Das Feldherrenglück is a Vogerl

Am 29. Mai 1960 beginnt die österreichische Nationalmannschaft unter Trainer Karl Decker eine ungeahnte Siegesserie. Bei nur einer Niederlage in zehn Spielen schlägt das »zweite Wunderteam« in eineinhalb Jahren fast alle großen Teams des Kontinents. Dennoch verzichtet der ÖFB freiwillig auf eine Teilnahme an der WM 1962.
Der ballesterer bringt Auszüge aus dem fiktiven Tagebuch der Jahre 1960 bis 1962 von Bundeskapitän Karl ­Decker. Eine Collage aus zeitgenössischen Medienberichten, ­Interviews und Sportliteratur, inspiriert von ­David Peaces Brian-Clough-Biografie »Damned United«.


Am Ende ein Debakel
16.9.1962: Österreich CSSR 0:6
Was soll man nach einem 0:6-Schraufen sagen? Der Ingenieur Finger hält mir in der Kabine des Praterstadions das Mikrophon hin. »Karli Decker, der Bundeskapitän, ist bei mir!« Ich tu mein bestes: »In den ersten 20 Minuten hat die Mannschaft einen guten Fußball gezeigt. Dann sind zwei Tore ruck zuck gefallen, und das dürfte auch der Nullpunkt der Mannschaft gewesen sein.« Der Karli Koller und der Karl Stotz drängen sich an uns vorbei in die Dusche. »Aber an und für sich muß ich sagen, daß diese tschechische Mannschaft ganz hervorragenden Fußball gezeigt hat. Und ich glaube, daß es auch sehr schwer gewesen wäre, gegen diese Elf, wenn wir auch Glück gehabt hätten, zu gewinnen.«


Draußen stehen die Herren von der Presse und schimpfen über die Spieler: »Alle sehr schwach und weit unter ihrer Form! Der Fiala von der Austria liebt die Bequemlichkeit wie der Wiener sein Sonntagsschnitzerl!« »Die Tschechen haben uns heute eine grausame Lektion erteilt« doziert der Benesch von der Arbeiterzeitung. Sportjournalisten-Obmann Pepi Strabl, der schon beim Völkischen Beobachter geschrieben hat, als ich beim Sepp Herberger in der deutschen Nationalmannschaft meine Goal geschossen hab, diktiert dem Ingenieur Finger vom Rundfunk: »Das heutige Spiel hat bewiesen, daß die österreichische Nationalmannschaft bei der großen Prüfung der Weltmeisterschaft nicht in der Lage gewesen wäre, einen halbwegs ebenbürtigen Gegner abzugeben!« Der Lechner von der Volksstimme, der Zeitung der Kommunisten, sagt: »Die Tschechen haben gezeigt, daß sie sich vollkommen gerechtfertigt auf dem zweiten Platz der Weltmeisterschaft platziert haben. Sie waren uns vor allem in der Taktik überlegen. Ihre Longpass haben unsere Verteidigung mühelos aufgerissen.«


Die Tschechen sind wirklich ein blendendes Team. Bei der WM in Chile sind sie heuer bis ins Finale gekommen. Betreut werden sie vom Vytlacil Rudi, einem alten Wiener, der vorm Krieg bei der Rapid gespielt hat. Der hat seinen Spaß gehabt bei den Interviews, hat alle am Schmäh gehalten. Aber mit Schmäh alleine haben sie uns heute nicht besiegt. Das sind alles ausgebuffte Professionals, diese sogenannten Staatsamateure. Wir haben ja nur halbe Profis, bei unseren Spielern haperts dafür halt manchmal an der Kondition. Beim einen oder anderen mangelts auch am Trainingsfleiß und der sportlichen Einstellung. Es wird Zeit, daß sich da einmal was ändert. Und mit den Longpass hat der Lechner schon recht. Wir haben öfter aufs Tor geschossen, aber die Tschechen haben uns überrumpelt.


Am nächsten Tag schreibt die AZ: »Der Sturz von der erfolgreichsten europäischen Nationalmannschaft zur zweit-, um nicht zu sagen drittklassigen Fußballnation binnen neun Monaten ist schmerzlich, aber folgerichtig.« Mit diesem Spiel ist es mit unserer Erfolgsserie wohl endgültig vorbei.


