Die Blüte dieser Mittelfeldabteilung entfaltet sich durch die Fähigkeit, genau zu wissen, wie man Solospitze David Villa füttern muss. Klein, antrittsstark und beweglich, zieht er es vor, die Bälle auf den Fuß gespielt zu bekommen, um mit Tempo auf den Verteidiger zuzulaufen. Der Valencia-Stürmer erzeugt Schussmöglichkeiten für sich und seine Mitspieler, indem er es versteht, seine Position auf die Stellung der aufgerückten Mittelfeldspieler abzustimmen. Das kann Fernando Torres noch nicht so gut obwohl er in Liverpool unter Benitez große Fortschritte gemacht hat. Der Vorteil von »El Niño« liegt hingegen in der körperlichen Robustheit, die eine wertvolle Zutat für das spanische EM-Team sein kann.
KEIN MAKELELE UND
DIE LINKE GEFAHR
Nun zum ersten Problemfall, der einen EM-Sieg der Spanier verhindern könnte: Das offensive Mittelfeld hat nur wenig Rückendeckung. David Albelda war den Großteil der Saison bei seinem Klub Valencia vom mittlerweile entlassenen Trainer Ronald Koeman kaltgestellt. Xabi Alonso zeigt bei Liverpool, dass er die Aufgaben der 6er-Position nicht erfüllen kann. Der Baske offenbart sowohl im Positionsspiel als auch in der Spieleröffnung ein ums andere Mal seine Schwächen. Nicht umsonst hat ihm Javier Mascherano bei den »Reds« den Rang abgelaufen. Marcos Senna von Villarreal wird wahrscheinlich den zentralen defensiven Part im Mittelfeld übernehmen. Der gebürtige Brasilianer ist eher in die Abteilung Wadlbeißer einzuordnen. Ihm fehlt es an Spielintelligenz um diese mittlerweile wichtigste Position im Fußball ausfüllen zu können, aber er macht zumindest die Lücken dicht, die durch die Vorstöße von Xavi und Fabregas entstehen.
Die eigentliche Gefahr lauert für Spanien in der Verteidigung. Die Zentrale ist durchaus gut besetzt: Carles Puyol wäre der weltweit beste Innenverteidiger, würde er nur zehn Zentimeter größer sein. Das Barca-Urgestein wird sich die Arbeit mit Carlos Marchena teilen. Der Mann von Valencia ist ein grundsolider Abwehrspieler, ausgestattet mit akzeptabler Technik, aber nicht so wendig wie Puyol. Dafür agiert er ungemein körperbetont oft an der Grenze zur Roten Karte. Auf der Bank sitzen mit Raúl Albiol (Valencia) sowie Pablo Ibáñez (Atlético) oder Juanito (Betis) brauchbare Alternativen.
Links schaut es hingegen alles andere als rosig aus. Joan Capdevila von Villarreal ist nicht mehr als ein Notnagel auf dieser Position, und sein Backup ist der außerhalb Spaniens zu Recht völlig unbekannte Fernando Navarro von Mallorca. Capdevila geht zu oft ungebremst nach vorne mit und kommt von seiner Position ab. Dem ohnehin nicht sehr zweikampfstarken Verteidiger fehlt dann die Kraft bei der Erledigung seiner defensiven Pflichten. Diese Abwehrseite kann die Achillesferse der Spanier bei dem Turnier werden, wenn die gegnerischen Trainer ihre Hausaufgaben gemacht und sich die Qualifikationsspiele der »Roja« angesehen haben.
RAMOS, DER EIGENTLICHE STAR
Wie so oft überdeckt der Hype um die Offensivabteilung das Eigentliche. Bei all dem Gerede über Cesc, Xavi, Iniesta und die anderen Spielmacher wird vergessen, dass der aktuell beste Spieler Spaniens Rechtsverteidiger Sergio Ramos von Real Madrid ist. Im Qualifikationsspiel gegen Dänemark im Oktober blieb er nicht nur wie fast immer defensiv fehlerlos, er erzielte auch das zweite Tor seiner Mannschaft. Am Ende eines flüssig vorgetragenen Angriffs mit 27 Pässen kam eine Steilvorlage zum aufgerückten Ramos, der aus spitzem Winkel elegant den herausstürmenden Torhüter überhob: eine perfekte Umsetzung des von Aragonés beworbenen schnellen Kurzpassspiels »tiki-taka«.
Ramos hat alle ballesterischen Attribute um zu einem Superstar zu werden. Verhindert wird das nur durch seine Position: Außenverteidiger sind neben dem Bassisten auf der 6er-Position die Drummer eines Fußball-Orchesters. Für die Erotikabteilung sind der Leadsänger und eventuell der Gitarrist zuständig, also grundsätzlich offensiv ausgerichtete Geister.
DIE SICHERHEITSLÜCKE ARAGONÉS
Spanien geht nicht das erste Mal mit einer sehr prominent besetzten Mannschaft in die EM. Immer wieder gab es aber eine Lücke im Verbund, die die eigentlich guten Darbietungen des Teams scheitern ließ. Systemfehler bleiben im Laufe eines Turniers nie unentdeckt. Ein Update zu entwickeln ist die fundamentale Aufgabe eines Trainers. Hier wären wir dann also beim zweiten großen Problem der spanischen Nationalmannschaft.
Warum Luis Aragonés nach der völlig vercoachten WM 2006 nicht gekündigt wurde, ist ein ungelöstes Rätsel. Der »Weise von Hortaleza« zeigte damals wenig von seinem lautmalerischen Wissen und wollte unbedingt ohne über einen Außenstürmer zu verfügen ein 4-3-3 spielen. Die Klasse der Einzelspieler reichte aus, um die Gruppenphase zu überstehen, aber Frankreich deckte im Achtelfinale gnadenlos die Fehler im spanischen System auf.
Es scheint, als hätte Aragonés angesichts seiner konsequenten Ignoranz hinsichtlich der Schwachstelle auf der linken Abwehrseite bei der WM nichts gelernt. Der 69-Jährige versucht Schwächen grundsätzlich mit einer offensiven Taktik zu überspielen. Während der mühevollen Qualifikation, in der Spanien erst spät in die Gänge kam und sogar gegen Nordirland eine Niederlage einsteckte, sprach er einige Monate nicht mehr mit spanischen Journalisten, er beschimpfte sie nur noch.
Jetzt redet Aragonés zwar wieder mit den Medien, ortet aber immer noch eine Hetzjagd gegen seine Person. Sein Verfolgungswahn ist nicht ganz unbegründet. Seit der WM wurde in der wenig zimperlichen Sportpresse Spaniens beständig über die Ablöse des Trainers und die möglichen Nachfolger spekuliert. Journalistischen Fragen kann Aragonés durchaus ausweichen, Fragen auf dem Fußballfeld müssen aber beantwortet werden, sonst kollabiert das System, weil es seine Stärken nicht mehr ausspielen kann. Es wäre nicht das erste Mal, dass Spanien mit großartigen Einzelspielern in der Mannschaft bei einem Turnier antritt und dann frühzeitig ausscheidet.






erscheint am 12. Juli 2013.
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