Taktik Total: Der spielende Innenverteidiger

cache/images/article_1830_fm71_takti_140.jpg Nur verteidigen für den modernen Innenverteidiger hat es sich damit nicht. Der »Libero« von heute wird in Ballbesitz selbst zum angreifenden Spielmacher. Jan Vertonghen von Ajax Amsterdam macht es vor.
Emanuel Van den Nest | 12.04.2012
Innenverteidiger Jan Vertonghen fängt einen gegnerischen Pass ab und läuft mit dem Ball über die Mittellinie. Sein Kollege aus dem defensiven Mittelfeld, Vurnon Anita, nimmt in der Zwischenzeit seine Position in der Defensive ein. Durch einen Doppelpass mit Ismail Aissati überspielt Vertonghen zwei Gegner, sprintet bis in den Strafraum, wo er einen Verteidiger mit einem Haken täuscht und mit seinem schwächeren rechten Fuß ins Tor trifft. Es ist das 2:0 für Ajax Amsterdam gegen ADO Den Haag am 18. März, das der belgische Innenverteidiger einleitet und selbst abschließt.

Spieleröffnung
Wie die beschriebene Szene zeigt, schießt Jan Vertonghen seine Tore auch aus dem Spiel heraus. Vor allem aber eröffnet der Innenverteidiger das Spiel. Sein Passspiel ergänzt die Ajax-Kreativabteilung, seine schnellen Dribblings aus dem Hinterhalt überraschen den Gegner. Als spielender Innenverteidiger ist der technisch versierte gelernte Mittelfeldspieler in der Offensive von Frank De Boers Ajax unverzichtbar, während sein zweikampfstarker Partner in der Innenverteidigung, Toby Alderweireld, gemeinsam mit einem in die Mitte rückenden Außenverteidiger oder einem sich zurückziehenden defensiven Mittelfeldspieler hinter ihm das Zentrum absichert.

Libero von heute
Das Phänomen des spielenden Innenverteidigers, so modern es auch scheinen mag, ist allerdings kein neues. Als Pionier kann Velibor Vasovic bezeichnet werden, der bei Ajax unter Trainer Rinus Michels in den Anfängen des »Totalvoetbal« als Libero, wörtlich »freier Mann«, agierte. Während er sich bei gegnerischen Angriffen ohne dauerhafte Deckungsaufgaben hinter die drei Verteidiger des anfänglichen 4-2-4 und späteren 4-3-3 fallen ließ, schaltete sich Vasovic bei Angriffen in die Offensive ein. Auch Franz Beckenbauer schlüpfte als Libero in diese Rolle.

 

Auf sein Spielverständnis angesprochen, sagte er nur, dass er den Ball einfach so lange führe, bis ihn jemand attackiere. Dieses Motiv verbindet den Libero von damals mit dem modernen Innenverteidiger. Viele Teams spielen heute, etwa im 4-2-3-1, mit nur einem echten Stürmer. Bei Ballbesitz kümmern sich also zwei Innenverteidiger um lediglich einen Gegenspieler, wodurch ein freier Innenverteidiger leichter unbedrängt in die gegnerische Hälfte eindringen kann, also quasi zum »Libero« wird.

Offensive Abwehrreihe
Aus diesem Grund stellt der FC Barcelona entweder einen defensiven Mittelfeldspieler in die Innenverteidigung, der sich dann ins Mittelfeld einschaltet. Oder aber Innenverteidiger Gerard Pique, an der Seite des zweikampf- und kopfballstarken Carles Puyol, rückt auf. Beide Varianten unterscheiden sich vom Ajax-Spiel: Während Ajax lediglich die Positionen in der Defensive tauscht, reduziert Barcelona die Abwehr auf eine Dreierkette, um die Überzahl im Mittelfeld zu vergrößern.


Auffällig ist, dass vor allem solche Teams einen spielenden Innenverteidiger aufweisen, die auf Ballbesitz und Kurzpassspiel setzen. Sie postieren ihre Abwehr weiter vorne, um den Ball durch frühes Pressing schnell zurückzugewinnen und den Gegner bei weiten Pässen leichter in die Abseitsfalle tappen zu lassen. 


Die neuen Liberos

Ist nur ein Stürmer da, kann der Innenverteidiger nach vorne gehen

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Referenzen:

Heft: 71
Rubrik: Serien
ballesterer # 113

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