Spielmacher: Die Geflügelfarm ist flügellahm

cache/images/article_1262_44spielmac_140.jpg Salzburg, New York, MaRkranstädt. Der Red-Bull-Konzern vernichtet im Fußball Geld in großem Stil. Ein Lob der Ineffizienz.
Dominik Sinnreich | 06.08.2009
Da standen sie nun, die beiden. Otto Konrad und Rainer Pariasek. Passend adjustiert für den Abend des Quali-Rückspiels in der Champions League zwischen Dublin und Salzburg. Der Otto hatte etwas von seinem alten Hasselhoff-Charme, wie er da stand: im schwarzen Langarmhemd, beide Hände auf das Pult gestützt, so, dass die Schultern breit wirken. Hasselhoff eben. Und der Rainer hatte diesmal in weiser Voraussicht die rosafarbene Hose, die ihn beim Hinspiel geschmückt hatte, zu Hause gelassen. Zum Glück, denn Rosa ist ja die Farbe der Zurückhaltung. Und es gab kein Halten mehr an diesem Abend für die beiden feschen Kampln. Pariasek, im Brotberuf Jubler am Becken- und Pistenrand, wann immer irgendwer irgendwas gewinnt, eröffnete ungewohnt kritisch: »Mit so einer Leistung hat man in der Champions League nichts verloren.« Und Otto legte nach: »Es fällt den Leuten dort offenbar schwer, zu sagen: Das war scheiße.« Stimmt schon, Huub Stevens hat das blamable und glückliche 1:0 der Bullen über die Dubliner Bohemians mehr als nur schöngeredet. Aber wie soll es einem neuen Trainer auch leichtfallen, garstige Worte zu sagen, wenn er sich gerade erst zu akklimatisieren versucht. In einem Universum, in dem alle glauben, dass sie fliegen können.
Salzburg ist jüngst in die fünfte Red-Bull-Saison gestartet. Da ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Huub Stevens ist der vierte Trainer im fünften Spieljahr im Namen der Dose. Satte 123-mal wurde ein Spielername auf den Spinden in der Salzburger Umkleidekabine angepickt oder wieder runtergekletzelt, glaubt man der Auflistung auf transfermarkt.at (inklusive Leihgeschäften, aber ohne Red Bull Juniors!). Im Sommer 2009 war der vierte komplette Umbau angesagt, das vierte Mal, dass ein neuer Trainer den Verein nach seinen Vorstellungen wieder umkrempelt. Kein Wunder also, dass das Stadion in Wals-Siezenheim immer mehr zum Mahnmal der Ineffizienz und des Scheiterns wird. Dabei war es doch der innige Wunsch von Klubbesitzer Didi Mateschitz, von diesem Stadion aus mittwochs zur besten Sendezeit seine Dosen-Werbebotschaft zu übertragen. In der Champions League. Gelungen ist das bisher nicht, selbst das Pflichtprogramm Meister­titel wurde eher mit Hängen und Würgen absolviert.
Langsam, aber sicher muss sich Sportdirektor Heinz Hochhauser Fragen gefallen lassen. Zwar wurden heuer nicht wie in den vergangenen Jahren Spieler geholt, die ihren Zenit längst überschritten haben. Aber die Dauerbaustelle Siezenheim hinterlässt ihre Spuren am Feld. Budgetiert sind für das Geflügel in Salzburg heuer 40 Millionen Euro. Dazu kommen die Dependance in New York und die Akademien in Ghana und Brasilien. Und nach drei Jahren Suche wurde jetzt endlich auch der deutsche Symbiont gefunden. Statt eines Traditionsvereins wurde der SSV Markranstädt umgepinselt, aus dem 15.000-Einwohner-Vorort von Leipzig. Man hat wohl aus den Protesten in Salzburg gelernt. Mittlerweile firmiert der Verein als RasenBallsport Leipzig, weil Sponsoren im Vereinsnamen in Deutschland verboten sind. Präsident ist mit Andreas Sadlo ein hauptberuflicher Spielermanager. Selbst wenn sich diese Personalunion weniger unheilvoll auswirken sollte als das Salzburger Wirken eines Mannes, dem Didi Mateschitz einem Gerichtsurteil zufolge auch heute noch straffrei »Ungereimtheiten bei Spielertransfers« vorwerfen darf, wird das Unterfangen kein leichtes: Um Makranstädt aus der Oberliga Nordost-Staffel Süd (5. Liga) in die Bundesliga zu führen, wird einiges an Dosen nötig sein. Kleines Experiment: Man nehme das Budget je eines Klubs im vorderen Drittel der jeweiligen Liga und addiere es. Dann ergibt das eine Zahl jenseits der 35 Millionen Euro für den Durchmarsch von der 5. in die 1. Liga. Natürlich ohne Sitzenbleiben. Ob da nicht gerade die nächste große Geldvernichtungsmaschine gebaut wird? Otto Konrad wirds wurscht sein. Zu Recht.

Referenzen:

Heft: 44
Rubrik: Serien
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer