Der Ritter und seine Tafelrunde

cache/images/article_2528_milan_ha_140.jpg

Er versprach Italien wirtschaftlichen Erfolg und den Fans des AC Milan viele Meistertitel. Silvio Berlusconi baute einen der erfolgreichsten Klubs der Welt auf und wurde der mächtigste Mann des Landes. Nach knapp 30 Jahren geht seine Ära zu Ende.

Jakob Rosenberg | 14.10.2015

5:0 Carlo Ancelotti, Frank Rijkaard, Ruud Gullit, Marco van Basten und Roberto Donadoni haben getroffen und Real Madrid die höchste Nieder­lage seiner Europacupgeschichte zugefügt. Pierangelo Rigattieri war am 19. April 1989 dabei auf den Rängen des Stadions San Siro. Seine Stimme überschlägt sich, seine Augen leuchten noch heute, wenn der Redakteur des Blogs Milan Night von der Partie erzählt. Dabei war das 5:0 im Halbfinale des Meistercups nur das Vorspiel zu einer beispiellosen Erfolgsserie – in Italien, aber vor allem in Europa. Ein Monat später holte sich Milan mit einem 4:0 gegen Steaua Bukarest den Meistercupsieg. Den dritten in der Vereinsgeschichte, den ersten unter der Präsidentschaft Silvio Berlusconis. Vier weitere sollten folgen.

Mit Berlusconi hatte eine neue Ära begonnen. Das zeigt auch das größte Ausstellungsstück im Vereinsmuseum Mondo Milan: das Gerüst eines Hubschraubers. Es symbolisiert den Heliktopterflug des Neo-Präsidenten zum Trainingsauftakt der Saison 1986/87. Der Medienunternehmer Berlusconi landete unter den Fanfaren von Richard Wagners „Walküre“ und unter der Beobachtung zahlreicher Fernsehkameras mit einer simplen Botschaft auf dem Trainingsgelände: Hier wird ein neuer Weg beschritten.

Vom Staubsaugerverkäufer zum Millionär

Als Berlusconi Milan im Februar 1986 übernahm, wurde Italien noch von Sozialist Bettino Craxi und den Christdemokraten regiert, das private Fernsehen war ein Novum und der Verein ein Schnäppchen. 1980 war Milan zum ersten Mal in seiner Geschichte abgestiegen – wegen der Beteiligung am Manipulationsskandal „Totonero“. Auf den sofortigen Wiederaufstieg waren der sofortige Wiederabstieg und ein neuerlicher Aufstieg gefolgt, der Klub befand sich in der wohl größten sportlichen und finanziellen Krise seines Bestehens. „Berlusconi hat damals begriffen, dass ihn der Fußball noch hundertmal berühmter machen kann“, sagt Giuseppe De Bellis, Herausgeber des Fußballmagazins Undici. „Er ist auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Die Serie A war als Meisterschaft mit Diego Maradona bei Napoli und Michel Platini bei Juventus schon wahnsinnig populär.“

Seinen Spitznamen, der ihn die folgenden Jahrzehnte begleiten sollte, verdankte Berlusconi dann auch gleich dem Fußball oder genauer gesagt Gianni Brera, dem bekanntesten Sportjournalisten des Landes. Der hatte ihn aufgrund eines Arbeitsverdienstordens, den Berlusconi 1977 erhalten hatte, Il Cavaliere, der Ritter, genannt. Wie Berlusconi überhaupt an das Startkapital gelangte, mit dem er einer der einflussreichsten Unternehmer Italiens wurde, ist bis heute Gegenstand zahlreicher Gerüchte. Seine Verbindungen zu Craxis sozialistischer Partei sollen geholfen haben, seine Mitgliedschaft in der Geheimloge P2 und Kontakte zur organisierten Kriminalität. „Er kommt aus einer kleinbürgerlichen Familie, hat als Unterhalter auf Kreuzfahrtschiffen gesungen und von Tür zu Tür Staubsauger verkauft, niemand weiß, wie er zu dem Reichtum gekommen ist“, sagt der Journalist Alberto Piccinini, der sich seit Jahren mit dem Werde­gang Berlusconis beschäftigt. „Aber im Zentrum des Projekts Berlusconi stand immer die Person Berlusconi.“

