Des einen Freund

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Die Beziehungsgeflechte der italienischen Ultraszene haben sich über Jahrzehnte entwickelt. Sie sind kompliziert, von Prügeleien, Zufällen und sportlichen Ergebnissen geprägt – und verlieren zunehmend an Bedeutung.

Kai Tippmann | 11.04.2017

„Noi odiamo tutti“ – Wir hassen alle. Ein Spruchband der „Brigate Gialloblu“ von Hellas Verona brachte schon in den 1980er Jahren auf den Punkt, was man italienischen Ultras gemeinhin unterstellt. Alles dreht sich um Konflikte, Beleidigungen und Gewalt. Dabei stimmt die Pose nur zum Teil. Denn bereits mit dem Entstehen der ersten Ultragruppen in den 1960er Jahren entwickelten sich parallel zu den zahlreichen Feindschaften auch Freundschaften. Oder sogar noch mehr, denn der dafür verwendete Begriff gemellaggi leitet sich eigentlich vom Wort für „Zwillinge“ ab.

Respekt für den Mopedfahrer
Die Gründe für diese Verbindungen erschließen sich dabei nicht immer auf den ersten Blick. Absurd scheint etwa, dass sich in den 1970er Jahren geografische Nachbarn und heutige Rivalen wie Modena und Reggiana sowie Padova und Vicenza verbündeten. Oder dass die Beziehung zwischen Hellas Verona und Fiorentina zu den engsten und langlebigsten der Ultrabewegung zählt. Sie hält seit mehr als 40 Jahren und hat selbst die Auflösung der maßgeblichen Gruppen überlebt. Dabei hatten sich beide Kurven politisch schon 1976 nichts zu sagen. Die „Brigate Gialloblu“ machten aus ihren rechten Überzeugungen nie einen Hehl, auf der ganz anderen Seite stand das „Collettivo Autonomo Viola“ aus Florenz. Bis zum Jahr 1976 war das Verhältnis der beiden Fanszenen hitzig, dann aber fuhr Fiorentina-Capo Stefano Biagini zur Provokation mit dem Moped durch die Fankurve von Hellas. Die Gegner nahmen es sportlich, der Applaus für die Aktion mündete schließlich im gemellaggio. Als sich die „Brigate Gialloblu“ 1991 auflösten, ehrten die Fiorentina-Fans die Gruppe, indem sie ihre Kurve komplett in Blau und Gelb tauchten.

Gegenseitiger Respekt ist also ein mögliches Motiv einer Freundschaft. Respekt, weil der Gegner sich der Auseinandersetzung stellte. Respekt, weil der Kampf fair ablief. Respekt, weil man sich als Ultras schätzt. Diese Haltung kann auch viel augenscheinlichere Gründe wie eine gemeinsame politische Linie überlagern. So etwa bei Livorno und Ternana − deren Freundschaft entstand nicht etwa aufgrund der gemeinsamen linken Linie, sondern aus Prügeleien untereinander. Auch Ancona und Cosenza lernten sich zunächst in Jahren der körperlichen Auseinandersetzung schätzen.

Rache für die Häme
Ein weiteres Motiv für Verbrüderungen − und häufiger noch für wütende Feindschaften − sind sportliche Ereignisse. So fanden die Fans von Genoa und Napoli am 16. Mai 1982, dem letzten Spieltag der Serie A, zueinander. Milan und Genoa spielten im Fernduell gegen den Abstieg. Die Mailänder drehten ihr Spiel in Cesena nach einem 0:2-Rückstand noch in ein 3:2, Genoa lag in Neapel 1:2 zurück und drohte abzusteigen. Daran wiederum hatten die Neapolitaner kein gesteigertes Interesse, denen auch ein Unentschieden zum Erreichen des UEFA-Cup-Platzes reichte. Die Fans begannen, die Angriffsbemühungen der Gäste zu unterstützen. Als Mario Faccenda kurz vor Schluss zum Ausgleich traf, explodierte das gesamte Stadion in einem Freudentaumel, der Grundstein für die Verbrüderung der beiden Fanlager war gelegt. 2007 wurde diese noch einmal bekräftigt, als beide Teams dank eines Unentschieden am letzten Spieltag der Serie B den gemeinsamen Aufstieg feierten.

Doch bevor Genoa und Milan im Abstiegskampf 1982 erbitterte Rivalen wurden, waren die beiden Kurven einmal miteinander befreundet. Die Fans kannten sich von Demonstrationen der außerparlamentarischen Linken der 1970er Jahre, sie hatten diese Nähe auch ins Stadion mitgenommen. Bis zu jenem 18. April 1982. Milan gewann an diesem Sonntag sein Abstiegsduell in Genua 2:1. Der Jubel der Mailänder darüber stieß den Heimfans übel auf, er sei übertrieben und hämisch ausgefallen. Aus der Rivalität sollte sich 13 Jahre später eine der größten Feindschaften im italienischen Fußball entwickeln. Am 29. Jänner 1995 wurde der Genoa-Fan Vincenzo Spagnolo vor dem Stadion von einem Milan-Ultra der „Brigate II“ erstochen. Milan-Anhängern war danach 15 Jahre die Auswärtsfahrt nach Genua verwehrt, weil der Staat nicht für ihre Sicherheit garantieren konnte.


Schwierige Freundschaften
Rivalitäten können aber auch der Ausgangspunkt von Freundschaften sein, schließlich gilt fast überall der Grundsatz: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ So basiert das seit 1973 bestehende gemellaggio zwischen dem FC Torino und der Fiorentina auf dem gemeinsamen Gegner Juventus. Manchmal benötigt diese Logik aber auch einige Umwege, wie die Geschichte der Kurven aus Rom und Mailand zeigt. Denn bevor die Milan- und Roma-Fans in den 1980er Jahren eine intensive Rivalität begannen, waren sie zu Beginn des Jahrzehnts kurz befreundet gewesen. Diese weitgehend vergessene Freundschaft wirkt bis heute nach, denn sie gab Milans Stadtrivalen Inter Anlass, sich mit den Fans von Lazio aus Rom zusammenzutun. Eine Freundschaft, die in den folgenden Jahren einige massive Belastungsproben zu überstehen hatte. Etwa das UEFA-Cup-Finale 1998 zwischen den beiden Klubs, das Inter klar gewann. Oder den für Inter traumatischen 5. Mai 2002. Ein Sieg bei Lazio hätte den Mailändern damals am letzten Spieltag die Meisterschaft gesichert – sie verloren 2:4. Die Fans feierten trotzdem gemeinsam. Geradezu legendär wurde der Support der Lazio-Fans gegen die eigene Mannschaft in einem Spiel 2010, das Inter den Weg zur Meisterschaft ebnete. Leidtragende war die AS Roma. 

Vermutlich stellte die rechte Ausrichtung der beiden Kurven den Kitt bereit, der sie aneinander band. Eine ähnliche Ideologie reicht aber nicht aus, um Kurven in Freundschaft zu vereinen, wie ein anderes Beispiel von Inter zeigt. Die Mailänder waren zwar mit Hellas verbunden, nach der Auflösung der „Brigate Gialloblu“ hatte die neue Generation der Veroneser Ultras aber keine Lust mehr auf diese Freundschaft. Sie schickten einen Emissär in die Mailänder Curva Nord, der dort das Ende der Freundschaft mitteilen sollte. Ein anschließend hastig organisierter Faustkampf besiegelte den Beginn einer innigen Feindschaft.

Leere Machtworte
Neben den sportlichen Erlebnissen, dem gegenseitigen Respekt vor der Mentalität der anderen Ultras und politischen Überschneidungen können aber auch ganz andere Motive Freundschaften begründen. Als die US Palermo 1986 in Konkurs schlitterte und vom Verband aus dem Vereinsregister gestrichen wurde, sprach sich einzig Lecce-Präsident Franco Jurlano gegen diese Entscheidung aus. Die Fans aus Palermo danken es den Leccesi bis heute mit inniger Zuneigung. Selbst der letzte Spieltag der Serie B 2003 konnte daran nichts ändern, als die Teams gegeneinander um den Aufstieg spielten und Lecce 3:0 gewann. Doch nicht immer haben die Taten von Funktionären den gewünschten Effekt. So bemühte sich der aus Neapel stammende Foggia-Präsident Pasquale Casillo jahrelang um eine Freundschaft mit Napoli. Spielte Napoli in Foggia, wurden die Fans sogar mit neapolitanischer Musik begrüßt. Die auf dieser Grundlage entstandene Pseudofreundschaft hielt aber nur ein paar Monate. Am 3. Mai 1992 verlor Napoli in Foggia 0:1, die Gästefans stürmten den Platz und kamen ohne Punkte, aber mit der Zaunfahne von Foggia zurück.

Drillinge
Andere Freundschaften, vermutlich sogar die meisten, basieren auf einfachen Zufällen. Fans lernten sich bei gemeinsamen Stadionbesuchen kennen und gingen danach vielleicht gemeinsam noch etwas trinken. Andere schlossen an der Universität Bekannschaft. Die jeweiligen Herausgeber von Fanzines suchten Kontakt, Kurvenmaterial wie Schals und Pickerl wurden gesammelt und getauscht – so kam es zu Gesprächen und gegenseitigen Besuchen. Freundschaften zwischen Einzelpersonen konnten sich auf gesamte Gruppen ausdehnen. Durch eine solche Dynamik kamen auch die weit verbreiteten Dreiecksbeziehungen zustande. Wenn Ultras befreundeter Kurven sich gegenseitig besuchten, gab es oft Gelegenheit, weitere Freunde kennenzulernen – und ein gemellaggio auszuweiten Die Dreiecke Modena – Pistoia – Venezia, Cosenza – Genoa – Pisa, Bari – Reggina – Salernitana und Ancona – Genoa – Napoli sind so entstanden. Gäste wurden in eine Kurve eingeladen und lernten dort die anderen Freunde kennen. Obwohl man sicher keine starke Rivalität mit den Freunden eines Freundes beginnt, muss eine solche Überschneidung nicht in einer Verbrüderung münden. So sind Atalanta und Ternana seit Jahrzehnten eng miteinander verschweißt, eine echte Freundschaft zwischen den ebenfalls mit Bergamo verbündeten Fans aus Caserta wollte aber trotzdem nie entstehen.

So vielfältig wie die möglichen Motive für die Entstehung einer Freundschaft sind auch die Gründe für ihr Ende. Generationswechsel in den Kurven, die Auflösung historischer Gruppen, Streitigkeiten über politische Fragen und die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit repressiven Maßnahmen des Staates beendeten viele, selbst Jahrzehnte andauernde Verbindungen. Mit dem allmählichen Untergang der Ultrakultur in Italien verloren auch die gemellaggi an Bedeutung. Fragt man italienische Ultras heute nach den Freundschaften ihrer Kurve, bekommt man meist die gleiche abwertende Antwort: „Ja, das sind aber nur Einzelkontakte.“  

 

Foto: sportpeople.net

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