eine Reise durch Wien.

Es wird gebohrt, Beton gemischt, grüne Platten an der Fassade angebracht. Noch ist der Trockenbau nicht fertig. Auf der Nordseite wird gerade die für die Baufahrzeuge offengelassene Lücke in der Tribüne mit Betonfertigteilen geschlossen. Von den noch unbestuhlten Tribünen aus bekommt man aber schon einen Eindruck davon, was in Wien-Hütteldorf entstehen wird. Nach nicht einmal zwei Jahren Bauzeit soll hier Mitte Juli die neue Heimstätte von Rapid eröffnet werden. Das modernste Stadion Österreichs, wie es auf der Bautafel heißt. Darunter hat jemand mit einem schwarzen Filzstift groß „Weststadion“ geschrieben. So – und nicht nach dem Sponsor Allianz – will die organisierte Fanszene das neue Stadion nennen. Diesen Namen trug das Bauwerk, das noch bis vor zwei Jahren hier stand, bei seiner Eröffnung 1977. Ein übriggelassener Flutlichtmast außerhalb der neuen Stadionmauern soll in Zukunft an das alte Stadion erinnern. Benannt war es mehr als drei Jahrzehnte lang nach einem der besten Rapid-Spieler aller Zeiten – und dem Stadionarchitekten: Gerhard Hanappi.

 

Unter der Erde

Geht man vom Stadionvorplatz die Keißlergasse ein paar Schritte Richtung Bahnhof Hütteldorf, gelangt man zu einem Bauwerk, das noch den alten Namen trägt: die „Garage Hanappi-Stadion“. Dort herrscht derzeit nur eingeschränkt Betrieb, zwei der vier Räume der Tiefgarage unter den Trainingsplätzen sind gesperrt. In einem ist eine improvisierte Kraftkammer für die Nachwuchsmannschaften eingerichtet, der andere wird als Depot für Reste aus dem ehemaligen Stadion verwendet: Sessel, Drehkreuze und Gartenschläuche. Direkt hinter der grünen Kanone, die einst Bälle des Ausrüsters Diadora als Werbegeschenke ins Publikum feuerte, finden auf vier Autoabstellflächen Einrichtungsgegenstände des Vereinsmuseums Rapideum Platz. Hier lagern in zwei roten Plastikkisten die weiß gestrichenen, leicht ramponierten Metallbuchstaben des Hanappi-Schriftzugs, der 1981 am Stadion angebracht wurde. 14 Monate nach dem Tod des Architekten, 16 Jahre nach seinem letzten Spiel für Rapid und vier Jahre nach der Eröffnung seines wichtigsten Bauwerks.

 

Am anderen Ende des Depots findet sich der „Green-White-Walk“, der früher die Südseite des Stadions schmückte. Fans konnten Ziegeln kaufen und sich so neben Ehrentafeln von berühmten Spielern verewigen. Auch Gerhard Hanappi ist eine solche Tafel gewidmet. Er teilt sie sich mit Tormann Walter Zeman und Verteidiger Ernst Happel, seinen prominentesten Kollegen im großen Rapid-Team der 1950er Jahre. „Das kann man sich ja gar nicht mehr vorstellen, Rapid war damals eine der besten Mannschaften Europas, wenn nicht der Welt“, sagt Thorsten Leitgeb, Kurator des Rapideum. „Heute wäre das vergleichbar mit Barcelona, Real Madrid oder Bayern München.“

 

Alleskönner im All-Star-Team

Seinen Spitznamen „Gschropp“ hat der nur 1,69 Meter große Gerhard Hanappi schon, als er im Herbst 1950 zu Rapid kommt. Dort freuen sich zunächst nicht alle über den Neuzugang, der etatmäßige Mittelläufer Leopold Gernhardt fühlt sich durch den talentierten 21-Jährigen bedroht. Doch die beiden werden ein erfolgreiches Mittelläufer- Duo und 1951, 1952 und 1954 gemeinsam den Meistertitel sowie den Zentropa-Cup 1951 holen. Hanappis Ankunft macht Rapids Mannschaft komplett: Walter Zeman ist ein sicherer Tormann, Max Merkel ein konsequenter Stopper, Ernst Happel der erste Libero des Landes. Torgefahr bringen der schnelle Erich Probst und Mittelstürmer Robert Dienst, der erfolgreichste Rapid-Torschütze der Zweiten Republik. Johann Riegler ist die Pferdelunge in der Läuferreihe, Gernhardt und Hanappi sorgen für den Spielaufbau. Hanappi mit der etwas offensiveren Rolle.