Das unterstreicht auch ein Besuch in Milano Due östlich der Mailänder Stadtgrenze. Am künstlich angelegten See steht eine Säule, die dem Erbauer der Satelliten­stadt gewidmet ist: Silvio Berlusconi. In den 1970er Jahren noch in der Bauwirtschaft tätig, hatte er den Ort direkt an der Einflugschneise des Mailänder Flughafens Linate errichtet. Berlusconi muss schon damals über einige Überzeugungskraft verfügt haben, immerhin änderten die Römer Behörden für ihn die Flugrouten über Mailand. Das davor eigentlich unbewohnbare Milano Due wurde zur Goldgrube und zur Heimat von Berlusconis nächstem Coup, denn von dort aus betrieb er seine Fernsehstationen.

Schnulzen für Ultras

„Abgesehen von Partien der Nationalmannschaft sind bis dahin keine Fußballspiele in Italien übertragen worden“, sagt De Bellis über das Turnier Mundialito zum Jahreswechsel 1980/81. Die bisherigen Weltmeister trafen anlässlich des 50-jährigen Bestehens der WM in einem Kurzturnier in Uruguay aufeinander, Berlusconi, der seit einigen Jahren private Lokalsender betrieb, sicherte sich die Übertragungsrechte. Da seine Stationen aufgrund des staatlichen Rundfunkmonopols nicht landesweit dasselbe Programm live übertragen durften, sendete er die Signale außerhalb seiner Heimatregion Lombardei mit einer kurzen Zeitversetzung und landete damit einen riesigen Erfolg.

Ähnlich sollte er später mit dem gesamten Programm seiner Lokalsender verfahren. Er ließ Sendungen aufzeichnen und dann am Folgetag landesweit ausstrahlen – das staatliche Rundfunkmonopol war de facto gefallen. Als die Behörden die Piratensender der Mediaset-Gruppe 1984 abdrehen wollten, erließ Premierminister Craxi ein Gesetzesdekret zum Schutz Berlusconis. Die Sender liefen weiter, eine tatsächliche Legalisierung des landesweiten Privatfernsehens folgte erst Jahre später. Berlusconis Programme prägten das Fernsehen, er setzte auf leicht verdauliche Inhalte mit Show und Unterhaltung. Die sollte auch sein Fußballverein liefern.

Berlusconi verpasste dem traditionellen Arbeiterverein der Stadt ein neues Image. „Er hat den Schnulzensänger Tony Renis eine Hymne komponieren lassen, herausgekommen ist dieses ‚Milan, Milan‘, das wie ein evangelikaler Chor klingt. Die Fans sollten das singen. Milan hatte damals linksextreme, machistische und durchaus gewaltbereite Ultras“, sagt Piccinini. „Aber es hat geklappt.“ Verkaufte Milan vor der Übernahme Berlusconis 36.624 Saison­abos, stieg die Zahl in der ersten Saison unter neuer Führung auf 52.520, in der zweiten gar auf 65.099. Eine Erfolgsstory hatte begonnen, erzählen sollte sie niemand besser als der Cavaliere selbst. „Berlusconi hat eine ganz eigene Version seiner Geschichte, es ist eine Art Heldenepos“, sagt Piccinini. „Seine Spieler sind dabei nicht nur Fußballer, sondern die Verkörperung von Werten. Da gibt es den Unermüdlichen, den Tapferen, den Mutigen und so weiter.“

Die Unsterblichen

Schon bald löste Berlusconi seine Versprechen gegenüber den Fans ein. Wichtigster Gehilfe wurde der bis dahin weitgehend unbekannte Arrigo Sacchi, der 1987 als neuer Milan-Trainer vorgestellt worden war. Er brach mit allen Konventionen im italienischen Fußball, seine Mannschaft fand als die „Unsterblichen“ Eingang in die Geschichtsbücher. Statt der bis dahin erfolgreichen Zona Mista, einer taktischen Entwicklung des Catenaccio, setzte er auf ein enges 4-4-2, Raumdeckung, Ballbesitz und Offensivpressing. Berlusconi unterstützte den Trainer demonstrativ, saß bei einigen Begegnungen auf der Bank und sorgte dafür, dass Sacchi die notwendigen Spieler bekam. Neben den im Verein aufgewachsenen Verteidigern Franco Baresi und Paolo Maldini handelte es sich dabei um Neuzugänge wie Carlo Ancelotti, Roberto Donadoni und das niederländische Dreieck Frank Rijkaard, Ruud Gullit und Marco van Basten. „Das war die beste Mannschaft aller Zeiten“, sagt Rigattieri. „Man muss sich dieses Milan wie das Barcelona von Pep Guardiola vorstellen, nur körperlich stärker.“

Nach dem Meisterschaftsgewinn 1988 dominierte die Mannschaft den Meistercup 1989 nach Belieben, ein Jahr später konnte sie den Pokal beim Finale gegen Benfica Lissabon in Wien erfolgreich verteidigen. Milan war die unumschränkte Nummer eins im Weltfußball, der Meistercup die Lieblingsbühne des Präsidenten. Doch sie war ihm nicht groß genug. Immer wieder sprach er sich gegen das K.-o.-System aus und träumte öffentlich von einer europäischen Superliga. Das von Berlusconi bei einer Werbeagentur in Auftrag gegebene Konzept nahm die Entwicklung der 1993 eingeführten Champions League vorweg.


„Berlusconi war der erste, der einen Verein wie ein Unternehmen geführt hat“, sagt Undici-Herausgeber De Bellis, der in seinem Brotberuf für Il Giornale arbeitet, eine Tageszeitung Berlusconis. Der Umbau bei Milan fiel fundamental aus. Der Verein wurde praktisch in Berlusconis Konzern Fininvest eingegliedert, die Führungsebene durch enge Vertraute aus seinen Unternehmen ersetzt – wie Adriano Galliani. Der Vermessungstechniker, der die Signale für die landesweiten Fernsehübertragungen der Mediaset-Netze entwickelt hatte, wurde Geschäftsführer. „Berlusconi hat sich immer nur mit Leuten umgeben, die ihm bedingungslos folgen“, sagt Piccinini. „Wenn einmal etwas nicht funktioniert, wird Galliani vorgeschickt, um die Kritik einzustecken.“ So auch im Halbfinalrückspiel des Meistercups 1991 in Marseille, bei dem in den letzten Minuten das Flutlicht ausfiel. Als das Spiel nach einer kurzen Unterbrechung wieder angepfiffen werden sollte, stürmte Galliani aufs Feld und befahl seiner Mannschaft, die 0:1 zurücklag, in die Kabinen zurückzukehren. Offenbar hatte die Vereinsführung damit spekuliert, so eine Strafverifizierung des Gastgebers zu erreichen. Das Gegenteil war der Fall, die Partie wurde 3:0 für Olympique Marseille gewertet, Milan ein Jahr für alle europäischen Bewerbe gesperrt.

 

Im Kaufrausch

Nachdem Arrigo Sacchi 1991 Teamchef geworden war, wurde er durch einen weiteren loyalen Trainer ersetzt: Fabio Capello. „Er hat nicht ganz so spektakulär spielen lassen wie Sacchi“, sagt Gigi Beltrame von der Online-Wochenzeitung Milan7. „Aber seine Mannschaften waren unglaublich diszipliniert und erfolgreich.“ In die Ära Capello fallen nicht nur vier Meistertitel und der bis heute bestehende Rekord von 58 Spielen hinter­einander ohne Niederlage, sondern auch die Begegnung, die unter den Fans als Jahrhundertspiel gilt: das Champions-League-Finale 1994 gegen Johan Cruyffs Barcelona. Milan hatte einige verletzte und gesperrte Spieler zu beklagen, darunter Abwehrchef Baresi, zudem galt Barcelona aufgrund des bisherigen Saisonverlaufs als großer Favorit. Doch das von einem großartigen Dejan Savicevic angetriebene Milan dominierte die Begegnung von der ersten Minute an und gewann 4:0. Es war der Triumph einer Mannschaft in Spiellaune und das Resultat einer neuen Vereinspolitik, jener des großen und teuren Kaders.

