Lost Grounds

Über 80 Jahre lang trug der Millwall FC seine Heimspiele in "The Den" an der Cold Blow Lane in South East London aus. Der ballestererfm hat sich mit der wechselhaften, 1993  beendeten Geschichte eines der legendärsten Fußballstadien Londons beschäftigt. 

 


Eric Phillipp | 12.05.2008
Im Londoner East End, zwischen den West India Docks und den Mäandern der Themse, liegt die Isle of Dogs. Wo einst Schiffe der mächtigen West Indian Company ihre Ladungen löschten und heute schicke Yuppies in einem der größten städtebaulichen Katastrophengebiete Londons leben, findet man auch die Wurzeln des Millwall FC.

Im Sommer 1885 gründeten fußballverrückte schottische Arbeiter ebendort einen Verein, der ihre Obsession befriedigen sollte. Als Namensgeber diente das südwestliche Viertel der Halbinsel Pate, die Millwall Rovers waren geboren. Die erste Heimstätte lag an der Glengall Road, ehe man zwei Jahre später auf einen Platz hinter dem Lord Nelson Pub auswich. Im Jahre 1890 hatte man mit dem Athletic Ground etwas weiter im Norden wiederum einen neuen Spielort gefunden. 1901 übersiedelte man nochmals, diesmal nach North Greenwich. Der Verein hatte das Kunststück fertig gebracht, binnen 16 Jahren vier verschiedene Fußballplätze als seine Heimstätte bezeichnen zu können, die alle nur einen Steinwurf voneinander entfernt lagen.

 

Ab in den Süden

 

1910 beschlossen die »Lions«, wie der Verein mittlerweile genannt wurde, die engen Grenzen der Isle of Dogs zu verlassen. Südlich der Themse an der Cold Blow Lane fand man nahe der Bahnstation New Cross ein Grundstück, auf dem eine neue Bleibe entstehen sollte. Schwer zugänglich, weil von drei Bahnlinien umgeben, war das Brachland eigentlich ein denkbar ungeeigneter Standort für ein Stadion. Nichtsdestotrotz meldeten sich mehr als 400 Freiwillige - vornehmlich schottische Bergarbeiter um beim Bau der neuen Anlage behilflich zu sein. Als Planer konnte der schottische Architekt Archibald Leitch gewonnen werden. Leitch zeichnete für einige der bedeutendsten Stadienprojekte auf der britischen Insel verantwortlich, so unter anderem für den Ibrox- und den Hampden-Park in Glasgow, Hillsborough in Sheffield sowie für die White Hart Lane und Stamford Bridge in London. Sein Plan für Millwall sah im Wesentlichen zwei Tribünen an den Längsseiten vor, eine davon auf Grund der beengten Platzverhältnisse in einer charakteristischen Trapezform. Nach nur wenigen Monaten Bauzeit konnte noch im gleichen Jahr der Spielbetrieb aufgenommen werden. In Anspielung auf den Spitznamen des Klubs war das Stadion bald nur noch unter dem Namen »The Lions Den« (Die Höhle des Löwen) oder kurz als »The Den« bekannt.

1920 trat Millwall FC wie der Verein mittlerweile hieß - der neu ge¬gründeten »Football League Divison Three« bei. 1928 schaffte man erstmals den Aufstieg in die Division Two, und der Zuschauerzuspruch stieg stetig. Aufgrund der Erfolge sahen sich die »Lions« dazu veranlasst, das Stadion weiter auszubauen. Man errichtete Terraces hinter den Toren, und der »Den« erhielt das unverwech¬selbare Gesicht, das ihn bis zu seinem Ende prägen sollte. Erst durch die neuen Stehplatztribünen wurde es möglich, dass am 20. Februar 1937 eine Kulisse von 48.672 Zusehern ein Cupspiel gegen Derby County verfolgen konnten ein bis heute unerreichter Rekord. Das Stadion war mittlerweile als fast uneinnehmbare Festung bekannt, und die oft zu Gewalttätigkeiten neigenden Anhänger trugen das Ihrige zu diesem Ruf bei. Nichts und niemand schien dem »Den« etwas anhaben zu können.

 

Deutsche Bomber und englische Zigaretten

 

Als am 14. April 1943 die deutsche Luftwaffe einen Angriff auf London flog, konnten am Stadtrand von London alle Bomber abgewehrt werden bis auf einen. Der Einzige, der es bis zum Stadtgebiet schaffte, warf zwei Bomben ab: Eine landete auf unbe¬bautem Gebiet, die andere direkt auf der großen Stehplatztribüne des Mill¬wall-Grounds. Häuser in der Umge¬bung wurden von der Wucht der Explosion abgedeckt, und dort wo sich sonst die Anhänger tummelten, klaffte ein großes Loch. Das Erdreich des Strafraums war über das ganze Spielfeld verteilt. Wie durch ein Wunder blieben die anderen Tribünen von Schäden großteils verschont, auch gab es keine Verletzten zu beklagen. Der Verein konnte dieses Glück im Unglück kaum fassen. Niemand ahnte, dass die eigentliche Katastrophe noch bevorstand.