 

Mit Spielen wie dem 6:1-Sieg gegen Arsenal 1953 macht die Mannschaft international Schlagzeilen. Ihre Stärke verdankt sie auch den taktischen Neuerungen, die Trainer Hans Pesser und Sektionsleiter Franz Binder von der Südamerika-Tournee 1950 mitgebracht haben: dem brasilianischen System. Dessen wesentliches Merkmal ist neben dem konsequenten Decken in der Defensive die Elastizität des Zusammenwirkens der Mannschaftsteile, wie bei einer Ziehharmonika. In diesem konditionell aufwendigen und technisch versierten Spiel kann Rapid mit neun Mann angreifen oder verteidigen. „Wir haben gespielt, um Tore zu schießen, heute werden die Jugendmannschaften schon darauf gedrillt, Tore zu verhindern“, sagt Gerhard Hanappi später. „Daraus ergibt sich auch, dass unser Spiel weit schöner und spannender war.“

 

Hanappi kommt vor allem als Mittelläufer zum Einsatz, zeichnet sich aber durch seine Vielseitigkeit aus. Die zeigt sich auch bei seinem Einsatz in der FIFA-Weltauswahl im Oktober 1953 in London. Sechs Österreicher sind nominiert: Neben den Rapidlern Hanappi, Happel und Zeman die beiden Austrianer Ernst Ocwirk und Ernst Stojaspal sowie Theodor Brinek vom SC Wacker. Als Trainer der Auswahl, die gegen England antritt, fungiert Walter Nausch. Als ein spanischer Funktionär die Position auf der rechten Seite für Real Madrids Joaquin Navarro Perona reklamiert, soll Nausch geantwortet haben: „Na gut, dann spielt Hanappi links. Der kann überall spielen.“ Beim 4:4 meldet Hanappi den englischen Starstürmer Stanley Matthews komplett ab. Matthews wird später sagen: „Ich hatte einen Trick. Nach innen andeuten, dann nach rechts oder links vorbeiziehen. Aber Hanappi hat das immer schon gewusst. Es war unmöglich, an ihm vorbeizukommen.“

 

Technik, Übersicht, Ausdauer

Begonnen hatte der am 16. Februar 1929 geborene Hanappi seine Karriere im Wohnzimmer, dann auf einer Wiese am Rosenhügel, wie er selbst sagte. Hier lebt er nach dem frühen Tod seiner Mutter bei Tante und Onkel im Gemeindebau. 1942 geht er zur Wacker. Eine andere Wahl hat er nicht. Im Nationalsozialismus sind die Nachwuchsteams formal der Hitlerjugend überantwortet, die Zuteilung zu den Vereinen erfolgt über die Wohnadresse. Für den Meidlinger Hanappi heißt das Wacker. „Ich habe damals bei Blau-Weiß Mariahilf gegen die Wacker-Jugend gespielt“, sagt der pensionierte Sportjournalist Karl Heinz Schwind im ballesterer-Gespräch. „Wir haben 0:4 verloren, drei Tore hat der Hanappi geschossen.“

 

Zwei Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus debütiert der 18-jährige Hanappi schließlich in der Wacker-Startformation. Am 1. Juni 1947 besiegt seine Mannschaft die Admira 2:0. „Im Zentrum der Deckung hatte Wacker den Junior Hanappi erstmalig eingestellt, der ein überraschend reifes und überlegtes Spiel vorführte und durch ein gutes Zuspiel auffiel“, schreibt der Sportfunk. Zwei Runden später ist die Wacker erstmals österreichischer Meister – und steht im Cupfinale gegen die Austria, das sie 4:3 gewinnt. „Und tatsächlich deklassierte der kleine Modellfußballer nicht nur sein großes Gegenüber Ocwirk, sondern einfach alle, die sich auf Zweikämpfe mit ihm einließen“, heißt es im Sport am Montag. Die Sportschau schreibt: „Nach der diesmaligen Leistung des jungen Meidlingers dürfte das Mittelläuferproblem für Wacker wohl für längere Zeit gelöst sein.“

 

Hanappi wird zum Star. „Man kann ihn nicht mit einem Wort beschreiben“, sagt Schwind. „Ernst Ocwirk hatte den Longpass, Ernst Melchior seine Schnelligkeit. Aber Hanappi konnte einfach alles: Technik, Übersicht, Ausdauer. Es hat im österreichischen Fußball wohl keinen kompletteren Fußballer gegeben.“ Tatsächlich soll Hanappi in seiner Karriere auf jeder Position mit Ausnahme des Tors zum Einsatz kommen.

 

Der Fall Hanappi

Nach dem Double mit der Wacker 1947 ist Hanappi ein gefragter Spieler, allein, die Meidlinger wollen ihn nicht ziehen lassen. Im Sommer 1950 kommt es zum Eklat: Hanappi meldet sich selbstständig vom Verein ab, um zu Rapid zu wechseln. Die Schlagzeilen beherrscht aber der angekündigte Transfer von Ernst Happel zur Wiener Austria. Hanappi und Happel sind bereit, lange Sperren in Kauf zu nehmen. Die Presse ist entrüstet. „Man muss die Übertrittsbestimmungen überdenken. Wenn heute ein Spieler gezwungen ist, bei einem Verein zu spielen, dem er nicht mit Freude angehört, so wird er mit Unlust spielen“, schreibt die Sportschau. Happel bleibt bei Rapid, Hanappi riskiert die Stehzeit.

 

Das Tauziehen geht über Monate. Die Wacker will den Spieler nicht freigeben und zeigt Rapid und Sektionsleiter Franz Binder wegen Kaperei an. Hanappi taucht unter. Ein Rapid-Funktionär urlaubt mit ihm im Salzkammergut, um ihn von Journalisten und Wacker-Vertretern fernzuhalten. Im Winter 1950/51 ist es dann so weit: Hanappi wird Rapidler. In der Presse kursiert eine Transfersumme von 130.000 Schilling, Rapids Sektionsleiter Binder sagt Jahre später im Express: „Wenn ich mich recht erinnere, kostete Hanappi 180.0000 bis 200.000 Schilling in bar.“ Für Hanappi ist der Wechsel ein sportlicher Aufstieg, für seinen Ex-Klub ein Trauma. Die Wacker schwört Rapid ewige Rache.

 

Vom Gemeindebau ins Einfamilienhaus

Heute gibt es den Klub nicht mehr, die Meidlinger Wacker fusioniert 1971 mit der Floridsdorfer Admira und übersiedelt in die Südstadt. Nachfolgevereine schaffen es nie über das Wiener Unterhaus hinaus. Der ehemalige Wacker-Platz ist heute der Schulsportplatz Schönbrunn. Südlich vom Schloss, dort wo der Arbeiterbezirk Meidling vom nobleren Hietzing abgelöst wird, vollzieht Hanappi seinen sozialen Aufstieg symbolisch. In der Fasangartengasse, die nach den angrenzenden ehemaligen privaten Jagdgründen des k.-u.-k.-Kaisers benannt ist, baut er sein Büro und direkt dahinter sein Einfamilienhaus. Dass der weiße Bungalow mit den großen Fenstern genauso gut in Malibu stehen könnte, ist kein Zufall – liefern doch die zahlreichen Überseereisen des USA-Fans die Inspiration dafür. Das Arbeiterkind aus Meidling sieht dank des Fußballs nicht nur die Welt, sondern auch die Universität. 1950 inskribiert der Abgänger der Staatsgewerbeschule Mödling, wie die HTL damals heißt, an der Technischen Hochschule in Wien Architektur. „Er hat einmal erzählt, dass der Fußball ein Geschenk für ihn war“, sagt Schwind. „Ein Geschenk, mit dem er sich seine Ausbildung finanzieren konnte.“