 

In einer Zeit vor dem Bosman-Urteil und der damit verbundenen Beschränkung von Startplätzen für ausländische Spieler präsentierte Berlusconi Jahr um Jahr viele und kostspielige Verstärkungen, selbst wenn diese nur wenige Einsätze haben sollten. 1992 stellte der Verein mit der Verpflichtung von Jean-Pierre Papin und anschließend von Gianluigi Lentini zweimal den Rekord für den teuersten Transfer der Welt auf, im selben Sommer stieß auch noch Dejan Savicevic zur Mannschaft.

 

Ein Schlachtruf als Partei

Während Milan den italienischen Fußball dauerhaft veränderte, blieb auch in der italienischen Politik kein Stein auf dem anderen. Die Mailänder Staatsanwaltschaft hatte mit ihren Ermittlungen zur Korruption in öffentlichen Ämtern ein Erdbeben ausgelöst, das im Zusammenbruch der Ersten Republik mündete. Die seit 1945 regierende Democrazia Cristiana und die Sozialistische Partei lösten sich auf. Doch auch die größte Oppositionspartei, die Kommunistische Partei, steckte seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus in einer schweren Identitätskrise. In diesem politischen Machtvakuum formulierte Silvio Berlusconi am 26. Jänner 1994 seine wohl berühmteste Fußballmetapher: „Scendo in campo“ – Ich betrete das Spielfeld.

 

Als Parteiname wählte er den im Fußball verbreiteten Schlachtruf „Forza Italia“, das organisatorische Rückgrat bildeten Vertraute aus seinen Firmen. Berlusconi inszenierte sich im Wahlkampf nicht nur als erfolgreicher Unternehmer, sondern auch als siegreicher Fußballpräsident. In einer Auseinandersetzung mit dem Ökonomen Luigi Spaventa, dem Gegenkandidaten in seinem Wahlkreis, sagte er: „Ich habe dreimal den Meistercup gewonnen. Was hat dieser Herr Spaventa in seinem Leben gewonnen?“ Berlusconi verkörperte einen neuen Politikertypus: Silvio Berlusconi. Er versprach neue Arbeitsplätze, wie er Mannschaftsverstärkungen versprochen hatte, wirtschaftliches Wachstum wie Meistertitel, das gute Leben für alle wie den unterhaltsamen Fußball auf dem Feld. Bei den Wahlen 1994 gewann sein Mitte-Rechts-Bündnis die Mehrheit, Berlusconi wurde Ministerpräsident.

 

Mit Berlusconis Einstieg in die Politik wurden die Milan-Spieler zu Wahlhelfern. Ob sie es wollten – wie Stürmer Daniele Massaro, der mit der Forza-Italia-Anstecknadel auf der Brust zum Trainingslager der Nationalmannschaft anreiste – oder nicht. Jede gewonnene Partie war auch ein Erfolg für den Politiker, jeder Fototermin mit dem Präsidenten eine Werbebotschaft. „Kein Spieler hat sich je öffentlich gegen Berlusconi ausgesprochen“, sagt Alberto Piccinini. Nur bei den Trainern gibt es eine Ausnahme: Alberto Zaccheroni, der sich als Wähler des Mitte-Links-Bündnisses outete. Nachdem er Milan im Jubiläumsjahr 1999 zum Meistertitel geführt hatte, war Zaccheroni im anstehenden Wahlkampf der Saison 2000/01 nicht mehr im Amt. Der politisch schon abgeschriebene Berlusconi fuhr 2001 einen spektakulären Wahlsieg ein.

