Groundhopping

Stade Taieb Mhiri (Sfax/Tunesien)

08-02-04

Zuschauer: 18.000

Resultat: 1-3 n.V.

Die Aussicht auf das erste AfrikaCup-Semifinale seit 1990 lässt die algerischen Fans in Massen ins Nachbarland Tunesien strömen. 25.000 versetzen die zweitgrößte Stadt des Landes am Spieltag in einen Ausnahmezustand. Rund ums Stadion sind fast alle Lokale geschlossen, die Straßen gehören dem algerischen Mob. Für Nicht-Uniformierte kein Problem. Angesichts des Skandalspiels zwischen Österreich und Deutschland bei der WM 1982 in Gijon, das Algerien als großen Verlierer zurückließ, gebe ich mich aber als Schweizer aus. Sicher ist sicher.

Je näher ich dem Stadion komme, desto dichter wird das Gedränge der ticketlosen Algerier. Vor einer Straßensperre finden aussichtlose Verhandlungen mit tunesischen Spezialeinheiten statt. Wenig später laufen mir hunderte Algerier mit roten Augen entgegen. Der Grund sind keine Rauschmittel, sondern Tränengas.

Das viel zu kleine Stadion ist bereits Stunden vor Spielbeginn voll, die Algerier singen den Anpfiff herbei. Während sich auch das Dach eines gut einen Kilometer entfernten Hochhauses mit Zuschauern füllt, treten die ersten Pitch Invader in Aktion. Unter dem Jubel ihrer Landsleute narren sie die Polizisten am Feld, ehe schließlich die Spieler in Erscheinung treten.

Während der Partie setzen die Algerien-Fans ihre beeindruckende Performance nahtlos fort. Ein Chant jagt den anderen: Die Palette reicht vom melodischen »Al-ger-ia, Al-ge-ria - oohh oohh oohh - allez, allez, allez!« bis zum provokanten, in arabischem Stakkato gesungenen »Gott ist groß, Osama bin Laden!«. Mein tunesischer Sitznachbar kann sich bei der Übersetzung ein Grinsen nicht verkneifen.

Als die Algerier zehn Minuten vor Schluss durch Cherrad in Führung gehen, ist das kleine Rund endgültig ein Tollhaus. Dutzende Bengalen werden entzündet, die Stimmung kocht über. In der Nachspielzeit ist dann aber Schluss mit lustig: Chamakh erzielt den verdienten Ausgleich. Als Youssef Hadji die Marokkaner in der Verlängerung in Führung schießt, verlassen die algerischen Fans trotz der verbleibenden sieben Minuten in Massen die Tribünen. Sitzschalen flie¬gen, erste Prügeleien mit den Spezialeinheiten folgen. Noch vor Zairis 3:1 bietet sich ein bizarres Bild: Das Stadion ist zu zwei Dritteln leer. Warum die Polizisten dennoch beschließen, die auf ihren Plätzen verbliebenen Algerier gewaltsam zu vertreiben, bleibt unklar. Fakt ist: Die Schlagstöcke fliegen tief und treffen vorwiegend friedliche Fans. Protestierende algerische Journalisten werden unmissverständlich aufgefordert, sich ruhig zu verhalten. Ich verziehe mich ins Pressekammerl. Als ich mich zwei Stunden später auf den Heimweg mache, herrscht gespenstische Ruhe in Sfax. Am nächsten Tag berichtet die Presse von 70 Verletzten. Mich beschleicht der Verdacht der Verharmlosung. Alleine drei von ihnen stehen an der Rezeption meines Hotels. [rk]

Referenzen:

Heft: 12
Rubrik: Groundhopping
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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