 

In der Fasangartengasse erfüllt sich Hanappi nicht nur seinen privaten Wohntraum, dort steht auch eines der zahlreichen von ihm geplanten Wohnhäuser. Sieben Stiegen mit 57 Wohnungen umfasst die 1972 eröffnete Anlage. Nicht nur die dominante graue Farbe, auch die Funktionalität fällt ins Auge: Neben den Parkplätzen im Inneren gibt es eine hauseigene Garage. Passiert man den Innenhof, steht man plötzlich in einem großen, auf der einen Seite von den Häusern, auf der anderen von den Schnellbahngleisen begrenzten Garten. Am Hinterausgang finden sich ein Spielplatz und Sitzgelegenheiten. Was man allerdings vergeblich sucht, ist ein Hinweis auf den Architekten. Wer die Anlage geplant habe, wisse er nicht, sagt auch Bernhard Schimek. Er wohnt seit sechs Jahren in dem Genossenschaftsbau für Gemeindebedienstete. Über den ballesterer-Besuch ist er überrascht, dann sagt er aber „Cool, jetzt kann ich erzählen, dass ich in einem Hanappi-Bau wohne“ und bietet eine Wohnungsbesichtigung an. Auch im engen Stiegenhaus dominiert die Farbe Grau, umso heller ist es dank vieler Fenster im Inneren. „Die Wohnung ist großartig, alles ist super funktional“, sagt Schimek. „Die Raumaufteilung ist sehr durchdacht. Das höre ich auch immer, wenn ich Besuch bekomme.“

 

Ehrungen von Austria und Österreich

Wenige Monate vor dem Abschluss seines Studiums gehört Hanappi im November 1956 zur Rapid-Mannschaft, die Titelverteidiger Real Madrid im Meistercup 3:1 schlägt. Mit einem Durchschnittsalter von fast 30 Jahren, viele Leistungsträger haben den Frühling ihrer Karriere bereits hinter sich. Im Entscheidungsspiel, das Rapid in Madrid 0:2 verliert, fehlt Hanappi. „Am Feld war der Rapid-Geist da, aber abseits davon war es eine Gruppenbildung“, sagt Schwind. „Hanappi ist intellektuell über den anderen Spielern gestanden. Seine besten Freunde in der Mannschaft waren der Zahnarzt Paul Halla und Franz Golobic, der im Sekretariat auch für die Journalistenbetreuung zuständig war.“ Auch 1956 und 1957 wird Rapid wieder Meister, ab 1957 führt Hanappi die Mannschaft als Kapitän aufs Feld.

 

1958 kommt es zum Umbau, junge Spieler wie Rudolf Flögel, Walter Glechner und Walter Skocik stoßen zum Verein. „Er war ein richtiges Vorbild“, sagt Flögel heute über Hanappi. „Ich habe einmal einen Ball verdribbelt, bin stehen geblieben und habe so eine Figur gezogen: ‚Na, macht nichts, kann passieren.‘ Er hat mich nach dem Spiel beiseite genommen und gesagt: ‚Bua, du musst dich ärgern, nicht stehen bleiben, zurücklaufen. Du musst gleich schauen, dass du den Gegner wieder störst.‘ Das habe ich nicht vergessen.“ 1960 wird die Mannschaft erneut Meister, 1961 Cupsieger. Im selben Jahr erreicht Rapid das Halbfinale im Europacup der Meister und scheitert an Benfica. Das Rückspiel im Wiener Praterstadion endet mit Schlägereien der Spieler und einem Platzsturm der Fans. Die internationalen Erfolge verleiten den FC Barcelona, zwei Millionen Schilling für den damals 32-Jährigen zu bieten. Doch Hanappi lehnt das Angebot ab, ebenso wie andere aus Kolumbien und Italien. Er will woanders hin: Seit 1962 ist der Diplomingenieur als Architekt zugelassen.

