Der Dekubitus

cache/images/article_1909_pennwieser_140.jpg Ein Fußballer kann während eines Spiels keinen Dekubitus bekommen. Dafür reichen zweimal 45 Minuten nicht aus. Der Scholl Mehmet weiß das sicher auch, hatte aber trotzdem Angst um den Gomez Mario. Die Notfallambulanz macht sich eher Sorgen um den Janko Marc.
Wolfgang Pennwieser | 12.07.2012

Der Scholl Mehmet ist eine richtige Krätze. Sagt der doch einfach über den Gomez Mario nach dem Erstrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft: »Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wundgelegen hat, dass man ihn wenden muss!« Und damit hatte er prinzipiell schon recht, der »Scholli«. Langes Liegen schädigt die Haut und das darunter liegende Gewebe. Der Mediziner sagt dazu Dekubitus.

Zwei gehören zusammen
Die Angst, dass ein Profifußballer einen Dekubitus bekommen könnte, ist freilich eine übertriebene. Bei einem jungen Sportler, der voll im Saft steht und noch dazu ur fesch ist wie der Gomez Mario, braucht man solche Befürchtungen gar nicht zu haben. Es wäre daher auch eine maßlose Übertreibung, wenn man sagen würde, um den Gomez mache ich mir größere Sorgen als um den Janko Marc. Weil der sich ja noch weniger bewegt, ja meist nicht einmal ein Tor schießt und ihm so die Torjubelbewegung und auch der Spaziergang zurück in die eigene Hälfte zum Ankick fehlen. Und auch soziale Kompetenz schützt freilich nicht vor einem Dekubitus. Bei all dieser Rederei würde man den Menschen, die einen Dekubitus haben, unrecht tun. Man wäre fast schon unethisch.


Denn ein Dekubitus ist kein Lercherl und betrifft schwer kranke bettlägrige Menschen. Die Haut wird an den Stellen, auf denen der Patient liegt, geschädigt. Und dabei reicht schon das Eigengewicht, wenn man nur lange genug auf der gleichen Stelle liegt. Als besonders gefährdet gelten Regionen, bei denen wenig darüber ist kein Muskel, kein Fett, aber viel Knochen und der Druck dann nicht ausreichend verteilt werden kann. Die Bereiche Kreuzbein, Fersen, Oberschenkelknochen, Ellbogen und Knöchel sind prädestiniert dafür. Ein über längere Zeit unbehandelter Dekubitus kann sich mehrere Zentimeter in die Tiefe fressen. Zur Entstehung eines Dekubitus gehören aber immer zwei. Einerseits der kranke Mensch, der durch seine reduzierte Mobilität, sein hohes Alter, seine schlechte Ernährung oder seine Zusatzerkrankungen die Voraussetzungen für Hautdruckschäden mitbringt. Und andererseits der pflegende Mensch, der um diese Gefahren nicht weiß und die Notwendigkeit des Mobilisierens und des Umlagerns nicht ernst nimmt.


Prophylaxe: Laufen und Treffen
Beim Fußballerdekubitus ist es ähnlich. Hier braucht es auch zwei. Erstens den Spieler, der aufgrund seiner Persönlichkeit, seiner Kondition, seiner Teamfähigkeit weniger Laufbereitschaft und Einsatzwillen zeigt. Zweitens den Trainer, der zuschaut, wenn ein Spieler weniger engagiert mitspielt als seine Teamkollegen, und ihn dennoch aufstellt. Für den Gomez Mario gibt es freilich in Toren zählbare Argumente, warum man mit und nicht ohne ihn ein Spiel beginnt.


Warum der streitbare österreichische Stürmer nun auch noch die Kapitänsschleife bekommen hat, ist außerdem zu hinterfragen. Eine Schleife kann eben nicht nur Motivation, sondern auch Bürde sein, der Ivanschitz Andreas wird das sicher bestätigen. Wie alle Stürmer wird Janko auch im Team an Toren gemessen werden. Dass das allein nicht reicht, wissen wir nicht erst seit der Kritik vom Scholl Mehmet, der sich bezüglich Gomez gefragt hat: »Wie lange hält eine Mannschaft so was aus?« Die österreichische Nationalmannschaft hält sicher keinen Kapitän aus, der weder trifft noch läuft auch wenn die Gefahr, sich dabei einen Dekubitus zu holen, recht gering ist.

Referenzen:

Heft: 73
Rubrik: Serien
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer