Brigaden, Kommandos und Armeen

In der Entstehungsphase der Ultrà-Bewegung waren Querverbindungen zum politischen Kampf allgegenwärtig. Ein Blick auf zwei Paralleluniversen.
Hans Georg Egerer | 01.09.2004
Mit dem vorliegenden comunicato wollen die folgenden organisierten Gruppen klarstellen, dass sie, was die Vorfälle vom 21.3.2004 betrifft, Opfer eines von den Ordnungskräften in konzertiertem Vorgehen geschaffenen, ungerechtfertigten Klimas der Spannung geworden sind. ... Wir hoffen, dass diese verleumderische Kampagne, mit der wir uns konfrontiert sehen, aufhört.«
Die angesprochenen Vorfälle ereigneten sich weder bei einer außer Kontrolle geratenen Anti-Globalisierungsdemonstration, noch sind die Verfasser autonome Straßenkämpfer. Andere organisierte Gruppen empfanden hier offenbar Rechtfertigungsdruck. Sie tragen Namen wie »Tradizione Distinzione«, »Brigata De Falchi«, »Fedayn« oder »A.S. Roma Ultras«. Gemeinsam veröffentlichten die Gruppen der Curva Sud dieses Kommunique, um ihre Unschuld an den Unruhen nach dem abgebrochenen Römer Derby zu beteuern. Die Ähnlichkeit zur Wortwahl und Haltung radikaler politischer Gruppen der Staatsmacht gegenüber ist verblüffend. Sie hat ihre Wurzeln in der politischen Kultur Italiens zur Zeit des Auftauchens der ersten Ultras in den späten 60er und den 70er Jahren.

 

Am Anfang war der heiße Herbst

 

Mit dem Ende des Wirtschaftswunders zu Beginn der 60er Jahre verdüsterte sich die Aussicht auf eine rasche Verbesserung der elenden Lebensumstände der Masse der Arbeiter. Ihre Unzufriedenheit mit dem Status Quo wuchs ständig. Ein weiterer Unruheherd waren Schüler und Studenten, deren Anzahl aufgrund der verlängerten Schulpflicht laufend zunahm. Das Bildungssystem war auf diesen Ansturm nicht vorbereitet. Auch der Arbeitsmarkt konnte mit den Absolventen nichts anfangen. Die jugendlichen Rebellen mussten sich mit nicht ihrer Qualifikation entsprechenden Jobs zufrieden geben. Die an den Unis entwickelten radikalen Ideen gelangten so in das Herz der Fabriken. Die allgemeine Unruhe führte ab 1967 zu einer Reihe von Streiks, die im »heißen Herbst« von 1969 gipfelten. Am 12. November streikten 20 Millionen Menschen für Lohnerhöhungen und bessere soziale Absicherung.
In diesem hoch politisierten Umfeld waren die radikalen linken Gruppen das beste Beispiel für Gruppengeist, Härte und Geschlossenheit. Kein Wunder also, dass die ersten Ultras in ihnen ihre Vorbilder sahen. Wie die politischen Gruppen auf der Straße waren sie um die Vorherrschaft in ihrem Lebensraum, den Stadien bemüht. Und diese Vorherrschaft sollte sichtbar, hörbar und fühlbar sein. So übernahm man die im politischen Kampf bewährten Methoden. Mit Fahnen markierten die Ultras ihr Territorium in der Kurve, auf striscioni verbreiteten sie ihre Botschaften. Im corteo marschierten die Tifosi auf Auswärtsfahrten geschlossen zum Stadion, Megaphone koordinierten ihre Gesänge und auch die von Gewerkschaftsdemonstrationen bekannten Trommeln hielten Einzug in den Stadien.
Notfalls wurden die eigenen Farben auch mit Gewalt verteidigt. Anders als die englischen Hooligans und im Gleichklang mit den linken Straßenkämpfern sahen die Ultras in der Gewalt aber keinen Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck.
Die Übertragung der Ausdrucksformen der Protestbewegung in die Welt des Fantums lässt allerdings keine Rückschlüsse auf die politische Orientierung der jeweiligen Kurven zu. Linke, rechte und unpolitische Kurven waren und sind darin nicht unterscheidbar. Die Gruppen, die das eingangs zitierte Kommunique verfasst haben, gehören beispielsweise mehrheitlich dem rechten Lager an.

 

Der Staat als Feind

 