 

1964 beendet Gerhard Hanappi nach seinem siebten Meistertitel mit Rapid die Fußballerkarriere, auch wenn er in der folgenden Saison noch je einmal in Meisterschaft und Cup einspringt. Am Ende wird er zwischen 1951 und 1964 333 von 352 möglichen Meisterschaftsspielen absolviert haben. Im August 1965 wird Hanappi bei einem Freundschaftsspiel gegen den 1. FC Köln im Wiener Praterstadion vor 30.000 Zuschauern offiziell verabschiedet. Von Ernst Ocwirk erhält er ein Ehrengeschenk des Lokalrivalen Austria, von der Republik das Goldene Verdienstzeichen – er ist der erste Fußballer, der diese Würdigung erfährt.

 

Baumeister der Wirtschaftswunderzeit

„Er ist einer der wenigen, die aus Freude am Spiel Fußballer geworden sind. Hauptberuflich ist er Baumeister“, schreibt das Magazin Echo in einem Porträt. Diesem Hauptberuf kann sich Hanappi nach dem Ende seiner Sportlerkarriere komplett widmen. Er baut. Dass er Mitglied der in Wien mit absoluter Mehrheit regierenden SPÖ ist, schadet sicher nicht. Sein gutes Verhältnis zum für das Bauwesen zuständigen Stadtrat Kurt Heller ebenso wenig. Zuerst bekommt er eine Anstellung bei der Gemeinde, später eine Reihe öffentlicher Aufträge. 1965 wird in Stadlau das erste von ihm geplante Stadion eröffnet. Benannt wird es nach dem Sponsor des in Wien-Donaustadt ansässigen Vereins, der ÖMV – der Österreichischen Mineralölverwaltung.

 

Die OMV ist heute seit über 20 Jahren teilprivatisiert, den FC Stadlau sponsert sie seit 2005 nicht mehr. Der Verein ist diese Saison wieder in die Regionalliga Ost aufgestiegen und spielt dort überraschend gut mit. Auf dem Platz herrscht Mitte März beim Spiel gegen Oberwart trotz der Kälte gute Stimmung, der Stadionsprecher preist die Tombola an, das Match ist abwechslungsreich. Einer der rund 150 Zuschauer ist mit einem Rapid-Schal gekommen. Wer das Stadion gebaut hat, wisse er nicht, sagt er. Er sei aber auch zum ersten Mal hier. Dass die einzige Tribüne des Sportplatzes an das ehemalige Hanappi-Stadion erinnert, bemerkt vielleicht nur, wer es ohnehin weiß. Es ist ein zweckmäßiger grauer Betonbau. Es gibt keine Gedenktafel oder einen anderen Hinweis auf den Planer. Auch Stadlau-Sektionsleiter Walter Traxler kann die Frage nach dem Architekten nicht beantworten.

 

Doch nicht nur die Sportanlage in Stadlau, auch viele Hanappi-Häuser, ob in der Krottenbachstraße und der Obkirchergasse in Döbling oder in der Fasangartengasse in Hietzing, sind keine ästhetisch herausragenden Bauten, sondern funktionale Gebäude. Wie der Fußballer Hanappi durch seinen sozialen Aufstieg den wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er Jahre und die sozialdemokratische Hoffnung auf durchlässige Klassenschranken symbolisiert, verkörpert auch der Architekt Hanappi die Gedanken seiner Zeit. Zum Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre gehört eine kostengünstige, effiziente Erschließung neuer Wohnräume. In Wien wächst der Wohnungsbestand zwischen 1951 und 1971 um etwa ein Drittel. Fast 170.000 neue Wohnungen entstehen, der Großteil wird von der Gemeinde errichtet. Der künstlerische Aspekt von Architektur sollte erst später wieder größere Bedeutung erlangen – in Wien zum Beispiel 1968 mit der Gründung des avantgardistischen Architekturbüros Coop Himmelblau.