 

Heilige Allianz

In den folgenden Jahren wurde Berlusconi zum längstdienenden Regierungschef im republikanischen Italien, während ein ehemaliger Spieler der erfolgreichen Sacchi­Mannschaft zum längstdienenden Trainer von Berlusconis Milan wurde: Carlo Ancelotti. Immer wieder musste er die taktischen Ratschläge des Ministerpräsidenten hinnehmen, der mindestens zwei formelle Stürmer auf dem Platz sehen wollte. Ancelotti umging diese Vorgabe und entwickelte dafür sogar ein 4-3-2-1-System: Albero di Natale – den Weihnachtsbaum. „Ancelottis große Stärke war die Kommunikation“, sagt Riggatieri.

 

„Er hat Maldini nicht gesagt: ‚Morgen spielst du auf dieser Position!‘, sondern: ‚Paolo, du willst dich ja vielleicht etwas ausruhen, womöglich ist es besser, wenn du morgen eher ein bisschen hierher rückst.‘“ Unter Ancelotti konnte Milan wieder an die großen Erfolge anknüpfen und gewann 2003 mit Spielern wie Andrea Pirlo, Clarence Seedorf, Rui Costa und Andrij Schewtschenko erneut die Champions League. Die Mailänder besiegten Juventus im bisher einzigen rein italienischen Finale im Elfmeterschießen 3:2.

 

Die Turiner holten sich im selben Jahr den Meistertitel. Die sportlichen Ausrichtungen der beiden Großklubs ergänzten einander. Juventus, der Verein des alten Geldes der FIAT-Eigentümerfamilie Agnelli, konzentrierte sich auf die Meisterschaft, das Milan des neureichen Berlusconi auf den Europacup. Die Zusammenarbeit zwischen Milan und Juventus in wirtschaftlicher Hinsicht war ab Mitte der 1990er Jahre so gut geworden, dass sie als heilige Allianz bezeichnet wurde. Auch in Ligaangelegenheiten stimmten sich die beiden Vereine ab. Adriano Galliani war 2002 Ligapräsident geworden, die Fernsehrechte wurden individuell vermarktet, was vor allem Juventus, Inter und Milan zugutekam – dem Klubpräsidenten Berlusconi als Fernsehunternehmer gleich doppelt. Der Großteil der Serie-A-Teams profitierte von einem 2003 unter Berlusconi beschlossenen Gesetz, das es erlaubte, Schulden über mehrere Jahre hinweg abzuschreiben. „Als Politiker hat sich Berlusconi aber nicht speziell für die Interessen von Milan eingesetzt“, sagt De Bellis. „Nachdem die Mitte-Links-Regierung 2006 zur kollektiven Fernsehvermarktung übergegangen ist, hätte Berlusconi das Gesetz in seiner nächsten Amtsperiode zurücknehmen können. Er hat es nicht getan.“

 

Teure Wahlzuckerl

„Mir ist der Politiker Berlusconi egal, ich beurteile ihn danach, was er als Vereinspräsident macht“, sagt Blogger Rigattieri. „Ich weiß nur, dass wir in den Jahren, bevor er Politiker war, wesentlich mehr gewonnen haben.“ Tatsächlich sparte Berlusconi ab den frühen 2000er Jahren deutlich ein. „Er hat mit Milan nicht nur Geld verbrannt“, sagt De Bellis. „Der Verein lebt seit geraumer Zeit nicht mehr von Fininvest.“ Milan verlor die Funktion als Instrument für Berlusconis Selbstinszenierung zunehmend. Vielleicht lag das daran, dass das offensive Abwerben anderer Spieler wie im Fall von Lazio-Kapitän Alessandro Nesta im Sommer 2002 auch für Unmut bei Wählern sorgen konnte. Vielleicht daran, dass das Modell Berlusconi in den 1990er Jahren Schule gemacht hatte und andere geltungssüchtige Präsidenten Unsummen in den Fußball investiert und die Preise hoch gehalten hatten. Vielleicht an den Fernsehgeldern in England, den Steuergesetzen in Spanien und den Zuschauermassen in Deutschland, die dem Fußballstandort Italien zusetzten.

