Samo Kobenter: Ein Finale zum Verlieben

Samo Kobenter | 09.05.2008
Es war das Endspiel 1982, Italien gegen Deutschland, und ich habe nichts davon gesehen. Zur Party meines Freundes ging ich nur, weil dort der Fernseher zur Übertragung des Finales aufgedreht werden sollte. Eigentlich hatte ich Liebeskummer und wollte gar nicht hin. Aber, so dachte ich, vielleicht könnte ich mir das Finale ansehen und zugleich unter Leuten sein. Also ging ich hin und wurde in der Einfahrt zum Garten vom Blitz getroffen: Die Augen grau und grün wie das Wasser eines Bergsees, das Haar Weizen in der Sonne, ein Strahlen aus tiefstem Inneren heraus und dieses wilde Lachen, das ich heute noch im Traum höre. Ich saß im Garten neben ihr, drinnen im Haus lief der Fernseher, und mir war wurscht, ob Rossi die Deutschen um den Verstand spielte oder nicht meiner war mir längst entschwunden, sehr zum Vorteil aller anderen Sinne. In der ersten Halbzeit rückte ich ihr näher, in der 50. Minute legte ich probeweise den Arm um ihre Schulter, was sie, wie sie später zugab, der Etikette, nicht der Tugend wegen unterband und knapp vor Abpfiff war mir klar, dass nichts mehr werden würde wie es war.
Es hat nicht gehalten. Zwei Weltmeisterschaften lang, immerhin, liebten wir einander, gingen auseinander und fanden wieder zusammen. Dann war auch das vorbei, und als die WM in Italien lief, trennten sich unsere Wege endgültig. Aber kein Tag vergeht, an dem ich nicht wünsche, es möge ihr gut gehen, kein Abend, an dem ich sie nicht ins Gebet einschließe, dass sie ihr Glück gefunden und nicht ganz vergessen haben mag, wie es uns damals aufgeleuchtet hat. Damals, als wir jung waren und Rossi die Deutschen um ihren Verstand spielte.

Referenzen:

Heft: 22
Rubrik: Kommentare
ballesterer # 82

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