Schillernde Gerechtigkeit

cache/images/article_1808_pressecorn_140.jpg Jetzt ist er verurteilt, der »volkstümliche Korruptionist«, wie ihn Hans Rauscher im Standard nannte. Und wie bei Hannes Kartnig üblich, zog er auch diesmal alle Blicke auf sich.
Mario Sonnberger | 12.03.2012
So standen nicht nur seine Taten im Mittelpunkt, sondern stets auch ein wenig der Typ Kartnig selbst »nicht einmal ganz unsympathisch, trotz seiner Parvenü-Allüren« (Rauscher). Und medial bedeutend genug, es ins »Einserkastl« zu schaffen. Bußgeld in Millionenhöhe und Gefängnisstrafen werden nicht alle Tage verhängt, schon gar nicht im Fußballbereich. Wenn es geschah, wie beim Konkurs des FC Tirol, waren die Akteure zu unspektakulär, um den Fall an sich zu ziehen. Wie es ein GAK-Fan im Forum der Kleinen Zeitung sinngemäß ausdrückte: Wenn der Konkurs seines Vereins vor Gericht aufgearbeitet wird, werde man vom »Fall GAK« lesen. Hier gehe es öffentlich weniger um das System Sturm mit Manager Schilcher und Co., sondern um den »Fall Kartnig« obwohl es praktisch dasselbe ist. Der »schillernde Ex-Sturm-Präsident«, schreibt der Falter, ist eben auch ein »begnadeter Selbstdarsteller«.

Opferspuren
Nach der Verurteilung durfte er sich als Erstes in der Kronen Zeitung produzieren. »Im ersten Interview nach seiner Verurteilung kündigt Kartnig an, jetzt ins Kloster zu gehen.« Hier offenbart sich auch die Affenliebe der Krone zu Rechtsbrechern, wenn diese weiße Inländer sind und statt Drogenverkauf, Schlägereien oder gar Migration nur ein paar falsch geparkte Millionen auf dem Kerbholz haben. »Vorerst will er jetzt einmal Abstand gewinnen. Denn nicht nur im Gesicht, auch gesundheitlich hat der Prozess Spuren hinterlassen. Vor allem aber das Urteil, das da hieß: Fünf Jahre Haft.« Die Logik einer Zeitung, deren Haus-, Hof- und Postmeister vor drei Jahren einen während eines Einbruchs erschossenen 14-Jährigen als »alt genug zum Sterben« klassifizierte.

Horrorschockhammer
Das sonst nicht zimperliche Konkurrenzblatt Österreich kümmerte sich ebenfalls rührend um den »einstigen Lebemann« und fragte nach dem Prozess besorgt: »Herr Kartnig, wie haben Sie geschlafen? Können Sie die 6,6 Millionen Euro überhaupt aufbringen?« Über dem »Hammer-Urteil«, »Schock-Urteil«, also »Kartnigs Horror-Urteil« ging die Zeitung des eh schon mageren eigenen Urteilsvermögens vollends verlustig und ließ am Ende online abstimmen: »Finden Sie das Urteil gerecht?« (Nicht repräsentative 61 Prozent taten das übrigens.)


Auf der Suche nach Gerechtigkeit wurde nebenbei auch Andreas Herzog fündig. Der coachte als Klinsmann-Assistent die USA zu einem 1:0 gegen Italien und sah sein hierzulande so verkanntes Trainertalent endlich gewürdigt. »Herzog blamiert Italien«, schrieb der Kurier. »Andreas Herzog musste erst in die Vereinigten Staaten auswandern, um so einen Prestige-Erfolg feiern zu dürfen.« Hannes Kartnig sollte sich also ein Kloster in Amerika suchen.

Referenzen:

Heft: 70
Rubrik: Kommentare
ballesterer # 114

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