 

Ab und an nahm der Präsident jedoch von den Sparvorgaben Abstand. „Er hat Spieler gekauft, wenn er geglaubt hat, dass ihm das im Wahlkampf helfen kann“, sagt De Bellis. Als Wahlzuckerl werden unter anderem die Verpflichtung von Rui Costa und Filippo Inzaghi 2001 und die von Ronaldinho 2008 gehandelt. Auch der schon fixierte Verkauf von Kaka an Manchester City im Winter 2009 soll an den mäßigen Umfragewerten Berlusconis doch noch gescheitert sein.

 

Nicht nur der Regierungschef Berlusconi war immer wieder mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert, auch Milan geriet 2006 ins Visier der Sportgerichtsbarkeit. Im Zuge der „Calciopoli“-Ermittlungen kam heraus, dass neben Juventus auch Fiorentina, Lazio, Reggina und Milan versucht hatten, Schiedsrichter gefügig zu machen. Doch Milan kam relativ glimpflich davon: Dem Klub wurden für die Saison 2005/06 nachträglich 30 Punkte abgezogen, er musste die folgende Saison mit acht Minuspunkten starten und Geschäftsführer Galliani wurde fünf Monate gesperrt. „Die Bestrafung der beteiligten Vereine – mit Ausnahme von Inter, die ohne Probleme davongekommen sind – war in der Relation zu ihren Vergehen gerecht“, sagt De Bellis. „Juventus hätte aber genauso gut ausradiert und Milan in die Serie B versetzt werden können.“ Milan durfte trotz des Punkteabzugs in der Champions League starten – und gewann den Bewerb schließlich. Im Halbfinalrückspiel gegen Manchester United zeigte die schon etwas in die Jahre gekommene Mannschaft um Clarence Seedorf, Alessandro Nesta und Filippo Inzaghi ihre wohl stärkste Partie. Die als Favorit gehandelten Gäste bekamen von den älteren Herren eine Nachhilfestunde und verloren 0:3. „Grande, grande, grande“, titelte die Gazzetta dello Sport am Tag darauf. Im Finale traf Milan erneut auf Liverpool, das den Mailändern zwei Jahre zuvor nach einem 0:3-Pausenrückstand im Elfmeterschießen den Titel weggeschnappt hatte. Milan glückte die Revanche, dank zweier Tore von Inzaghi gewannen die Mailänder 2:1.

 

Altersflecken

Als der Klub anschließend auch den UEFA-Supercup und die FIFA-Klub-WM holte, war ein neuer Marketingspruch kreiert: Il club piu titolato al mondo, der auch prominent auf den Dressen Platz fand. Doch der Champions-League-Sieg 2007 war ein letzter Kraftakt des Klubs mit den nunmehr meisten internationalen Titeln, die Mannschaft spielerisch mit jener von ein paar Jahren zuvor nicht mehr zu vergleichen. Auch die alten Rezepte der Führungsriege versagen zunehmend. „Funktionäre, die vor 20 Jahren zu den innovativsten gehört haben, vertreten nur noch veraltete Konzepte“, sagt Rigattieri. Er meint damit Adriano Galliani und dessen Verhandlungsmethoden. Schließlich war es in den letzten Jahren eine Spezialität Milans, ältere Spieler zu verpflichten, die entweder ohnehin vereinslos oder bei ihren Klubs nicht glücklich waren. So sparte der Verein ein und konnte dennoch große Namen holen. Eine weitere Spezialität war das Schnäppchen am letzten Tag der Transferperiode. „Milan hat einen hervorragenden Ruf gehabt, aber durch diese ständige Hinhaltetaktik alles verspielt. Wer will überhaupt noch mit uns verhandeln?“ Zwei Transferentscheidungen von 2012 hat der Milan-Night-Blogger der Klubführung bis heute nicht verziehen, seit dem Verkauf von Zlatan Ibrahimovic und Thiago Silva geht er nicht mehr ins Stadion. „Wir sind ein Klub, der kauft. Keiner, der verkauft“, sagt er.