Die Reaktion des palazzo des Geflechts von etablierter Politik, honorigen Wirtschaftsleuten und organisierter Kriminalität auf die Gefährdung seiner Besitzstände war Kriminalisierung und Repression. Die Führungskader der Ordnungskräfte waren fast vollständig aus der faschistischen Ära übernommen worden, der durchschnittliche Beamte miserabel ausgebildet. Dementsprechend brutal agierten die Sicherheitskräfte. Dazu kam der neofaschistische Terror, der perfekt in die von US-Geheimdiensten und rechten italienischen Regierungskreisen entwickelte strategia della tensione passte. Mit ungezielten Attentaten, die der Linken in die Schuhe geschoben wurden, sollte ein Klima der Spannung erzeugt werden, das verschärfte Repressionsmaßnahmen legitimierte. Erfolgreich angewandt wurde dieses Konzept erstmals im Dezember 1969. Beim Anschlag auf die Landwirtschaftsbank in Mailand wurden 16 Menschen getötet.
Der Staat und seine Organe wurden von den Jugendlichen dieser Zeit nie als neutrale Instanz in der erbitterten politischen Auseinandersetzung erlebt. Diese Haltung wurde von den Ultras übernommen. »Jeden Sonntag gibt es drei Ultrà-Gruppen im Stadion: Uns, die anderen und die Polizei«, bringt es ein Fan von Ternana auf den Punkt. Kein Wunder, dass jegliche Zusammenarbeit mit der Polizei verpönt ist.
Im Klima der allgemeinen Repression entschlossen sich einige Protagonisten der Arbeitskämpfe in den Großbetrieben des Nordens in den Untergrund zu gehen. 1970 wurden in Mailand die brigate rosse (BR) gegründet. Sie bezogen sich mit ihren ersten Anschlägen direkt auf die Arbeitskonflikte. So fackelte man die Autos der ungeliebten Fabriksaufseher ab und ging gegen faschistische Schlägertrupps vor. Tote gab es bis 1974 keine. Das Konzept der »Propaganda der Tat« ging auf. Die Aktionen der BR stießen bei den Arbeitern zunächst weitgehend auf Zustimmung. Ihr Stern begann allerdings rasch zu sinken, als ab 1974 die capi storichi der ersten Generation im Gefängnis landeten. Die BR entfremdeten sich durch die neue Politik der Mordanschläge gegen das »Herz des Staates« zunehmend von ihrer sozialen Basis.
Dass die bewaffneten Gruppen auf die ragazzi di stadio einen gewissen Reiz ausübten, wird an der Namensgebung diverser tifoserie deutlich. 1971 entstanden die »Brigate Gialloblù« von Hellas Verona. Weitere Gruppen gaben sich ähnliche Namen. 1975 erschien erstmals das Transparent der »Brigate Rossonere« im San Siro-Stadion in Mailand, dem Epizentrum der Aktivitäten der BR. Lässt sich von diesen Bezeichnungen auch nicht auf eine politische Ausrichtung schließen - die beiden genannten Beispiele stehen für Kurven gänzlich anderer Prägung - wird doch der Vorbildcharakter der Militanz für die Ultrà-Bewegung deutlich. Weitere Gruppen nannten sich »Commandos Rossoblù« (Bologna) oder »Armata Rossa« (Perugia).

 

Andere Politik, gleiche Leidenschaft

 

In den frühen 70er Jahren gelangen den Gewerkschaften Erfolge wie die Einführung einer großzügigen Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Vergessen wurde dabei allerdings auf jenen Teil der Arbeitnehmer, die nicht in den Großbetrieben beschäftigt waren. Diese marginalisierten Gruppen Arbeitslose, Studenten, Gelegenheitsarbeiter, entfremdeten sich immer mehr von den Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei (PCI) und sahen diese als Teil des Systems, der genauso zu bekämpfen war wie Regierung und Arbeitgeber. Bestätigt wurden sie durch die Politik des compromesso storico, der Aussöhnung zwischen den einstigen Todfeinden PCI und Democrazia Cristiana (DC).
Den Wendepunkt markierte eine Protestversammlung an der Universität Rom 1977, bei der aufgebrachte Zuhörer den Redner der kommunistischen Gewerkschaft verjagten. Das war der Auftakt zu einer Reihe von Demonstrationen und Straßenkämpfen, die das ganze Jahr anhielten. Die Bewegung von 1977 stand im Zeichen der autonomia und war durch ein diffuses Ideologiegebräu gekennzeichnet. Spontane Gewalt wurde als reinigende Geste der unmittelbaren Befreiung gesehen, die indiani metropolitani ergingen sich in einem hedonistischen Naturmystizismus. 1978 wurde von Tifosi von Fiorentina das »Collettivo Autonoma Viola« gegründet. Sein bekanntestes Symbol, der Indianer, sollte noch bei vielen Ultrà-Gruppen auftauchen.
Mit der Ermordung des DC-Vorsitzenden Aldo Moro, eines Verfechters der Öffnung nach links, im Mai 1978 durch die BR fand der historische Kompromiss sein Ende. Die antikommunistischen Scharfmacher in der DC gewannen wieder Oberwasser. Die Verhaftungswelle gegen Vertreter der Autonomiebewegung, der moralische Bankrott der bewaffneten Gruppen sowie die ideologische Beliebigkeit der neuen Protestbewegung führten zu einer Lähmung der außerparlamentarischen Linken und läuteten ein Ära ein, die von der Dominanz konservativer Wertvorstellungen geprägt war.
Die Welle der militanten politischen Auseinandersetzungen ebbte Anfang der 80er Jahre ab. In den Stadien hingegen stand der Höhepunkt der gewaltsamen Zusammenstöße erst bevor. Erst in den vergangenen Jahren konnte sich im Zuge der Antiglobalisierungsbewegung systemkritisches Denken wieder eine breitere Basis verschaffen. Das erste Todesopfer in Italien war Carlo Giuliani, der 2001 bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua von der Polizei erschossen wurde. Giulianis wurde an einem ungewöhnlichen Ort gedacht: Die »Irriducibili« von Lazio, bekannt für ihre offenen Rechtstendenzen, entrollten ihm zu Ehren ein Spruchband: »Andere Politik, dieselbe Leidenschaft. Ehre für Carlo Giuliani.« Carlo Giuliani war ein eingefleischter Ultra des Stadtrivalen AS Roma. 

Referenzen:

Heft: 14
Rubrik: Thema
ballesterer # 113

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