Münchner Misstöne

cache/images/article_2155_krennhuber_brasch_klein_140.jpg »Schwuler DFB« hallte es beim WM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Österreich durch die Allianz Arena. Fankultur schaut anders aus. Der ÖFB verspricht, die Probleme anzupacken.
Reinhard Krennhuber | 12.09.2013
München war trotz des 0:3 in der WM-Qualifikation für viele österreichische Fans eine Reise wert. Schon Stunden vor dem Match sorgten mehr als 10.000 rot-weiß-rote Anhänger in der bayrischen Hauptstadt dafür, dass auch jeder Nichtfußballfan mitbekam, wer am Abend in der Allianz Arena spielte. In der Innenstadt und in den Biergärten ging es bei sommerlichen Temperaturen hoch her - alkoholträchtig, aber weitgehend friedlich und freundlich. »Der Großteil der Fans hat einen positiven Eindruck hinterlassen, allerdings ist es schon vor dem Rathaus zu einigen dummen Schmähgesängen gekommen «, sagt David Hudelist von »pro supporters«, der die österreichische Fanbotschaft in München betreute.

Je näher der Anpfiff rückte, desto lauter wurden die Misstöne. Spätestens beim Aussteigen aus der U-Bahn im Fröttmaninger Niemandsland waren die »Schwuler, schwuler DFB«-Gesänge nicht mehr zu überhören. Der homophobe Chant wuchs sich zum dümmsten gemeinsamen Nenner hunderter Österreich-Fans aus, denen nichts Besseres einfiel, als der Rivalität zu den Deutschen auf diese Art Ausdruck zu verleihen. Nach der Reihe bekamen ihn alle erdenklichen Protagonisten zu hören: die Ordner vor den Stadiontoren, die Spieler beim Aufwärmen und auch der pensionierte DFB-Kapitän Michael Ballack bei seiner offiziellen Verabschiedung.

Das Spiel in München markierte das Comeback eines Chants, der in den Bundesliga-Stadien deutlich weniger oft zu hören ist als noch vor ein paar Jahren und bislang auch nicht zum Standardrepertoire der ÖFB-Fans gehörte. Einmal mehr zeigte sich eine spezifische Problematik des Nationalteamsupports: Ein paar kleinere Gruppen reichen aus, damit ein Lied - und sei es noch so debil - von ein paar hundert weiteren mitgesungen wird. Für eine Selbstregulierung ist es dann zu spät, weil Einzelne wenig dagegen ausrichten können.

Insofern ist es richtig, wenn DFB-Pressechef Ralf Köttker gegenüber der taz sagt: »Sie können an den fairen, respektvollen Umgang miteinander appellieren, aber Sie werden leider nie ganz ausschließen können, dass in einer anonymen Masse ein paar Krakeeler mit ebenso dummen wie ahnungslosen Äußerungen aus der Reihe fallen.« Allerdings übersieht Köttker, dass es sich um mehr als ein »paar Krakeeler« gehandelt hat. Und wie soll sich deren Verhalten ändern, wenn Verbände wie der DFB selbst nach entsprechenden Hinweisen nur pikiert mit der Schulter zucken?

Beim ÖFB scheint die Bereitschaft, die Probleme anzupacken, vorhanden. »Unabhängig vom sportlichen Kräftemessen haben derartige Gesänge in keinem Stadion etwas verloren. Wir werden das Thema mit unseren Fanklubs eingehend besprechen«, erklärt Pressechef Wolfgang Gramann auf ballesterer-Anfrage. Das wird auch notwendig sein, denn: Popularitätshoch des ÖFBTeams hin, massenhafte Unterstützung bei Auswärtsspielen her - den Österreich-Fans fehlt noch einiges zum positiven Image von Fangruppen wie jenen der Iren, Schotten oder Schweden. Umso wichtiger ist es, Initiative zu zeigen und Gesängen wie jenem von München den Nährboden zu entziehen. Denn schließlich soll von den Auswärtsauftritten österreichischer Fans mehr übrigbleiben als eine Diskussion über schwulenfeindliche Sprechchöre.

Referenzen:

Heft: 85
Rubrik: Kommentare
Verein: ÖFB, DFB
ballesterer # 115

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