Die Provokation

cache/images/article_2709_jakob_140.jpg

„Würde heute noch nach den Regeln von 1863 gespielt werden, würden die meisten das Spiel wahrscheinlich nicht einmal als Fußball erkennen.“

Jakob Rosenberg | 07.02.2017

Marco van Basten hat einen Hang zum Spektakel. Sein Tor gegen die Sowjetunion im EM-Finale 1988 gilt als eines der schönsten in der Fußballgeschichte – und es gehört sicher zu den unkonventionellsten. Allein der Glaube daran, fast schon an der Sechzehnerlinie auf Höhe des Fünfmeterraums den Tormann volley überschupfen zu können, ist beachtenswert. Unkonventionell sind auch die Vorschläge, die der Niederländer in seiner neuen Position als technischer Berater der FIFA im Jänner vorlegte.

Geht es nach ihm, wird es in Zukunft kein Elfmeterschießen mehr geben, sondern eine ans Eishockey angelehnte Variante des Shoot-out. Die letzten zehn Minuten eines Spiels sollen als Nettospielzeit gestoppt, Zeitstrafen als zusätzliche Sanktionsmaßnahme eingeführt und das Abseits komplett abgeschafft werden. Van Basten hat einen günstigen Zeitpunkt gewählt, um mit seinen Ideen vorzupreschen. Die FIFA hat einen relativ neuen Präsidenten und vor Kurzem die Erweiterung der WM auf 48 Teams beschlossen – ein Hauch von Revolution liegt in der Luft.

Dabei sind die Vorschläge gar nicht so gewagt, vielmehr sind es Anleihen aus anderen Massensportarten – also von Konkurrenten auf dem globalen Sportmarkt. Die Motivation ist klar: Der Fußball soll noch spektakulärer werden und so neue Zielgruppen gewinnen. Diese Ambitionen liegen auch der WM-Aufstockung zugrunde. Sie soll ab 2026 dafür sorgen, dass die Übertragungsrechte in noch mehr Märkten teuer verkauft werden können. Die Kommerzialisierungswut der FIFA scheint keine Grenzen zu kennen.

Kritik daran ist nötiger denn je – das bedeutet aber noch lange nicht, sich mit allen Kritikern zu verbünden. Wenn gewichtige Vertreter des Fußballgeschäfts wie Carlo Ancelotti, Jürgen Klopp und Ralph Hasenhüttl vor der Zerstörung des Sports durch die angedachten Regeländerungen warnen, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Anschließend reihte sich auch UEFA-Präsident Aleksander Ceferin in die Reihe der Skeptiker ein, er befürchtete sogar, dass die FIFA demnächst den Ball aus dem Spiel nehmen werde. Seine Worte entspringen wohl nicht der Sorge ums Spiel, sondern einfachem Opportunismus. In ihrem Machtkampf gegen die FIFA will die UEFA keine Chance auslassen, sich zu beweisen.

Die Vorschläge von van Basten sind vermutlich provokant, womöglich unsinnig und ganz sicher unausgereift. Dass ihre Umsetzung den Fußball zerstören würde, ist aber an den Haaren herbeigezogen. Der Sport verändert sich ständig, und Versuche, den Spektakelcharakter zu steigern, ziehen sich durch seine Geschichte. Einige Reformen aus den frühen 1990er Jahren wie die Rückpassregel und die Dreipunkteregel sind heute unhinterfragte Bestandteile des Spiels, andere Experimente wie das Golden Goal haben sich als Irrwege erwiesen und sind zum Glück längst archiviert. Würde heute noch nach den Regeln von 1863 gespielt werden, würden die meisten das Spiel wahrscheinlich nicht einmal als Fußball erkennen. Das Jahrhunderttor von van Basten hätte dann übrigens auch nicht gelten dürfen – wegen Abseits.

Referenzen:

Heft: 119
Rubrik: Anstoß
Thema: FIFA
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png