 

Auch der Politiker Berlusconi hat in den letzten Jahren einige Altersflecken bekommen. Seine letzte Regierung zerbrach 2011 im Chaos, bei den Wahlen 2013 folgte eine herbe Niederlage. Zudem sorgt Berlusconi in den letzten Jahren eher durch sein ausschweifendes Privatleben und eine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung für Schlagzeilen. „Er schafft es einfach nicht mehr“, sagt Piccinini. Für Milan heißt das, dass die Investitionen auf dem Transfermarkt weiter sinken, die Leistungen schlechter werden. Ein letztes Erfolgserlebnis gab es zwar noch mit dem Meistertitel 2011 unter Massimiliano Allegri, seither vergehen aber kaum Spiele, in denen die Geschäftsführung nicht von den Fans kritisiert wird. Die Vereins­spitze klammert sich an die alten Slogans und versucht, Zuversicht zu verbreiten – außer vor eineinhalb Jahren, als Clarence Seedorf als Nachfolger von Allegri geholt wurde. Der Trainer legte sich mit den Funktionären und der eigenen Mannschaft an, nach wenigen Tagen im Amt sagte er den Ultras bei einem Treffen: „Drei Viertel des Kaders sind nicht gut genug für Milan.“ Die Rechnung folgte wenige Monate später, zu Saisonende wurde Seedorf trotz guter Resultate entlassen. „Er hat die Wahrheit gesagt“, meint Rigattieri. „Aber Galliani will das nicht hören.“

 

Poker um Mister B.

Auch der Start in die aktuelle Saison bleibt mit neun Punkten aus sieben Spielen deutlich unter den Erwartungen. Vor allem weil Milan in diesem Sommer erstmals seit Langem wieder stark investiert hat, über 90 Millionen Euro. Für die Stürmer Carlos Bacca und Luiz Adriano, den Verteidiger Alessio Romagnoli und den Mittelfeldspieler Andrea Bertolacci. Als Trainer folgte der ehemalige Inter-Spieler Sinisa Mihajlovic auf Filippo Inzaghi.

 

Beim Derby am 13. September gibt es dann auch Pfiffe der Inter-Fans für den Milan-Trainer, seine Mannschaft spielt aber eine gute erste Halbzeit und ist dem Führungstreffer im ausverkauften San Siro näher. Nachdem die gesamte Offensivabteilung die Inter­Verteidigung zu stark presst, läuft Milan in der 58. Minute in einen Konter. Fredy Guarin schießt von der Strafraumgrenze zum 1:0 ein. Der Jubel der Heimfans geht danach aber sofort in ein gellendes Pfeifkonzert für Gallianis jüngstes Last-Minute-Schnäppchen über: Mario Balotelli, der nach einem Jahr bei Liverpool sein Comeback für Milan gibt. Im Spielaufbau funktioniert zwar nichts mehr, Balotelli gelingt aber zuerst durch einen Stangenschuss, dann durch einen Weitschuss fast der Ausgleich.

 

Wesentlich wichtiger als die Wette auf Mario Balotelli ist für den Verein derzeit aber ein anderer Poker. Der Thailänder Bee Taechaubol, besser bekannt als Mister Bee, soll an einem Kauf von Milan interessiert sein – oder zumindest von Anteilen. Kolportiert werden 48 Prozent um 480 Millionen Euro. Das würde dem Verein neues Kapital bringen und Milan auf dem wachsenden asiatischen Markt stärken. Die Verhandlungen laufen seit Monaten, Ende September hat Mister Bee um einen neuerlichen Aufschub gebeten, um die Gelder aufzutreiben.