 

Die Rapid-Opposition

Zu diesem Zeitpunkt arbeitet Hanappi schon am Weststadion. Die Stadtpolitik hat damals große Pläne und will die Westautobahn ins Zentrum verlängern. An der Stelle der Pfarrwiese, Rapids in die Jahre gekommener Heimstätte, soll ein Zubringer entstehen. Der Klub braucht ein neues Stadion. Die Autobahnpläne werden sich später zerschlagen, doch im Juli 1969 beschließt der Wiener Gemeinderat den Bau des neuen Stadions. Ein Jahr später reicht Hanappi die Baupläne ein, die schließlich 1972 genehmigt werden. Die ursprünglich für 1974 angesetzte Fertigstellung wird immer wieder nach hinten verschoben, am 10. Mai 1977 spielt Rapid erstmals im neuen Stadion – und schlägt die Austria 1:0. In seiner Grußbotschaft zur offiziellen Eröffnung am 14. September schreibt Bürgermeister Leopold Gratz: „Die Stadt Wien hat dieses Bauwerk errichtet – mit Leben erfüllen müssen es die Sportler und Sportfreunde Wiens selbst.“

 

Daraus wird zunächst nichts, schon im Oktober 1977 wird das Stadion wegen baulicher Mängel gesperrt und erst ab 1978 richtig bespielt. Trotz der nötigen Nachbesserungen handelt es sich um ein modernes Fußballstadion. Von seiner Gestaltung mutet es britisch an, die Sitzreihen gehen bis zur Grasnarbe. Dass es ein reines Sitzplatzstadion ist, ist für die damalige Zeit ebenso ungewöhnlich wie die eingebaute Zisterne zur Bewässerung des Rasens. Die schlichte Optik verdankt das Stadion den Betonfertigteilen, die zur Konstruktion verwendet werden. Für Hanappi ist das Sportzentrum Wien-West, wie es in den eingereichten Plänen heißt, wohl der wichtigste Auftrag seiner Karriere. Doch er bereitet ihm auch Ärger: In seiner ursprünglichen Fassung hätte das Stadion um 90 Grad gedreht sein sollen, doch auf Wunsch der Gemeinde wird das Spielfeld an der ungewöhnlichen Ost-West-Achse ausgerichtet. Dadurch bläst der Wind durchs Stadion, die Sonne blendet die Gäste auf der Nordtribüne. Diese Kritik bekommt Hanappi ebenso ab wie die schlechte Presse nach der holprigen Fertigstellung.

 

Die Beziehung zu Rapid ist zu diesem Zeitpunkt längst getrübt. Ende der 1960er Jahre gehört Hanappi gemeinsam mit anderen Persönlichkeiten wie dem Klubarzt Oswald Schwinger zur sogenannten Rapid-Opposition, die sich mit der Führungsriege um Präsident Heinz Pruckner zerstritten hat. „Der Vorstand erklärt öffentlich, Rapid müsse jetzt ein Großklub werden. Damit ist aber letzten Endes nur gemeint, dass mehr Mitglieder im Vorstand sein werden als bisher“, sagt Hanappi in einem Interview. „Die realen Grundlagen für einen großen Profiklub, wie Rapid es werden soll, sind im Moment gar nicht gegeben.“ Im April 1969 wird Schwinger vom Verein ausgeschlossen, auch gegen Hanappi läuft ein Verfahren. „Es wäre allerdings bedauerlich, verfolgte man mit dem Vorgehen gegen Dr. Schwinger und Ing. Hanappi lediglich den Zweck, die Opposition mundtot zu machen“, schreibt die Arbeiter-Zeitung. Ein Schiedsgericht verhindert den Ausschluss des Ehrenmitglieds, doch das Verhältnis zwischen Hanappi und Rapid bleibt zerrüttet.

