Um ein Haar wäre die Rückkehr der Sechziger verhindert worden. Sicherheitsbedenken der Polizei, Parkplatzknappheit und der Zustand der Tribünen veranlassten Lokalpolitiker, gegen das Stadion Stimmung zu machen, das so gar nicht ihren Vorstellungen entspricht. Schließlich ist das Grünwalder Stadion die Antithese zur multifunktionalen Entertainment-Arena, es ist der verkörperte Stinkefinger in Richtung des modernen Fußballs.
Hier kann ein Fußballspiel bei perfekten Sichtverhältnissen im Stehen verfolgt werden. Hier können sich Stadionbesucher in der Halbzeitpause über das Gesehene unterhalten, ohne dass kommerzielle Totalbeschallung zwischenmenschliche Verständigung unmöglich macht. Hier dürfen sich die Fans ruhig auf das Spiel konzentrieren, denn Wiederholungen via Anzeigetafel gibt es keine. Hier im »Sechzger Stadion« sind die Anhänger aktiver Teil des Spektakels, sie bringen den Hexenkessel zum Brodeln.
Das Stadion an der Grünwalder Straße ist das, was den TSV 1860 ausmachte, bevor er unter Wildmoser zu einer schlechten Kopie des Stadtrivalen wurde. Denn das Herz des Münchner Fußballs schlägt inmitten des einstigen Arbeiterbezirks Giesing. Die Kneipen lebten hier vom Fußball, einige mussten nach dem Umzug der Sechziger zusperren. Mit entsprechend offenen Armen werden die 1860-Fans im Münchner Südosten empfangen: »Da lebt ein toter Stadtteil wieder auf«, freut sich ein Wirtshausbesucher. Noch immer verfügt Giesing über genug Zapfhähne, um die Fans vor dem Anpfiff zu ernähren. Aus den Wirtshäusern strömen die Anhänger in Richtung Stadion. Das Anstellen beim Eingang wird mit »Grünwalder Stadion«-Gesängen überbrückt. »Ist das schön«, schwärmt ein älterer Herr in der Menschenmenge.
Die Entscheidung, in das »Sechzger« zurückzukehren, war sofort auf das Wohlwollen des Anhangs gestoßen. Trotz höherer Eintrittspreise verkaufte der Verein mehr Dauerkarten für diese Zweitligasaison als für Bundesligafußball im Olympia. Um die 14.000 Abos sprechen eine klare Sprache: Die weiß-blauen Fans wollen ihre Lieblinge im »Sechzger« sehen! Doch der Slogan einer nicht zu übersehenden Werbebande soll Träumereien von einer Zukunft in Giesing verhindern: »Allianz Arena: Ab 2005.« Laut Präsidium beschränkt sich die Rückkehr der Löwen auf eine Spielzeit, danach würde sich der TSV mit den Bayern die neue Arena teilen. Damit wäre das Schicksal des Grünwalder Stadions besiegelt. Einzig der Verbleib in der zweiten Liga könnte einen Abriss des »Sechzger Stadions« verhindern. Insofern war das öde 2-2 gegen Unterhaching ein Schritt in die richtige Richtung. [roh]






erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen