Die letzte Schlacht

cache/images/article_1931_img_1436_140.jpg Rekordstrafen, Fanausschlüsse, Auswärtssperren, Drohungen mit Stehplatzverbot: Politik, Vereine und Kurven in Deutschland steuern in der neuen Saison auf weitere Eskalationen zu. Pyrotechnik bleibt verboten, die Ultras kämpfen weiter aber wie lange noch?
Nicole Selmer | 14.08.2012

Diese Geschichte wird kein gutes Ende nehmen. Sie handelt von Ultras in Deutschland, der größten Gefahr für den deutschen Fußball, der Zweitfamilie zahlloser Jugendlicher, der einflussreichsten Subkultur Deutschlands oder einer Bewegung voller Pathos und Selbststilisierung je nachdem, wen man fragt. Sie handelt von Gewalt und Regelverstößen, der Liebe zum Verein und zu einer Kurve, die bebt. Und von der Frage, wie der Fußball und seine Fans morgen aussehen sollen.

Brandbeschleuniger
Die deutsche Bundesligasaison 2011/12 endet nicht auf dem Rasen, sondern in Talkshows und vor dem Sportgericht. Bei den Relegationsspielen um den Aufstieg beziehungsweise Verbleib in Liga eins und zwei gibt es Platzstürme, Pyrotechnik und Verletzte. Die Heimvereine der Rückspiele Fortuna Düsseldorf und der Karlsruher SC sind derzeit für die neue Saison mit je einem Geisterspiel, Düsseldorf zudem mit einer Strafe von 100.000 Euro belegt. Die Ultras, das seien gewissermaßen die »Taliban der Fans«, resümiert die ARD-Moderatorin Sandra Maischberger Ende Mai in ihrer Talkshow zum Thema »Kicker, Kohle, Krawalle«. Am Abend davor setzt der ZDF-Sportkommentator Johannes B. Kerner vor einem Fernsehstudio mit einem Bengalen eine bekleidete Schaufensterpuppe in Brand. Sie soll ein kleines Kind darstellen und in der Sendung »Gewaltige Leidenschaft wer schützt den Fußball vor seinen Fans?« die Gefahr von Pyrotechnik demonstrieren.


Über Kerner und Maischberger wird in Fanforen und Feuilleton gleichermaßen gespottet. Der »Trash-Talk« dreht jedoch nur weiter, was die Berichterstattung in Fernsehen und Presse zum Düsseldorf-Spiel bereits vorgegeben hat: »Skandalspiel«, »neue Qualität der Gewalt« und ein drohendes »Blutbad«. Verletzt wird in Düsseldorf allerdings niemand, der dortige Platzsturm ist ein verfrühter Jubellauf nach 15 Jahren Erstligaabsenz. Die 76 Verletzten der Relegation sind in Karlsruhe zu zählen, wo nach dem Abstieg des KSC der Platz gestürmt und Ordner attackiert werden, was jedoch weit weniger Beachtung findet. Die Unterscheidung zwischen echter und herbeigeredeter Gewalt, zwischen Aggression und Freude oder auch zwischen geworfenen und in die Höhe gehaltenen Fackeln in Düsseldorf ist für viele Medien zu kompliziert. Das gilt ebenso für das DFB-Sportgericht, dessen Urteile die Fortuna härter treffen. Wichtiger scheint ein anderer Unterschied zwischen den Partien in Düsseldorf und in Karlsruhe zu sein: Das erste Spiel wurde in der ARD übertragen und von 8,5 Millionen Zuschauern verfolgt, die zweite Partie lief lediglich im Regional­fernsehen.


Als Reaktion auf die vermeintlich zunehmende Gewalt bestellt Innenminister Hans-Peter Friedrich Vereine und Verbände Mitte Juli zu einem »Sicherheitsgipfel« nach Berlin. Es ist die Zeit der Hardliner. Fans kommen in der öffentlichen Diskussion kaum zu Wort weil sie gar nicht erst gefragt werden und weil sie sich vielen Anfragen verweigern. Simon vom Münchner Ableger des bundesweiten Bündnisses »ProFans« sagt: »Jeglicher gesunder Menschenverstand und alle Argumente wurden einfach weggespült. Wir hatten keine Chance, dagegen anzukommen. Wenn Boulevardmedien und Fernsehen etwas behaupten, und das möglichst plakativ und reißerisch, dann wird es einfach irgendwann zur Wahrheit.«

»Fußballmafia DFB«
Bereits im Oktober 2011 hatte ein Pokalspiel für medialen Aufruhr und hohe Strafen gesorgt. Während der Partie bei Borussia Dortmund zündeten Dresdner Anhänger Böller und warfen Bengalen Richtung Spielfeld. Der Verein wird mit einem »Geisterspiel« gegen den FC Ingolstadt zu Hause und einer Auswärtssperre gegen Eintracht Frankfurt bestraft. Für das Heimspiel im März 2012 verkauft Dynamo Dresden jedoch gemeinsam mit den Fans »Geistertickets«, also Karten für ein Spiel, das niemand sehen kann. Die »Ultras Dynamo« organisieren einen Marsch durch die Stadt samt Pyro und Gesängen vor dem Stadion, der Zuspruch bei weitem nicht nur aus der Ultra-Szene hat selbst Vorsänger Lehmann überrascht: »Das war ein Selbstläufer. Wir haben nicht damit gerechnet, dass da zwischen 8.000 und 10.000 Leute kommen. Die Mannschaft ist nach dem Spiel noch einmal rausgekommen und hat sich bedankt.«


Auch das folgende Spiel in Frankfurt wird eine Machtdemonstration der Ultras. Rund 800 Dresdner organisieren sich Karten und reisen trotz Auswärtssperre an, mit vorheriger Anmeldung bei den »Ultras Frankfurt«: »Wir haben angefragt, ob wir runterkommen können. Sie haben gesagt: Wir wollten auch schon fragen, ob ihr trotzdem kommt.« Nach Anpfiff geben sich die Dresdner durch »Dy-na-mo«-Rufe zu erkennen und stellen sich neben den gesperrten Gästeblock. In die »Fußballmafia DFB«-Gesänge fallen die Frankfurter ein, die ihrerseits wenig später mit Unterstützung der Fans von Union Berlin das eigene »Auswärtsverbot« demonstrativ umgehen. Lehmann sagt: »Na klar, wir sind mit den Ultras Frankfurt keine großen Kumpels. Aber die Gegner in Sachen Fankultur sind nun mal DFB, Politik und Polizei. Das sind die drei, die das Leben schwer machen.« Die Vorfälle zeigen, dass die immer weiter gedrehte Spirale der Strafen das Dilemma für Verband, Vereine und Fanszene nur verschärft, statt es zu lösen.

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 74, September  2012) Ab 16.8. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 74
Rubrik: Thema
ballesterer # 112

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