Die großen Sprünge

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In China leben 1,4 Milliarden Menschen, das Land ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – und will jetzt den Fußball erobern. Doch wie weit reichen das Geld der Chinese Super League und die Ambitionen der Regierung in Beijing?

Daniel Fuchs | 08.02.2017

„Es hat sich wie ein Erdbeben angefühlt. Ich werde nie vergessen, wie das ganze Stadion mit dem Singen und dem Anfeuern begonnen hat. Schon die Straßen davor waren mit Menschen vollgepackt, ein riesiges Menschenmeer. Und trotz des Gedränges würde ich meinen Sitzplatz heute noch wiederfinden.“ Li Jing war damals gemeinsam mit 40.000 anderen dabei, als die erste chinesische Profiliga vor 23 Jahren ihren Betrieb aufnahm, heute arbeitet der 37-Jährige als Sportjournalist in Chengdu. In seinem Büro im Zentrum der 14-Millionen-Einwohnerstadt in der Provinz Sichuan erzählt er an diesem angenehm warmen Dezembernachmittag vom Fußball. Mit ehrgeizigen staatlichen Reformplänen und Transferrekorden sorgt die chinesische Liga derzeit für internationale Schlagzeilen – und für Angst bei den alten Herrschern des Sports in Europa. Die Begeisterung für den Fußball ist im Land mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern jedoch keine Neuheit. Die Geschichte der letzten 25 Jahre ist voller ambitionierter Ziele, Krisen und Konflikte – die Liga entwickelte sich zum beliebten Experimentierfeld für Politiker und Unternehmen.


Neue Liga, neues Geld
Die Kindheitserinnerung, die Li Jing niemals vergessen wird, markiert den Beginn der Kommerzialisierung des chinesischen Fußballs. Am 17. April 1994 wird die erste Saison der Profiliga im Sportzentrum Chengdu eröffnet. Sichuan Quanxing und die favorisierten Liaoning Yuandong trennen sich 1:1, Quanxing-Trainer Yu Dongfeng wird später der Sportzeitung Zhongguo Tiyu Bao sagen: „Ich habe nicht damit gerechnet, dass so viele Leute kommen und wir so gut spielen würden. Hätte ich das gewusst, hätte ich einen Anzug getragen, nicht meine alte Trainingsjacke.“ 


In der höchsten Spielklasse treffen zwölf Teams aufeinander. Die International Management Group, IMG, kauft sich als Vermarkter ein, der Tabakkonzern Philip Morris wird Namenssponsor. Die Teams der Marlboro Chinese Football League werden mehrheitlich von Staatsunternehmen und lokalen Regierungen finanziert, doch bald steigen auch private Firmen in den Sport ein. Die wirtschaftliche Ausrichtung Chinas ist im Umbruch. 1992 hat die Kommunistische Partei die Etablierung einer sozialistischen Marktwirtschaft zum Ziel erklärt, ausländische Investitionen und Privatisierungen nehmen in den folgenden Jahren massiv zu. Für die Reform des bis dahin unter strikter staatlicher Kontrolle stehenden Sportsystems wird der Fußball zum Vorreiter erkoren. Marktwirtschaftliche Mechanismen sollen, so die Zielsetzung, erst dort und dann auch in allen anderen Sportarten eine immer wichtigere Rolle einnehmen. „Fußball ist die größte Sportart der Welt“, sagt Li Jing. „Er bietet eine gute Möglichkeit, mit dem Ausland zu kommunizieren und sich zu messen.“

Goldener Markt, gelber Orkan
Neben den wirtschaftlichen Veränderungen hat auch das blamable Abschneiden der Nationalmannschaft die Reform des Fußballsystems beschleunigt. Schon als das Nationalteam im Mai 1985 in Beijing gegen Hongkong mit 1:2 verloren hatte, war es zu Ausschreitungen mitsamt nationalistischer Parolen und Attacken auf ausländische Journalisten gekommen. Niederlagen gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1990, die damit verpasst wird, treiben den Unmut auf die Spitze. 


Der anfängliche Erfolg der Profiliga scheint den Reformkurs zu bestätigen. Im ersten Jahr ihres Bestehens zieht die erste Spielklasse mehr als zwei Millionen Zuschauer an, mit durchschnittlich etwa 20.000 Stadionbesuchern pro Spiel. 1996 sind es 3,2 Millionen, und auch die Zahl der registrierten Fußballer nimmt deutlich zu. Der für Wirtschaftsreformen verantwortliche Minister Li Tieying verkündet im Dezember 1995: „Der Fußballsport ist der Pionier bei der Reform unseres Sportsystems. Er hat ein gutes Beispiel geliefert.“

Die Fußballbegeisterung breitet sich in ganz China aus, doch die südwestliche Provinzhauptstadt Chengdu steht an der Spitze des Trends. Sie gilt als goldener Fußballmarkt, das 40.000 Zuschauer fassende Stadion im Stadtzentrum ist 1994 zu 95 Prozent ausgelastet, und die Fans machen sich schnell im ganzen Land einen Namen. Der gelbe Orkan – so wird die Stimmung bei den Spielen von Sichuan Quanxing in den Medien bezeichnet. „Die Leute haben sich zwei Tage und Nächte angestellt, um an Matchkarten zu kommen“, sagt Li Jing. Dass der Verein immer weit davon entfernt ist, um den Meistertitel zu spielen, tut der Euphorie keinen Abbruch. Im Gegenteil. Einen Höhepunkt erreicht die Begeisterung im Abstiegskampf 1995, als 60.000 Fans – 20.000 mehr als zugelassen – zum letzten Saisonspiel ins Sportzentrum der Stadt strömen.

Mitarbeit: Li Xiaobin & Zhao Yuechen

Foto: Li Xiaobin

 

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Referenzen:

Heft: 119
Thema: China
ballesterer # 120

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