 

Der Abschied

Seit seiner Jugend leidet Gerhard Hanappi an Lymphdrüsenkrebs, trotz zahlreicher Operationen lässt sich der Tumor nicht endgültig entfernen. Die Erkrankung führt dazu, dass sich Hanappi immer stärker aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Am 23. August 1980 stirbt er. „Gerhard Hanappi war einer der Stillen, große Worte waren ihm fremd, sein Können und Wissen sprachen für sich selbst“, schreibt die Arbeiter-Zeitung in ihrem Nachruf. „Und still, beinahe unbemerkt, ist er von uns gegangen. Er wird dennoch immer zu den Unvergessenen zählen.“

 

Im Oktober 1981 wird das Stadion nach seinem Erbauer benannt, 2003 gibt ihm der damalige Rapid-Trainer Josef Hickersberger den Spitznamen „Sankt Hanappi“. Das bei den Sportlern und Sportfreunden anfangs unbeliebte Stadion ist längst mit Leben erfüllt, Rapid gilt als besonders heimstark. „Mit dem Stadion hat Hanappi eine ganze Generation von Fans nachhaltig geprägt. Er hat sich selbst ein Denkmal gebaut“, sagt Rapideum-Kurator Leitgeb. „Ich bin jetzt seit 22 Jahren in der Fanszene aktiv, das war wie ein zweites Zuhause“, sagt Dominik Hahn von den „Tornados Rapid“. „Ich will gar nicht daran zurückdenken, wie ich das Stadion zum letzten Mal betreten habe, das war ganz schirch.“ Beim Freundschaftsspiel von Rapid gegen Celtic am 6. Juli 2014 ist Gerhard Hanappi allgegenwärtig, auf jedem Platz liegt eine kleine Fahne mit seinem Konterfei, die die große Choreografie des „Block West“ untermalen soll – auch dort steht Hanappi im Zentrum. Als Alfred Körner, sein Mannschaftskollege aus den 1950er Jahren, die Rapid-Hymne anstimmt, stehen vielen der 17.500 Stadionbesucher die Tränen in den Augen. An diesem Tag spielt Rapid hier zum letzten Mal, 37 Jahre nach seiner Eröffnung wird das Gerhard-Hanappi-Stadion abgerissen.

 

Hütteldorfer Wahrzeichen

Heute stehen Betonreste und ein kleines Stück Rasen aus dem ehemaligen Stadion eingerahmt auf dem Schreibtisch von Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek. „Wir wissen, dass es ein weltweites Alleinstellungsmerkmal war, dass ein ehemaliger Spieler das Stadion seines Vereins geplant hat“, sagt er. „Doch um den Verein wirtschaftlich und sportlich in eine erfolgreiche Zukunft zu führen, war ein Neubau notwendig.“ Ebenso wie Peschek verweist auch Museumskurator Leitgeb auf den Flutlichtmast aus dem alten Stadion, der den Neubau überragen wird. „Wenn man mit der U-Bahn oder dem Zug nach Hütteldorf gefahren ist, hat man immer schon von Weitem die Flutlichtmasten gesehen, da ist die Vorfreude gestiegen“, sagt er. „Das Besondere am Stephansdom ist, dass er nur einen Turm hat, beim neuen Stadion wird es der eine Flutlichtmast sein.“ Nicht sichtbar, aber in voller Funktion ist ein anderes Überbleibsel des alten Stadions: Die von Hanappi geplante Zisterne wird weiter genutzt.

