Regelnebel: Eine Welt ohne Elfmeter

Ein regelkonformer Elferpfiff nach leichtem Foul an einem Stürmer in wenig aussichtsreicher Position ist ein großes Wagnis. Wütende Proteste von Spielern und Fans sind die Folge, Kommentatoren sprechen dem Schiedsrichter das »Fingerspitzengefühl« ab.
Fingerspitzengefühl ist in den Regeln aber nirgendwo erwähnt. Und praktikabler als die Einführung desselben wäre die Abschaffung des Strafstoßes. Doch allein beim Tippen dieses Satzes spürt man förmlich Entrüstung aufkommen: »Mit solchen Vorschlägen raubt man dem Fußball die Seele!«. Peter Handke hat einen seiner bedeutendsten Romane der »Angst des Tormanns beim Elfmeter« gewidmet. Eine Fußballregel kommt als UNESCO-schutzwürdiges Kulturgut daher, eine Welt ohne sie scheint schlicht undenkbar.
Der Elfmeter wurde erst 28 Jahre nach Gründung des ersten Verbandes eingeführt. Erfunden hat ihn 1891 ein irischer Tormann. Das mutet auf den ersten Blick und mit Handkes Werk im Hinterkopf masochistisch an. Da scheint der Erfinder von der grünen Insel sich und seinen Nachkommen auf ewig eine frustrierende Aufgabe gestellt zu haben. Aber gerade die große Bürde kommt den Goalies entgegen. Wenn sie ein Tor einfangen, ist es nicht ihre Schuld. Verhindern sie eines, werden sie zu Helden. Die Last der Erwartung liegt beim Schützen. Insofern fehlt der Weltliteratur noch eine Abhandlung zur »Angst des Schützen beim Elfmeter«.
Der Elfer erzeugt eine gespenstische Ruhe zwischen zwei Stürmen, jenem des Fouls und Protests und jenem des Torjubels. Das Eigenartige ist, dass diese besondere Situation dem kollektiven und anarchischen Wesen der Sportart fundamental widerspricht. Fußball wird für einen Moment zum leicht vorhersehbaren Zweikampf. Der Quotenpunk in der Redaktion grölt: »Fuck the penalty! Let there be anarchy!« Nächstes Mal darf er seine Vorstellungen präsentieren. [kmf]

Referenzen:

Heft: 26
Rubrik: Kommentare
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer