»Wir haben in einer Wunderwelt gelebt«

cache/images/article_1962_marek2_140.jpg Andy Marek ist beim SK Rapid für so ziemlich alles zuständig, die Verantwortung für die Betreuung der aktiven Fanszene will er jedoch in Zukunft abgeben. Im Interview spricht der Klubservice-Leiter über das geplante Fanzentrum, die schnelllebige Social-Media-Welt und die falschen Kosmetikprodukte.
Jakob Rosenberg | 08.11.2012

Rapid hat sich am Tag vor dem Europa-League-Spiel gegen Leverkusen im Ernst-Happel-Stadion ein Büro eingerichtet, der Zettel »Klubservice Rapid« weist den Weg. In einem kleinen ebenerdigen Raum mit Sicht auf den Rasen sitzt das Team um Andy Marek und trifft letzte Vorbereitungen für das Spiel das erste in der Europa-League-Gruppenphase, zu dem Zuschauer zugelassen sind. Im Qualifikationsspiel gegen PAOK war es in Saloniki zu Ausschreitungen gekommen. Rapid steht unter Beobachtung der UEFA.

ballesterer: Sie sind jetzt seit 20 Jahren bei Rapid und waren jahrelang für die Fanarbeit zuständig. Nach den Vorfällen beim Europacupspiel in Saloniki haben Sie angekündigt, sich zurückzuziehen. Warum?
Andy Marek: Ich habe vor 20 Jahren bei Rapid als Stadionsprecher begonnen, mit den Fans arbeite ich seit 15 Jahren intensiv zusammen. Zuletzt habe ich mir manchmal gedacht, dass die Vertrauensbasis nicht mehr so passt wie früher. Rund um den Platzsturm 2011 habe ich gemerkt, dass es in der aktiven Fanszene eine Veränderung gibt. Mit dieser neuen Generation ist auch das Naheverhältnis weniger geworden. Deswegen müssen wir die Fanarbeit jetzt auf neue Füße stellen. Saloniki hat das nur beschleunigt. Ich laufe aber nicht davon, sondern werde mein Know-how weitergeben.
Sie haben viele Aufgaben im Verein, braucht man für die Fanarbeit nicht sowieso mehr Ressourcen?
Du musst dich dem Thema aktive Fanszene heute 100-prozentig widmen. Nehmen wir jetzt unser Spiel in Leverkusen, da sitze ich stundenlang und telefoniere mit dem Sicherheitsdienst, mit der Polizei, mit den Verantowortlichen des Klubs: Wo sind unsere Treffpunkte, wie fahren Busse zu, wie schaut der Sektor aus das ist unglaublich aufwendig und mindestens ein Ganztagsjob. Und so ist es auch in der Liga.
Wenn es zu Vorfällen kommt, hat man bei Ihnen auch immer eine starke persönliche Betroffenheit gemerkt. Sozialarbeiter sagen, dass in diesem Job Betroffenheit weder im Guten noch im Schlechten viel bringt.
Wenn ich jetzt auf ein halbes Jahr zurückschauen müsste und darin gäbe es fünf negative Ausreißer, wäre das ganz schlecht. Ich kann aber auf 15 Jahre zurückschauen und da hat es viele tolle Dinge gegeben: Wir haben es geschafft, dass aus einem leeren Stadion ein volles wird, wir haben die Abonnenten geholt, die Fanklubs sind da, aber auch die Kinder und Familien, wir haben Merchandising entwickelt und sind für viele große Veranstaltungen bekannt. Nur ist das Thema Fanarbeit sehr komplex. In Deutschland sind zum Beispiel Dortmund und Schalke ganz anders aufgestellt: Da reden wir nicht von einem Marek, sondern von sechs oder sieben Mareks, aber auch die schaffen es nicht, das Fanthema ohne Probleme in den Griff zu bekommen.
Warum hat es nicht zumindest zwei Mareks gegeben? Es hat ja auch schon Ende der 1990er und Mitte der 2000er Jahre Vorschläge für Streetwork-Projekte gegeben.
