Taktik Total: Der »falsche« Neuner

cache/images/article_1809_fm70_takti_140.jpg Während der klassische Neuner verschwindet, ist der »falsche« im Kommen. Er schießt nicht nur Tore, sondern lässt sich auch zurückfallen, um der Deckung zu entgehen und das Spiel zu machen. Wayne Rooney zum Beispiel.
Emanuel Van den Nest | 12.03.2012
Wayne Rooney bekommt den Ball von Ji-Sung Park in der eigenen Hälfte und passt ihn quer zu Außenverteidiger Patrick Evra, der nach einem Doppelpass zum mitgelaufenen Rooney zurückspielt. Rooney passt zum freigelaufenen Ryan Giggs in die Tiefe. Giggs legt ab auf Ashley Young, der vom Strafraumeck ins Kreuzeck trifft. Es ist das 8:2 von Manchester United gegen Arsenal im August 2011.

Flucht aus der Deckung
Tore einleiten das ist man vom Stürmer Wayne Rooney durchaus gewohnt. Von einem »richtigen« Stürmer würde man es nicht erwarten. Nicht umsonst wird Rooney oft als hängende Spitze oder »falscher« Neuner bezeichnet. »Falsch« ist er insofern, als er sich häufig weit zurückfallen lässt. Das tut er, um der Deckung der gegnerischen Verteidigung zu entgehen und gleichzeitig Raum für sich oder seine Mitspieler zu schaffen. Durch seine Präsenz im Mittelfeld unterstützt Rooney außerdem seine Kollegen im Spielaufbau. Die Szene von der Partie gegen Arsenal zeigt das anschaulich: Rooney wird nicht nur zur Anspielstation, sondern auch zum Passgeber und Spielgestalter, er lenkt das Geschehen als »falscher« Neuner.

»Richtiger« Neuner
Aber wenn Rooney ein »falscher« Neuner ist, was ist dann ein »richtiger«? Der Begriff »Neuner« ist darauf zurückzuführen, dass die englische Football Association (FA) im Jahr 1939 jeder Position des damals üblichen 2-3-5-Systems eine Nummer zugeschrieben hat. Der Neuner war für den Mittelstürmer bestimmt, der im Strafraum für Tore zu sorgen hatte. Schon damals war die Bezeichnung überholt, die Positionen entsprachen oft nicht ihren Nummern. Dennoch hat der Begriff überlebt. Heute gleicht der Mittelstürmer in einem 4-3-3 noch am ehesten dem klassischen Neuner. Im 4-4-2-System spielt häufig ein schneller, spielerisch starker Stürmer mit einem großen, kräftigen zusammen. Ein solches Duo finden wir auch in Alex Fergusons 4-4-2 vor: Rooney stürmt meistens neben oder streng genommen hinter dem »richtigeren« Neuner, dem robusten Danny Welbeck. Der steht zwar nicht nur im Strafraum herum, lässt sich aber weniger zurückfallen. Wie Rooney beweist, bedeutet der Einsatz eines »falschen« Neuners nicht unbedingt den Verzicht auf Torgefahr: Er legt sich seine Tore über Umwege selber auf.

»Falscher« Spielmacher
Im 4-4-2 schließt ein »falscher« Neuner die Lücke im offensiven Zentrum, die bei defensiver Ausrichtung des Mittelfelds häufig entsteht. Dadurch nähert sich das 4-4-2 einem 4-2-3-1 an. In Barcelonas 4-3-3 lässt sich Lionel Messi als »falscher« Mittelstürmer, von den torgefährlichen Flügelstürmern flankiert, ständig zurückfallen. Wie Rooney löst er sich aus der Deckung, um dann mit schnellem Antritt vor dem gegnerischen Tor gefährlich zu werden und seinen Mitspielern im Spielaufbau zu helfen. Aufgrund seines Spielverständnisses und seiner Passgenauigkeit nimmt Messi die Spielmacherrolle noch viel stärker ein, so dass er in den vergangenen »clasicos« gegen Real Madrid sogar als »richtiger« Spielgestalter hinter der »echten« Spitze Alexis Sanchez agierte. Ob er nun eher dem Typ Spielmacher oder Torjäger entspricht: Am Neuner, der der Deckung entflieht und den Spielaufbau unterstützt, ist eigentlich gar nichts »falsch«.

 

System Rooney
Im Idealfall legt sich der »falsche« Neuner das Tor selbst auf 

fm70_taktikillu.jpg Illustration: Benjamin Kuëss/parkablogs.blogspot.com

Referenzen:

Heft: 70
Rubrik: Serien
ballesterer # 113

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