»Wir lassen uns nicht provozieren«

cache/images/article_1934_schweyer_140.jpg Rainer Schweyer ist Manager der »Team München Streetboys«, dem einzigen schwulen Team im regulären Ligabetrieb des DFB. Im ballesterer-Interview spricht er über die Drohungen bei den EuroGames in Budapest, Homophobie am Platz und die möglichen Folgen eines Promi-Outings.
Stefan Heissenberger | 15.08.2012
ballesterer: Warum sind die »Team München Streetboys« hier in Budapest?
Rainer Schweyer: Die diesjährigen EuroGames finden ja zum ersten Mal in einem osteuropäischen Land statt. Gerade in Ungarn, wo gleichgeschlechtliche Lebensformen von der Regierung nicht unterstützt werden, ist es wichtig, uns solidarisch zu zeigen.

Wie habt ihr die Hetze der rechten politischen Parteien gegen die Spiele aufgenommen?
Diese Äußerungen waren für uns eine Zusatzmotivation, hierher zu kommen. Wir haben den Zuschlag für Budapest von Beginn an unterstützt und mitverfolgt, insofern sind wir von der Haltung der Stadt nicht überrascht.

Am Abend der Registrierung ist eine Website von Rechtsradikalen mit dem Titel »Die Jagd kann beginnen« online gegangen. Wie schätzt du das ein?
Sicherlich war das erst einmal eine schockierende Nachricht. Ich fühle mich für das Team verantwortlich. Wir haben jetzt spezielle T-Shirts mit unserer Botschaft an Budapest anfertigen lassen: »Claim Your Rights! Be Different!«Wir haben uns damit als Teilnehmer der EuroGames erkenntlich gemacht. Als uns das Polizeiaufgebot bis zur U-Bahn Station begleitet hat, war das eher ein beklemmendes als ein sicheres Gefühl. So etwas kenne ich nur aus Stadien, wenn sich zwei rivalisierende Fangruppen begegnen und da habe ich schon kein gutes Gefühl.

Du wurdest auch persönlich auf der Website genannt. Wie war das für dich?
Wie gesagt, das war schockierend, aber hätte ich mich deswegen verstecken sollen? Nein, mit Angst würde ich mich nur zurückziehen, ich vertrete eher die Meinung »jetzt erst recht«!

Gestern Abend hast du zusammen mit drei anderen Teamkollegen beobachtet, wie sieben gut trainierte Glatzköpfe einen feminin aussehenden Mann gejagt haben, der dann entkommen ist. Was ist da in dir vorgegangen?
Obwohl ich kein ängstlicher Mensch bin, habe ich hier wirklich Angst verspürt. Du stehst da, siehst jemanden auf dich zurennen, der nach Hilfe schreit, hinter ihm vier Glatzköpfe nennen wir sie mal Faschisten , Flaschen werden nach ihm geworfen und plötzlich kommen wie aus heiterem Himmel noch einmal drei weitere Glatzköpfe aus einer anderen Richtung, um den Gejagten einzukesseln und wir mitten drin. Das einzige was mir durch den Kopf gegangen ist: »Wie können wir helfen, ohne danach selbst betroffen zu sein?«

Wie habt ihr reagiert?
Unsere Devise war, uns möglichst neutral und ruhig zu verhalten. Wir haben geschrien »Let him go!« und damit das Schlimmste verhindert. Die Glatzköpfe haben sich kurzzeitig auf uns konzentriert und der Gejagte hat weiter flüchten können. Wir sind weiterhin recht ruhig geblieben, die haben uns dann in Ruhe gelassen. Ich habe meine Spieler telefonisch informiert und ihnen gesagt, dass sie sich ein Taxi zum Hotel nehmen sollen.

Im öffentlichen Raum sind die EuroGames nicht wahrnehmbar. Alles wirkt abgeschottet. Zuschauer und Zuschauerinnen müssen sich registrieren lassen und 40 Euro dafür bezahlen.
In diesem Fall war das eine schützende Maßnahme für alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Generell finde ich es schlecht, wenn ein Freizeitsport-Event so abgeschottet werden muss. Eigentlich wollen wir mit den EuroGames ja auch die Bevölkerung des Austragungsortes erreichen.

Ihr seid ja schon auf mehreren schwul-lesbischen Sportgroßveranstaltungen gewesen. Wie fällt dein Fazit der diesjährigen EuroGames aus?
Bei den Spielen in Budapest war der Sport eher nebensächlich. Die Konzentration ist auf der Sicherheit der Sportler und Sportlerinnen gelegen. In den nationalen Medien ist nicht über die EuroGames berichtet worden. Dennoch halte ich Budapest für einen Erfolg. Schon alleine deshalb, weil die Spiele stattgefunden haben.

Wie »normal« und wie »different« ist das Fußballteam München?
Die »Team München Streetboys« sind eine »normale« Fußballmannschaft mit überwiegend schwulen Spielern, die einfach nur Fußball spielen wollen. Das tun sie gemeinsam mit unseren »Heteros«, die sich bei uns wohlfühlen, mit uns feiern, gewinnen und auch verlieren.

Wie ist das Verhältnis zwischen Fußball und gesellschaftspolitischem Engagement bei euch?
Ich denke, dass sich die »Streetboys« erst seit meiner Wahl 2012 als erster Vorsitzender der Abteilung Fußball offensiver in gesellschaftpolitischen Bereichen engagieren ganz besonders auch außerhalb der schwul-lesbischen Community. Auch hier ist der Blick über den Tellerrand wichtig. Ein Beispiel ist die erste Kontaktaufnahme mit dem Bayerischen Fußball-Verband, um das Thema Homophobie im Fußball in einem »konservativen« Verband anzugehen.