Alles wurde daran gesetzt, die Schäden am Rasen möglichst rasch zu beheben. Schon am 26. April nicht einmal zwei Wochen nach dem Bombeneinschlag - wurde das Spiel zwischen Tootting und Dulwich programmgemäß angepfiffen. Der Verein schien den Unbillen des Krieges trot¬zen zu können. Doch eine Stunde nach Spielende zogen dunkle Rauchwolken über die Cold Blow Lane. Die große, hölzerne Haupttribüne mit ihren 8.000 Sitzplätzen stand in Flammen. Wenig später lag sie in Schutt und Asche. Die Feuerwehr vermutete eine achtlos weggeworfene Zigarette als Brandursache. Was die deutsche Luftwaffe nicht fertiggebracht hatte, schaffte eine englische Zigarette problemlos. Die Verzweiflung bei Millwall war groß, »Heim¬spiele« fanden bis auf weiteres bei Charlton Athletic und Crystal Palace statt. Selbst der Boleyn Ground des verhassten Lokalrivalen West Ham United wurde des öfteren als Spielstätte genutzt. 

 

Neubeginn und Größenwahn

 

Trotzig beschloss man im Frühjahr 1944, wieder in »The Den« (oder was davon übrig geblieben war) zurückzukehren. Die Zuseher beobachteten in den Folgejahren ihre Mannschaft in den Ruinen ihrer geliebten Heim¬stätte. Nach mehreren aus finanziellen und technischen Gründen gescheiterten Versuchen des Wiederauf¬baus, wurde 1948 endlich mit der Er¬richtung einer neuen Tribüne begonnen. Der weitere Ausbau ging äußerst schleppend voran. 1953 wurde eine Flutlichtanlage installiert, erst 1962 konnten die Arbeiten an der Tribüne beendet werden. Die Kapazität des Stadions lag nun bei 32.000.

1974 kaufte der Verein der British Rail mittlerweile stillgelegte Bahntrassen neben dem Stadion ab. Anstelle der Gleise wurde ein Parkplatz errichtet, die katastrophale Erschließungssituation konnte durch den Abriss von zwei Eisenbahnbrücken zumindest leicht entschärft werden. Doch auch diese Verbesserungsmaßnahmen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Stadion hoffungslos veraltet war. So standen weiterhin nur knapp 3.500 Sitzplätze für die Besucher bereit. Der Verein wälzte deshalb Ende der 70er-Jahre hochtrabende Pläne. »Super Den« war das Zauberwort, das die Augen der Klubverantwortlichen zum Leuchten brachte. Der »Den« sollte zu einem modernen Sitzplatzstadion umgebaut werden, ein angeschlossenes Einkaufs- und Entertainment-Center auch an spielfreien Tagen die Klubkassen klingeln lassen. Bis Mitte der 80er-Jahre geisterten die »Super Den«-Pläne durch die Medien, sie scheiterten schließlich an finanziellen und lokalpolitischen Querelen.

 

Alt und Neu

 

Anstatt wie erträumt in einem hypermodernen Stadionkomplex zu spielen, wurde Millwall 1985 wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt. Nach der Brandkatastrophe im Stadion von Bradford City, bei der 56 Menschen ums Leben kamen, sah sich der Verein mit strengen Sicherheitsrestriktionen konfrontiert. Nur noch 19.000 Zu¬seher waren ab nun im Stadion zugelassen. Insgesamt musste Millwall 400.000 Pfund in die Infrastruktur investieren. Als ab 1989 angesichts der Stadionkatastrophe von Hillsborough den Stehplätzen in Englands Stadien Stück für Stück der Garaus gemacht wurde, war klar, dass der Spielbetrieb im »Den« nicht mehr aufrecht zu erhalten war. Weil ein Umbau in ein rei¬nes Sitzplatzstadion zu teuer war, sah man sich schweren Herzens nach einem Standort für ein neues Stadion um. Überlegungen, wieder auf die Isle of Dogs zurückzukehren wurden verworfen, bevor mit den Senegal Fields ein geeignetes Grundstück unweit der alten Spiel¬stätte gefunden wurde.

Am 8. Mai 1993 fand gegen Bristol Rovers das letzte Spiel im »Den« statt. Danach übersiedelte man in den zwischenzeitlich errichteten »New Den«, einem All-Seater-Stadion für gut 20.000 Zuseher. Auch wenn viele Millwall-Anhän¬ger noch heute der legendären Stimmung im »Den« nachtrauern, so ist der neue Ground zumindest modern und genügt allen Sicherheitsanforderungen - was man von der alten, charmanten Barracke nicht behaupten konnte.

Referenzen:

Heft: 10
Rubrik: Serien
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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