Wir haben das Gefühl gehabt, dass uns Streetworker in unserer Situation nicht helfen. Wenn es bei uns Probleme gegeben hat, sind diese in Wellen aufgetreten. Lange Zeit geht es aber gut, und dann passiert doch etwas Unerwartetes. Jetzt haben wir uns dafür entschieden, auf die Dienste eines ausgebildeten Sozialarbeiters zu setzen.
Und andere Formen der personellen Verstärkung?
Ja, die wären vielleicht schon vernünftig gewesen, doch sind wir stets auch gewissen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verpflichtet. Das trifft auf alle Bereiche zu, auch beim Merchandise-Personal kalkulieren wir millimetergenau. Jetzt aber sind der Präsident und auch ich davon überzeugt, dass eine Veränderung und Neugestaltung bei der Fanarbeit der richtige Weg ist. Wir zahlen sehr viele Strafen, jetzt investieren wir einmal und sind sicher, dass wir uns hier verbessern.
Was wird jetzt passieren?
Wir werden eine rund 150 Quadratmeter große Räumlichkeit neu gestalten und eröffnen ein neues Fanzentrum. Dort wird alles passieren, was mit dem Fan zu tun hat: Wer eine Karte kaufen will, kann ebenso hinkommen wie jemand, der Informationen zu Mitgliedschaft, Auswärtsreisen und Veranstaltungen benötigt oder eine Choreo anmelden will. Oder jemand kommt mit Problemen oder auch Vorschlägen, und das kann in einem Extraraum besprochen werden. Dafür werden wir zwei neue Mitarbeiter einstellen: einen Sozialarbeiter und einen, der ein gutes Organisationstalent hat und nach außen repräsentiert, dass er der Ansprechpartner in Fanfragen bei Rapid ist.
Das Fanzentrum wird also eher eine Anlaufstelle für konkrete Anliegen als ein Ort, wo die Leute abhängen können?
Nicht zum Abhängen wie in einem Lokal, aber vielleicht will jemand nur vorbeischauen, um zu fragen, was es bei Rapid Neues gibt. Das Fanzentrum soll eine Einladung zur Kommunikation sein. Es sollte dort nichts geben, das unbeantwortet bleibt.
Wann startet das Projekt?
Wir haben direkt beim Stadion schon ein Lokal angemietet. Die Pläne sind fertig, der Tischler und der Baumeister sind beauftragt. Wir haben für die Eröffnung zwar ursprünglich den Herbst angekündigt, ich glaube aber nicht, dass wir unser Gesicht verlieren, wenn wir zur Rückrunde am 1. Februar eröffnen.
Seit dem Platzsturm gibt es bei Rapid eine Reihe von Personen mit Stadionverbot oder Hausverbot. Wie geht man mit dem Problem um?
Ich habe lange und intensiv mit dem designierten Sozialarbeiter über das Thema gesprochen. Wenn es Stadionverbote gibt, musst und sollst du trotzdem mit den Betroffenen kommunizieren, sonst wird alles noch viel schwerer. Sie sind ja nicht weg. Wir wünschen uns, dass wir bald weniger Stadionverbote haben. Auch weil Stadionverbote nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Stadionverbote bringen viele Probleme mit sich: Solidarisierung, Märtyrer, Leute, die trotzdem unterwegs sind, und vor jedem Stadion warten.
Bei Fanfragen vermittelt der Verein derzeit kein sehr klares Bild. Zuletzt hat er bekanntgegeben, dass zwei Fanklubs ausgeschlossen werden, ein paar Tage später hat es geheißen, es werde keine Kollektivstrafen geben.
Mit der schnellen Kommunikation, die es heute gibt, muss man auch erst einmal fertigwerden. Du hast etwas noch nicht einmal ausgesprochen und tausende Menschen lesen das schon in den Foren und zerlegen es. Zum wiederholten Mal waren Leute aus einer Gruppe für Brösel verantwortlich. Davon wollten wir uns klar distanzieren. Im Nachhinein betrachtet, hätten wir gleich sagen müssen, wer etwas Rechtswidriges gemacht hat, wird zur Verantwortung gezogen. Das ist auch so der Fall.
Welche Veränderungen wünschen Sie sich von den Fans?
Das Wichtigste wäre, dass es in der Fanszene wieder klarere Strukturen gibt. In der Kurve sind tausende Fans, früher hat man sofort gewusst, mit wem man reden muss, jetzt ist die Situation etwas komplexer. Die Zusammenarbeit und Handschlagqualität hat sich in den letzten Wochen aber wieder merkbar verbessert. Generell habe ich in der Vergangenheit zu lange zugewartet und zudem die Schnelllebigkeit abseits des persönlichen Kontakts unterschätzt. Heute reicht es ja, wenn online irgendwo irgendetwas reingeschrieben wird und dann kann die vermeintlich große Revolution ausbrechen.
Bräuchte man also jemanden, der von der Klubseite die Fanforen betreut?
Das passiert auch jetzt schon, aber der Online- und Social-Media-Bereich bräuchte bei einem Verein wie Rapid wohl mehrere hauptamtliche Mitarbeiter. In stressigen Zeiten könnte es derzeit sein, dass ich von Diskussionen erst erfahre, wenn es zu einem Thema schon 600 Einträge gibt und in 500 steht, dass wir alles Trotteln sind. Zukünftig soll das neue Team auch diesen Bereich genau beobachten und rasch auf Sorgen und Nöte der Fans eingehen, aber auch Gerüchte im Vorfeld abfangen.
Wie soll das funktionieren? Das Internet kann ja nicht einmal China kontrollieren.
Bei uns sind es ja nicht so viele Plattformen. Die klare neue Linie soll lauten: Spekuliert nicht, sondern kommt her und fragt uns. Dazu brauchen wir auch Fans, die uns informieren. Da geht es nicht um Kontrolle, sondern um einen Zugang zum Verein und offene Kommunikation. Hinzu kommt ganz generell, dass sich die Wahrnehmung von Autoritäten verändert hat. Heute wird jede Aussage durchleuchtet hoch drei. Selbst wenn wir Meister und Cupsieger werden sollten und nächste Saison in der Champions League spielen, würde der Herr Edlinger von manchen für jede Aussage zerlegt werden. Da kannst du noch so erfolgreich und gut sein.
Ist das die Rechnung dafür, dass sich Rapid in den letzten Jahren selbst zu stark gemacht hat? Also im Marketing als Traditionsverein und Rekordmeister?
Ja, wahrscheinlich haben wir diese Wunderwelt zu viel fabriziert. Dieses »Wir sind Rapid und wer seid ihr?«. Wir haben hunderte Leiberl mit dem Spruch »No Respect« verkauft und uns über den Applaus für den Riesenumsatz gefreut. Jetzt wundern wir uns, wenn gewisse Gruppen keinen Respekt zeigen, da müssen wir uns auch selber an der eigenen Nase nehmen. Wir haben den großen Vorteil gehabt, dass die Austria unter Frank Stronach einiges falsch gemacht hat. Dadurch haben wir leichter einen Turbo bekommen und bei uns hat damals auch alles geklappt: Meister, wir alle gemeinsam und das dazu passende Marketing ein bisschen so wie das »mia san mia« bei den Bayern. Selbst als wir dann schon leichte Probleme gehabt haben, hat es trotzdem irgendwie noch geklappt: Meister, zweimal Europa League, ein volles Happel-Stadion. Als wir uns 2010 für die Europa League qualifiziert haben, bin ich in Birmingham im Stadion gestanden, habe auf die Tribüne geschaut, mich zwar gefreut, aber eine Befürchtung im Kopf gehabt: »Das geht nicht gut. Mit diesem Aufstieg decken wir wohl einige Baustellen zu, die wir eigentlich schnell lösen sollten.« Ich habe gewusst, dass wir uns damit nur viele Furchen mit einer schönen Creme zuschmieren.

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Fansektor, Interview
Verein: SK Rapid
ballesterer # 114

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