Wie sind die Gespräche bislang verlaufen?
Wir sind hier noch in der Anfangsphase, es gab erst einmal ein erstes Kennenlernen, wo wir uns ausgetauscht haben. Hier werden wir nach der Sommerpause weiter Druck aufbauen.

Wann, wie und warum habt ihr die »Streetboys« gegründet?
1994 hat ein fußballbegeisterter Schwuler eine Anzeige geschaltet, ob es Interesse an einem gemeinsamen Rumgekicke gäbe. Zu Beginn sind hauptsächlich Spieler gekommen, die ihr Schwulsein in ihrem Heimatverein verstecken mussten. Als sich im Laufe der Zeit rund 50 Männer gemeldet und mitgespielt haben, haben wir im September 1995 den Verein gegründet. Damals haben wir mit dem Klischee Schwule und Fußball noch stark kämpfen müssen.  

Inwiefern?
Die Kombination von schwulen Männern und Fußball ist auch in der schwulen Community auf Unverständnis gestoßen. Wenn man sich in der Szene als Fußballer oder Fußballfan geoutet hat, sind Reaktionen gekommen wie »Du spielst Fußball? Du bist doch schwul!« oder »Du kannst nicht schwul sein, wenn du Fußball spielst.« Diese Zeiten sind vorbei. Die Streetboys und die anderen schwule Fußballvereine haben bewiesen, dass der Fußball gleich gut fliegt, wenn er von einem Heterosexuellen oder einem Schwulen getreten wird.  

Ich habe mit anderen schwulen Fußballern gesprochen, die bereits in Mainstreamvereinen gespielt haben und geoutet sind. Da gibt es unterschiedliche Erfahrungen, aber auch durchaus positive. Ist die Rede vom homophoben Fußball also nur ein Klischee?
Sicher gibt es von einzelnen Spielern positive Erfahrungen. Hier muss man aber auch berücksichtigen, wie das Outing verlaufen ist. Bei einer starken Persönlichkeit und einem offenen Umgang mit dem Schwulsein, kann man durchaus auch in Mainstreamvereinen gute Erfahrungen machen. Ist das Outing aus irgendwelchen Gründen nicht ganz so gut verlaufen, können es Schwule aber auch sehr schwer haben. Ich bin mir auch sicher, dass selbst die, die positive Erfahrungen gemacht haben, das schwule Leben im Verein nicht so stark gelebt haben.

Es wird ja immer wieder über Scheinehen von Profifußballern gemunkelt. Wäre ein Outing für die Situation von schwulen Kickern hilfreich?
Ich glaube, dass ein Promi-Outing auch kontraproduktiv sein könnte. Es muss erst einmal eine komplette Akzeptanz vom Verband und von allen Vereinen geben. Erst dann kann ein Outing eines prominenten Fußballers stattfinden, der dann auch noch in der Liga weiterspielen kann. Die Frage ist nur, inwieweit das auf internationaler Bühne Einfluss hat.

Was meinst du damit?
Bestes Beispiel ist Anton Hysen, der Sohn vom schwedischen Fußballidol Glenn Hysen, der sich im letzten Jahr geoutet hat. Er gilt als großes Fußballtalent und war schwedischer U17-Nationalspieler, jetzt hat er die schwedische TV-Show »Lets Dance« gewonnen. Das alles ist natürlich seine persönliche Entscheidung, aber was wäre passiert, wenn er weiter Fußball gespielt hätte? Würde ein FC Bayern München einen Spieler kaufen, der als größtes Talent gilt, Jugendnationalspieler ist, aber sich als schwul geoutet hat? Was ich damit meine, ist, dass die Funktionäre, Verbände und Vereine sicherstellen müssen, dass schwule Profis auch ihr eigenes Privatleben genießen können, ohne auf dem Platz von eigenen und gegnerischen Fanblöcken zerfleischt zu werden.  

Ihr seid das einzige schwule deutsche Team, das im regulären Spielbetrieb des DFB angesiedelt ist. Warum ist das so?
Diese Frage kann ich nicht vollständig beantworten. Aus Erfahrungen kann ich aber sagen, dass es echt schwierig ist, jede Woche zum Punktspiel auf dem Platz zu stehen. Wir stellen uns auch jedes Jahr die Frage, ob wir uns noch einmal anmelden sollen. Wir schauen uns dann den Kader an, sehen, dass wir über 20 aktive Spielerpässe haben, beurteilen die Neuzugänge und möglichen Neuzugänge und danach entscheiden wir.

Wie sieht euer Fußballalltag aus?
Wir trainieren zweimal die Woche, dienstags und freitags, wobei wir Dienstag mehr ein freies Spiel haben, es wird also nur gekickt. Mittwochs haben wir unseren Stammtisch, sonntags findet unser wöchentliches Ligaspiel statt. Wann immer es der reguläre Spielbetrieb zulässt, fahren wir zu Großveranstaltungen wie den EuroGames oder auch zu kleineren Turnieren.

Wie sind eure Erfahrungen als schwules Team in der Liga?
Im Allgemeinen ganz gut. Sicherlich gibt es hin und wieder homophobe Äußerungen, aber dadurch lassen wir uns nicht provozieren. Wir geben unsere Antwort auf dem Platz.

Eine Reportage von den diesjährigen EuroGames in Budapest lesen Sie in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 74, September 2012) ab 16. August österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

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