Der Thomas Bernhard des Fußballs

cache/images/article_1825_berger_140.jpg Der einzige Held meines Lebens hieß Toni Polster, sieht man von David Hasselhoff alias Michael Knight ab, dessen Männlichkeitsbild mich tief geprägt haben dürfte. Und auch wenn ich an den Tag im Frühjahr 1992 denke, an dem Willi Blaskovits Oberwart in die Zweite Division schoss, muss ich doch mit dem Thomas Bernhard des österreichischen Fußballs beginnen, den man ebenfalls gehasst hat, bis man ihn für die Nation reklamieren konnte.
Clemens Berger | 12.04.2012
Zu langsam, zu faul, zu dumm, zu proletenhaft, bis zu jenen drei Toren gegen die DDR, die die Mauer endgültig zu Fall brachten. Wer wollte in einem Staat leben, der gegen Österreich verliert? Mit einem Mal war alles anders, ich rieb mir die Augen. Waren das dieselben Menschen, die Toni Polster ausgepfiffen, verhöhnt, zur größten Dumpfbacke stilisiert hatten?


Vor drei Jahren spielte ich mit dem Autorenfußballteam gegen die sogenannten Legenden. Alle waren gekommen, Prohaska, der vorm Spiel jedem die Hand schüttelte und meinte, er sei der Herbert, Ernst Ogris, der sich ein Band riss und »I hob an Einschuss« brüllte, sein Bruder Andi, der sich auf dem Weg in die Kabine auf Peter Stöger stützte und sagte, er sei immer gut, außer auf Sand, da sinke er ein, Flögel, Pfeffer, Kienast, Wohlfahrt. Nur einer fehlte.


15 Minuten nach Spielbeginn kam Toni Polster aufs Feld und direkt auf mich zu. Ich sollte ihn decken! Heute müsse er kein Tor schießen, sagte ich, er lachte, seinetwegen sei es ja nicht, aber der Herbert sei immer so ehrgeizig, unter fünf Toren, habe der gesagt, brauche er gar nicht kommen. Mein Held rempelte, schubste und fuhr die Ellbogen aus, dass ich zurückstoßen musste. Als er unter die Dusche kam, rief er: »Servas, meine scheenan Buam!« Er hatte fünf Tore geschossen.

Clemens Berger wollte als Bub zumindest für Rapid kicken, heute spielt er immerhin im Österreichischen Autorenfußballteam. Zuletzt erschien sein Roman »Das Streichelinstitut«, sein Stück »Engel der Armen« wurde 2011 uraufgeführt.

Referenzen:

Heft: 71
Rubrik: Serien
ballesterer # 117

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