 

Die Wochenzeitung L’Espresso schrieb im Zusammenhang mit dem möglichen Verkauf jedoch von dubiosen Hintergründen. Mister Bee, der im Namen eines Bieterkonsortiums handelt, soll sehr eng mit Personen aus Berlusconis Fininvest-Konzern zusammenarbeiten. „Kein Mensch kennt diesen Mister Bee“, sagt Alberto Piccinini. „Es ist gut möglich, dass es sich dabei um einen Strohmann Berlusconis handelt.“ Der Verdacht ist, dass Berlusconi im Ausland verstecktes Kapital nach Italien zurückholen wolle. Weiter genährt wird das durch die Bezifferung des Werts von Milan auf eine Milliarde Euro. „Wer soll so viel für Minderheitsanteile zahlen? Das ist komplett überteuert“, sagt Piccinini. Giuseppe De Bellis kann mit diesen Spekulationen nichts anfangen: „Die Kollegen haben eine interessante Hypothese aufgestellt, nur leider keinen einzigen Beweis gebracht“, sagt er. „Bei Berlusconi kann man einfach alles behaupten.“

 

Keine Erben

Die Spekulationen um den Milan-Verkauf zeigen Berlusconis Rolle in der italienischen Öffentlichkeit. Einerseits traut man ihm nicht, andererseits traut man ihm alles zu. Auch einen teuren Machtkampf auf dem Fernsehmarkt mit dem Branchenführer Sky des Milliardärs Rupert Murdoch. Berlusconis Sender Mediaset Premium sicherte sich vor Kurzem die Exklusivrechte an der Champions League sowie eine Vorzugsbehandlung in der Serie A. „Lass dich von deiner Leidenschaft transportieren“, steht auf den riesigen Mediaset-Werbeplakaten in der U-Bahn-Station „San Siro Stadio“ der neu eröffneten Linie M5. Es ist die erste Haltestelle öffentlicher Verkehrsmittel in Italien, die komplett von einem Werbepartner gebrandet wird. Berlusconi mag nach seiner Verurteilung wegen Steuerhinterziehung Sozialhilfe im Altersheim leisten, sein Kerngeschäft beherrscht er aber nach wie vor. Das ist die eine Seite Berlusconis – er ist auch mit 79 Jahren noch immer der mit allen Wassern gewaschene Unternehmer, der vom Verkauf von Träumen lebt.

 

Die andere Seite des Cavaliere, der seinen Ritterorden mittlerweile zurückgelegt, den Spitznamen aber behalten hat, ist, dass er letztlich immer nur seine eigenen Träume wahrmacht. Milan kommt darin nicht mehr vor. Ob Berlusconi verkauft oder nicht – eine Ära neigt sich dem Ende zu. Platz für eine geordnete Übergabe gibt es nicht. Das zeigte sich auch, als er 2011 Tochter Barbara in den Verein holte. Nach einem kurzen Schaukampf mit Adriano Galliani konzentrierte sich die 31-Jährige auf Zukunftsprojekte wie einen Stadionneubau. Die Pläne sind mittlerweile wieder archiviert, immerhin konnte sie den Bau der Casa Milan abschließen, ein Bürogebäude, das neben der Geschäftsstelle das Museum, einen Fanshop, eine Kartenvorverkaufsstelle und eine Kantine beherbergt. Im ganz auf den Präsidenten ausgerichteten Museum ist es dann auch Barbara Berlusconi, die neben Vereinslegenden wie Franco Baresi, Paolo Maldini, Kaka und Andrij Schewtschenko als Hologramm zu den Fans spricht. „Unsere Geschichte ist nicht unsere Vergangenheit, sie ist die Art, wie wir uns der Zukunft präsentieren wollen“, sagt sie dort. Überzeugend wirkt es nicht. „Die Agnellis sind eine Dynastie, die Berlusconis sind das nicht“, sagt Alberto Piccinini. „Ein Nachfolger war im Projekt nie vorgesehen.“


Mitarbeit: Martin Schreiner  

Referenzen:

Heft: 106
Thema: Silvio Berlusconi
Verein: AC Milan
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png