Unsportliche Paralleljustiz

cache/images/article_1807_nicole_140.jpg Eine Geldstrafe von 2.000 Euro für Drittligist Carl Zeiss Jena, 10.000 Euro für den FC Bayern und ein Ausschluss von 5.800 Zuschauern beim nächsten Heimspiel des FC St. Pauli das sind nur einige der Urteile, die das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes in diesem Jahr bereits gefällt hat.
Nicole Selmer | 12.03.2012
Das Gremium ahndet »unsportliches« Verhalten von Zuschauern (Pyrotechnik, Wurfgeschoße, Betreten des Platzes) und nicht ausreichende Sicherheitsvorkehrungen im Stadion. Es verhandelt wohlgemerkt gegen Vereine, nicht gegen Fans. Allerdings häufen sich zuletzt Fälle, in denen Klubs Regressforderungen an einzelne Anhänger stellen. Sie leiten die verhängten Geldstrafen also einfach weiter.


Je nach Höhe der Strafe dürfte es dabei für die Fans »nur« um ein paar Monatsgehälter gehen oder um die wirtschaftliche Existenz, etwa wenn ein oder mehrere Geisterspiele verhängt werden und der Fan für die ausbleibenden Einnahmen haften soll. Im Fall des Becherwerfers, der beim Heimspiel des FC St. Pauli gegen Schalke 04 im April 2011 einen Schiedsrichterassistenten traf, könnte es dazu noch kommen.


Der Transfer von einem Rechtssystem ins andere ist allerdings höchst problematisch. Schließlich wird eine für einen Verein verhängte und an dessen Verhalten orientierte Strafe so umstandslos einer Privatperson aufgebürdet. Die fehlende Transparenz der Sportgerichtsentscheidungen und die unterschiedliche Höhe der Strafen Drittliga-Bengalen etwa sind günstiger als die in der Bundesliga machen die Angelegenheit für die juristische Laiin ebenfalls undurchschaubar. Interessant ist auch die Frage des Wiederholungsfalls: So ist es für einen Fan vielleicht der erste Bengale, die Strafe für den Verein fällt jedoch hoch aus, weil es ein wiederholter Verstoß war. Ist das juristisch relevant? Hannover 96 hat angekündigt, zwei durch die UEFA ausgesprochene Strafen in Höhe von insgesamt 45.000 Euro für das Entzünden von Rauchtöpfen und Leuchtfackeln bei Europa-League-Spielen bei den Zündlern einzutreiben. Aber wie soll diese Forderung aufgeteilt werden? Per Fan oder per Fackel? Und wiegt ein Bengale schwerer als ein Rauchtopf?


Das sind Fragen, die sich eine juristische Laiin stellt. Im gegebenen Fall ist das aber recht passend, denn genau das sind auch die Mitglieder des Sportgerichts, die die Urteile für Regressforderungen fällen: juristische Laien, die »nur dem geschriebenen und ungeschriebenen Recht des Sports sowie ihrem Gewissen unterworfen« sind, wie es in den Statuten des DFB heißt.


In den wenigen Fällen, in denen das ungeschriebene Recht des Sports in das System eines Zivilgerichts überführt wurde, sind die Klagen im Sinne der Vereine entschieden worden. Die »Rot-Schwarze Hilfe«, die Fans des 1. FC Nürnberg bei juristischen Problemen unterstützt, rät Betroffenen dringend, anwaltlichen Rat in Anspruch zu nehmen, und gibt zu bedenken, »dass es nicht Sinn und Zweck der durch den DFB verhängten Strafe ist, dass sich der Verein beim Störer schadlos halten kann«.


Diese Sichtweise hat auch das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien in einem in Österreich verhandelten Fall vertreten. Ein Fan, der auf das Spielfeld gelaufen war, konnte nicht vom Verein haftbar gemacht werden. Sinn der Strafe sei es laut Gericht, den Verein zur Erhöhung der Sicherheit anzuhalten, nicht zum Eintreiben der Strafe. Das Hauptinteresse der Vereine am Weiterreichen der Strafen mag die abschreckende Wirkung sein und nicht ökonomisches Interesse. Eine Sportgerichtsverhandlung, bei der eine Partei die Strafe verhängt und die andere sie weitergibt, ist aber weder gerecht noch sportlich.

Referenzen:

Heft: 70
Rubrik: Kommentare
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