Die Ouvertüre
29.5.1960: Österreich Schottland 4:1
Begonnen hat die Glückssträhne an einem warmen Maitag im Frühjahr 1960. Die Zeitungen haben schon von einem Lostag für mich geschrieben. Viermal haben wir davor verloren, gegen Spanien, zweimal gegen die Franzosen und gegen die Tschechen. Noch eine Blamage, und es wär vielleicht vorbei gewesen. Aber Siegesserien der Österreicher beginnen gerne mit einem Sieg gegen die Schotten, hat einmal der Journalist Jo Huber geschrieben. Zumindest wars beim »Wunderteam« vorm Krieg so, und auch über meine Mannschaft heißt es manchmal, wir sind das »zweite Wunderteam«.

 

Vor dem Match hab ich meine Burschen gleich hinterm Stadion aufwärmen lassen. Auf der Gstätten vor dem Cricketer-Platz. Die Herren von der Presse sind alle dort vorbeigegangen und haben unsere Übungen inspiziert. Ich war nervös, und die Spieler haben auch Lampenfieber gehabt. Sogar der routinierte Koller Karli hat gesagt: »Jetzt kommt wieder einmal das große Zittern.« Drei neue hab ich aufgestellt gehabt, eine Verjüngungskur, und alle drei von Rapid: den Glechner Walter als Stopper, den Skocik Schani als Läufer und als Rechtsaußen den Rudi Flögel. Der Unterrichtsminister Doktor Drimmel, der ein Fußballfanatiker ist, war ganz narrisch. »Fünf Rapidler im Team! Und schon gewinnen wir 4:1« hat er nach dem Match in der Kabine zu uns gesagt.

 

Weil im Tor hat der alte Tiger Zeman ein Come-Back gegeben, obwohl die Leute im Stadion den Schmied von der Vienna gefordert haben. Und den Diplomingenieur Hanappi habe ich ausnahmsweise im Sturm statt als Läufer aufgestellt, als Verbinder zur Feldmitte. Schon hat unser Rekordinternationaler zweimal getroffen. Der Heribert Meisel hat in der Fernsehübertragung gesagt: »Gerhard Hanappi entwickelt sich zum Torjäger offenbar.« Die Passbälle vom Hamerl haben das Schottentor geöffnet, hat der Express geschrieben. Und auch die anderen Sport-Club-Stürmer haben einen guten Tag erwischt. Das Freistoßtor vom Erich Hof war prächtig, und im Express ist gestanden: »Die Schotten haben zwar ein Königshaus aber keinen solchen Hof wie wir.« Aber bitte, an und für sich waren die Schotten schwach. »Diesen Gegner bitte an jedem Sonntag!« hats geheißen.


Gegen den Europacupsieger
4.9.1960: Österreich UdSSR 3:1
Als nächstes haben wir gegen die Norweger in Oslo mit 2:1 gewonnen. Ein Länderkampf, bei dem nichts gewonnen, aber viel verloren werden kann. Der Hof Erich hats dann mit einem Freistoß in der letzten Minute gerichtet. Dann gehts gegen die Sowjetrussen, die im Juli beim ersten Europacup die Jugoslawen geschlagen haben. Das Stadion ist fast voll, auch der neue dritte Rang, mehr als 80.000 Zuschauer. Die Leute wollen Jaschin, den besten Tormann der Welt, sehen. Aber sie hoffen auch auf einen Erfolg der unsrigen. Ich beobachte die Russen in Leipzig bei ihrem Match gegen die Ostdeutschen. Jeder Spieler ist Athlet und Techniker zugleich. Die Zeit, wo sie nur Fußballroboter waren, liegt schon lang zurück. Ich setze auf meine beiden erfahrenen Koller und Diplomingenieur Hanappi, die im Mittelfeld einen Sperrgürtel errichten sollen. Läufer und Angriffsreihe müssen stark gemacht werden.

 

In der ersten Hälfte ist das Spiel schwach und die Russen gehen in Führung. Der Heribert Meisel jammert über unsere Stürmer und die Zuschauer rufen »Hamerl, außa!«. Wie vor dem Match angekündigt, bringe ich zur Pause den frischen Helmut Senekowitsch von der Vienna. Und der »Seki« bringt den Umschwung. Mit seinem rauhen Kampfstil holt er einen Penalty heraus. Auch am nächsten Tor ist er beteiligt. Beim dritten Goal düpiert der Erich Hof zwei Russen und schießt flach ein. So ist der Jaschin zu schlagen! Beide Tore fallen im furiosen Finale, in dem wir das Publikum für die faden 80 Minuten davor entschädigen. Die Russen waren eigentlich schwach, der Sportfunk schreibt, der Fußballwodka war ein abgestandenes Trankerl.

 

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 70. April 2012) Ab 13.3. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 70
Rubrik: Thema
ballesterer # 114

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 15.09.2016.

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