Die Zeugen Diegos

ÖSTERREICH Wo Maradona auftrat, blieben stets Eindrücke für die Ewigkeit. Auf der Suche  nach Spielern in Österreich , die seinen Weg kreuzten wurde man in Mödling und Pregarten fündig.
Als Juventus Turin, das Sinnbild des verhassten Nordens, Anfang November beim S.S.C. Neapel gastierte, waren innerhalb von vier Stunden 20.000 Karten abgesetzt. Von einem derartigen Andrang konnte man im Süden Wiens immer nur träumen. Obwohl sich Juventus Turin auch schon hier die Ehre gab und Admira/Wacker 1994 aus dem UEFA-Cup warf. Zwölf Jahre später befindet sich die Admira in den Niederungen der zweiten Liga und würde sich neapolitanische Verhältnisse wünschen. Dazu bräuchte man aber wohl ein ähnliches Zugpferd, wie es Diego Armando Maradona einst in Neapel war.

Das Glück der Austria


»Mach ma a Hatzerl?«, ruft ein junger Admiraner mit gegelten Haaren seinem Trainer zu. Dieser heißt Ernst Baumeister und überblickt von der Seitenlinie die Übungen seiner Schützlinge. Dabei sitzt er auf einer Heurigenbank, umgeben von fünf Topfpflanzen, die wie er auch schon bessere Zeiten erlebt haben.
Die Gegebenheiten haben sich verändert, aber die Lust am Rauchen hat der 57er-Jahrgang nicht verloren, wenn er über die Vergangenheit spricht. Etwa vom März 1983, als die Wiener Austria im Hexenkessel des Camp Nou beim FC Barcelona gastierte.
Das torlose Remis aus dem Hinspiel in Wien dämpfte die Stimmung für das Retourmatch. Baumeister lächelt: »Wir hatten Glück, dass Maradona damals verletzt war. Dadurch hat er im Rückspiel dann gar nicht so gut gespielt, wie es von Seiten der Medien aufgebauscht wurde.«
Vor 40.000 Zuschauern stellten Baumeister und Mannschaftskollege Dzemal Mustedanagic jenen Spieler kalt, der bis heute nicht nur in Neapel als Fußballgott verehrt wird. »Gute Szenen hat er nicht gehabt, weil wir ihn ziemlich neutralisiert haben«, berichtet der ehemalige Austrianer nicht ohne Stolz. Durch seine Rolle links im Mittelfeld kam er mit dem späteren Weltmeister oft in Berührung.
Zur Überraschung aller Zuschauer und Kommentatoren ging der Außenseiter aus Wien in der 37. Minute in Führung. Logische Folge: Der Druck von Barcelona wuchs mit Fortdauer der Partie. »In den letzten 20 Minuten sind wir vom Tor nicht mehr weggekommen. Dennoch haben wir das Spiel relativ gut kontrolliert, dann ist ihnen halt die Zeit davon gelaufen. Wir wurden vielleicht nicht ganz ernst genommen«, erklärt das Mitglied der legendären Córdoba-Elf. Das Spiel endete 1:1, Austria stieg auf, die Enttäuschung in Katalonien war groß. Auch bei Maradona.
Während Diego drei Jahre später bei der Weltmeisterschaft in Mexiko den Titel für Argentinien fast im Alleingang holte, konnte er laut Baumeisters Schilderung bei Barcelona nicht wirklich Fuß fassen. »Die Mitspieler haben ihn nicht gesucht, sondern geschnitten. Beim Spiel gegen uns hat man das gemerkt. Er wurde nicht angespielt, wenn es nicht unbedingt notwendig war«, meint die Austria-Legende. »Vielleicht war es der Neid, weil sich alles um ihn gedreht hat.«

»Triff die 15 links oben«


Aniello Gaito ist in diesem Punkt anderer Meinung. Aufgewachsen in Striano, einem Vorort Neapels, verweist er weniger auf den Neid der Mitspieler, sondern mehr auf den Spaß Maradonas am Fußball. Gaito ist in Österreich zwar ein unbeschriebenes Blatt, in Neapel aber ein gern gesehener Gast. Scouts sichteten den 16-jährigen Aniello beim Kicken im Park und brachten ihn zum noch wenig erfolgreichen SSC Napoli. Bis der Tormann allerdings mit Maradona, dem »Retter Neapels«, in Berührung kam, sollte noch einige Zeit verstreichen.
Vor 19 Jahren, als Gaitos aktive Karriere schon mehr oder weniger beendet war, bekam der heute 56-Jährige die Ballbeherrschung des Argentiniers erstmals live zu sehen. Am Trainingsplatz Neapels, auf den er immer wieder als Besucher zurückkehrte. »Wenn Diego seine Tricks beim öffentlichen Training zur Schau stellte, gab es Applaus von tausenden begeisterten Zuschauern«, erinnert sich Gaito und zieht einen Vergleich mit Österreich: 3.000 Zuseher waren Mitte Oktober beim Spiel Pasching gegen den GAK anwesend, »in Neapel warens allein beim Training so viele Leute«.
Selbst der kleinste Trick des Argentiniers versetzte das neapolitanische Publikum in Ekstase. Gaito erinnert sich daran, dass ein Rechteck aus Pappe in das Tor gestellt wurde. Nummern von 1 bis 30 wurden eingezeichnet, nicht größer als 70 Quadratzentimeter das Stück. »Triff die 15 links oben«, rief jemand aus dem Publikum. Maradona setzte den Ball aus 20 Metern Entfernung, wie auf Befehl, auf die gewünschte Nummer. Anekdoten, die Gaito noch heute euphorisch machen und von Neapel schwärmen lassen. »Ich war ganz zufällig unten, als Napoli aufgestieg. Es war ein Wahnsinn, die Leute haben geweint. Schließlich ist die Stadt geprägt von Armut und Arbeitslosigkeit. Hier der reiche Norden und dort Neapel, als arme Königin des Südens. Man lebt als Neapolitaner auch gerne von Erinnerungen, wie jener an Maradona.«
Heute ist Aniello Gaito im oberösterreichischen Pregarten als Obmann der dort ansässigen Union tätig. Und das seit 1994. Die Liebe zu einer Frau war es, die ihn schlussendlich nach Österreich brachte. Eine andere Liebe, nämlich jene zum Fußball, ist dem heutigen Behindertenfachbetreuer dennoch geblieben. Angetrieben durch seine Kontakte nach Italien, lockte er Udinese Calcio zu einem Testspiel nach Pregarten, im Gepäck auch die aktuelle Mattersburg-Neuverpflichtung Carsten Jancker. Sein Herzensverein Neapel wollte Gaitos Ruf 2004 folgen, doch Konkurs und Zwangsabstieg des Traditionsvereins verhinderten das Freundschaftsspiel. Aniello Gaito hat seinen Plan deshalb aber nicht aufgegeben und insgeheim träumt er sogar von einem Gastspiel Maradonas im Mühlviertel                  

Referenzen:

Heft: 25
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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