Dr. Pennwiesers Notfallambulanz

Wenn Pariasek Raini oder Schmidl Max sportberichterstatten, versuchen sie dabei sie dabei witzig zu sein. So sehr, dass man in Ansätzen das psychiatrische Syndrom der Witzelsucht erkennen mag. Welche Ursachen dahinter stecken, versucht Dr. Wolfgang Pennwieser ganz im Ernst zu ergründen.
»Herbert, hihi, hier sieht man noch einmal die Aktion, hihi, war das Absicht, hihi?« Man will kaum glauben, dass es sich bei der von Pariasek Raini kommentierten Szene um das böse Foul von Totti an Ramelow handelt, bei dem der Italiener dem Deutschen mit beiden Beinen auf den Brustkorb springt. Die artistische Einlage eines Clowns, der über ein Drahtseil spaziert und in das darunter aufgestellte Wasserbassin platscht, wäre wohl eher das adäquate Filmmaterial zur oben zitierten Moderation. Prohaska Herbert ist sichtlich betroffen ob der Schwere des Foulspiels und spricht von dunkelroten Karten. Dem schelmischen Gesichtsausdruck seines Gegenübers ist keine Betroffenheit anzumerken, vielmehr witzelt Pariasek munter weiter und Prohaska fühlt sich sichtlich unwohl.

Torheit

Witzelsucht, griechisch Moria, steht für grundlose Fröhlichkeit und stellt eine leichte Geistesstörung mit übertriebener Heiterkeit und krankhafter Geschwätzigkeit mit zusätzlich euphorischer Grundstimmung dar. Als Patienten gelten Menschen, die grundlos fröhlich sind. Früher galt die Witzelsucht als Symptom für organische Stirnhirnerkrankungen, so die offizielle Definition.

In erster Linie kommt sie bei dementen Patienten vor, die im Rahmen der Gehirndegeneration die erwähnten Krankheitszeichen zeigen. Warum es bei jungen Sportreportern zu einem permanenten Witzeln und Travestieren kommt, erklärt Prof. Dr. Alexander Friedmann von der Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH-Wien folgendermaßen: »Menschen mit einem ausgeprägten Geltungsbedürfnis bei gleichzeitiger Selbstunsicherheit wollen dadurch Aufmerksamkeit erregen. Durch das Witzeln versuchen sie, sich mit dem Helden als Sportler oder dem Experten als Analytiker auf eine Stufe zu stellen.« Wenn er über die eigene Unzulänglichkeit hinwegwitzele und hinwegschmähführe, so Friedmann weiter, gäbe das dem Witzler die Illusion einer Gleichstellung. Eine Eigenschaft, die der Psychiater nicht nur den Sportreportern zuschreibt, sondern auch bei Fußballfans beobachtet, die sozusagen vom eigenen Bierbauch weglästern. Wenn der andere als Witzfigur dargestellt werde, bemerke vielleicht niemand, welche unglaubliche Witzfigur man selber sei.

Gaudimax

Wer geglaubt hatte, durch das Engagement von ATV+ könnte eine ernsthaftere Fußballberichterstattung möglich werden, wurde schnell enttäuscht. Ein Moderator mit dem Selbstverständnis eines Komikers ließ nichts Gutes erahnen. Als dazu noch ein Stimmenimitator verpflichtet wurde, ließ sich der Weg, wohin der Fußball auf ATV+ führen soll, schnell erahnen: Gemeinsam mit »Max und Drax« auf dem Rasenmähertraktor zur Lächerlichkeit. Weit über die Schmerzgrenze hinaus wird nun auf Teufel komm raus Woche für Woche über den Fußball gewitzelt.

Um ein paar billiger Pointen wegen machen die Freunde vom Rosenhügel aus einer potentiellen Sportschau ein läppisches Larifari. So sehr man sich auch ein humorvolles Interview wünschen würde, kommt weder ATV+ noch der ORF über die Blödelei hinaus. Prof. Friedmann sieht hingegen den Unterschied zwischen Humor und Witzelei in der Hackordnung: Humor kann nur unter Gleichrangigen funktionieren. Dass sich der Reporter beim Umgang mit dem Sportler distanzlos und grenzüberschreitend verhält, ist für den Psychiater ein Kennzeichen für seinen vergeblichen Versuch, die unlustige Witzelei als Humor auszugeben.

Referenzen:

Heft: 15
Rubrik: Rubriken
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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