 

Darüber, dass ein Neubau nötig war, sind sich hier alle einig. „Ich war dafür. Es ist einfach nicht mehr anders gegangen, es war überall feucht, der Verputz ist runtergebröckelt, es war eine Katastrophe“, sagt Fan Hahn. Er gehört zu den Initiatoren der Weststadion-Kampagne, die für den zwischen 1977 und 1981 verwendeten Namen wirbt. „Wir wollen einen traditionellen Stadionnamen“, sagt er. Die Fans rollen bei jedem Spiel zu Beginn der Rapid-Viertelstunde ein Transparent mit der Aufschrift „Weststadion“ aus, besingen den Namen und vertreiben Fanartikel mit dem Schriftzug – inklusive eines eigenen Biers. Warum die kommerzkritische Initiative nicht für die abermalige Benennung nach Hanappi eintritt, erklärt Hahn so: „Die Bezeichnung hat perfekt für das alte Stadion gepasst, weil es nach dem Spieler und dem Architekten benannt war. Das wäre jetzt nicht mehr der Fall.“ Das Anliegen der Fans findet auch beim Verein Gehör, in exklusiv vermarkteten Spielen wie den UEFA-Bewerben wird Rapid die Stadionbezeichnung Weststadion nennen. „Das von Gerhard Hanappi geplante Stadion steht nicht mehr“, sagt Peschek.

 

Lost Grounds

Obwohl sein Stadion abgerissen sei, werde die Erinnerung an Gerhard Hanappi nicht verlorengehen, versichern Fan, Museumskurator und Geschäftsführer einhellig. „Der alte Name war ja nicht nur gerechtfertigt, weil er das Stadion gebaut hat, sondern weil er sich das als Spieler verdient hat“, sagt Hahn. „Rapid hat viele gute Spieler hervorgebracht, aber ganz wenige Weltklassefußballer – Gerhard Hanappi ist einer von ihnen. Im neuen Museum wird ihm eine Spielersäule gewidmet“, sagt Leitgeb. „Er ist eine der Ikonen des Vereins, eine große Persönlichkeit, der wir viel verdanken und der wir ein ehrendes Andenken bewahren werden“, sagt Peschek. Der Verein wird zudem im Zuge des Stadionbaus einen nach Hanappi benannten Vorplatz schaffen, der Vereins- und Stadionanschrift sein wird. Die Gemeinde hat den Namen bewilligt, noch ist der Stadionvorplatz aber nicht eröffnet. Dennoch gibt es das Straßenschild mit der Aufschrift „14., Gerhard-Hanappi-Platz 1“ im Fanshop bereits um 20 Euro zu kaufen.

 

Der Wacker-Platz, die Pfarrwiese, das Hanappi-Stadion – die wichtigsten Orte seiner Karrieren existieren nicht mehr. Seine Stadt hat sich verändert und ist dennoch voller Spuren des Fußballers und Architekten Gerhard Hanappi. In der Liebhartsgasse in Ottakring steht sein wahrscheinlich letztes Projekt, ein Gemeindebau. 1981 wurde er eröffnet, ein Jahr nach Hanappis Tod. Das fünfstöckige in Grau und Braun gehaltene Gebäude beherbergt 25 Parteien und einen städtischen Kindergarten. Auffällig sind die ersten beiden Obergeschoße, die straßenseitig durch offene Laubengänge erschlossen werden – eine Variante, die Vergleiche zu zeitgenössischer Baukunst nicht zu scheuen braucht. Neben dem Eingang hängt eine Tafel. Sie gibt das Motto – „Gesunde Wohnungen, Glückliche Menschen“ – des Hauses bekannt und nennt den Bürgermeister und die Stadträte, die das Gebäude errichten ließen. Darunter steht auch der Name des Planverfassers: Diplomingenieur Gerhard Hanappi. Dennoch sagt eine Bewohnerin, dass sie nicht wisse, wer das Haus gebaut hat, als sie dem ballesterer den Zugang in den Hinterhof öffnet. Dieser ist geteilt, auf der einen Seite ein kleiner Spielplatz des Kindergartens, auf der anderen nichts. Nur ein Schild hängt an der Wand, darauf steht: „Fußballspielen verboten.“

 

Mitarbeit: Eric Phillipp

Foto: Archiv Michael Hanappi

Referenzen:

Heft: 111
Rubrik: Thema
Verein: SC Wacker, SK Rapid
ballesterer # 121

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