Wettbewerbsgrundlage Nationalismus

cache/images/article_1885_emblog_140.jpg Friedlich und bunt soll er sein, der EM-Fußball. Rauchschwaden und randalierende Fans gehören zu den unerwünschten Begleiterscheinungen, die die Regie gerne auch einmal ausblendet. Doch wer einen Nationenwettkampf ausruft, darf sich nicht wundern, wenn er ihn dann auch bekommt.
Nicole Selmer | 17.06.2012

Die UEFA hat klare Vorstellungen davon, wie ein Fußballspiel auszusehen hat oder zumindest was davon sie den TV-Zuschauern zu zeigen gedenkt. Oder wann. Sehr deutlich wurde die Bildermanipulation der Regie im Fall der Szene zwischen dem deutschen Trainer Joachim Löw und einem Balljungen, die keineswegs live am Spielfeldrand stattfanden, sondern im Nachhinein eingespielt wurden.


Kamerafahrt ins Nirgendwo, Feuerwerk in Charkiw
Aber nicht nur in die Darstellung der sportlichen Akteure greift die UEFA-Regie ein, sondern auch in die Inszenierung des Tribünengeschehens. Beim Spiel Italien gegen Kroatien war der Kamerablick nach dem Ausgleich so lange es eben ging bemüht, in eine andere Richtung zu schauen als in die des kroatischen Blocks. Denn dort brannte es, der Rauch bewegte sich aber übers Spielfeld und das Spiel in Richtung des italienischen Tors und so war doch zu sehen, was die UEFA gerne heraushalten will: Feuer und Rauch das sind »Bilder, die wir nicht sehen wollen«. Es ist eine kleine Ironie am Rande (aber vielleicht auch ein Zeichen der »Fuck UEFA«-Haltung in der Ukraine), dass in der Fanzone von Charkiw bei jedem Tor drei Feuerwerksraketen in den Himmel fliegen). Zu den Bildern, die die UEFA und ihre Fernsehpartner hingegen sehr gerne zeigen, gehören Frauen (gerne mit wenig Kleidung) und Kinder, die Fahnen schwenken, ebenso wie angemalte lachende Gesichter unter bunten Perücken und lustigen Hüten.

Traditionell schwer tut sich der Fußball und zwar Verbände, Vereine und Fans gleichermaßen mit seiner Verbindung zur Politik. Die lauten Boykottrufe aus Deutschland sind wie zu erwarten nach den Landtagswahlen im Mai und einem gewonnenen EM-Auftaktspiel fast völlig verstummt. Übrig blieb allein eine Protestbotschaft im Stadion von zwei deutschen Grünen-Abgeordneten, die in die Ukraine gereist waren und auf Plakaten »Fairplay in football and politics« und »Release all political prisoners« forderten. Eingefangen wurden die Motive von Fotografen, aber nicht von der UEFA-Regie gezeigt. Das ist eine politische Botschaft, die nicht hineinpasst in die Inszenierung des EM-Events. Europa- wie Weltmeisterschaften gelten idealerweise als Imagegewinn für das Ausrichterland, sie generieren politische und wirtschaftliche Kontakte und Profite zumindest für die Verbände. Europa- und Weltmeisterschaften wären ohne Politik, ohne Nationalstaaten, die gegeneinander antreten, undenkbar.

Das »hässliche Gesicht des Fußballs«
Auch mit seiner eigenen Wettbewerbsgrundlage Nationalismus hat der globale Eventfußball so seine Probleme, zumindest dann, wenn dieser sich der symbolischen Bildregie entzieht. Seit Public Viewing als fester Bestandteil der großen Turniere viele Bilder von feiernden Menschenmassen liefert, gehört der fröhlich feiernde Nationalismus als Karneval- und Kommerzevent dazu: Nationalsymbole als Modeaccessoire; Männer, Frauen, Kinder, Tiere in allerlei Landesfarben geschmückt und bemalt und darüber die Werbebanner der Sponsoren bei den vergangenen Turnieren in Westeuropa und auch in Südafrika hat das hervorragend geklappt. Die journalistische Standardformulierung hierfür ist »ein friedliches Fußballfest«. Mit der Osterweiterung der EM jedoch ist nun wieder eine weitere Wendung aus dem Pressebaukasten das »hässliche Gesicht des Fußballs« zu sehen. Junge Männer, die Rauch und Feuer in die Stadien bringen, oder ein russischer Marsch durch eine polnische Stadt, der, anders als die Fanmärsche der Niederländer oder Schweden, nichts von einem Karnevalsumzug hat, sondern mit Prügeleien, Verletzten und Verhaftungen endet.

Bilder wie die von den Vorfällen auf den Warschauer Straßen rufen beharrlich in Erinnerung, dass Nationalismus immer eine ernste und nicht selten auch eine todernste Sache ist. Wir haben uns in den letzten Jahren lediglich daran gewöhnt, dass diese Tatsache unter der Goldlack-Patina des modernen UEFA-Fußballs verschwindet. Auch meinen Landsleuten, den freundlichen Schlandnasen, die in die Ukraine gekommen sind, lustig aussehen und in der Tat den rechten Arm nur heben, um das Bierglas zum Mund zu führen, ist der Stolz auf ihr Land eine ernste Angelegenheit. Das erlebt man, wenn man sie nach dem Grund für ihre lustige Kostümierung befragt, wie es die Psychologin Dagmar Schediwy bei den vergangenen Turnieren getan hat. Man merkt es auch, wenn man beobachtet, mit welch inbrünstiger Geste sie beim Singen der Nationalhymne die Hand aufs Herz pressen.

Die Schlägereien zwischen polnischen und russischen Fans auf den Warschauer Straßen scheinen Lichtjahre entfernt von den Szenen, die beispielsweise zwischen deutschen und niederländischen Fans zu beobachten waren. Die einen sind willens, sich und andere für »ihr Land« zu schlagen, die anderen posieren zusammen für Fotos und leben ihren »Nationenwettkampf« in mehr oder minder gelungenen Scherzen aus. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie sich und ihr jeweiliges Land, auf das sie stolz sind, für das bessere halten. Guter Partypatriotismus und böser Nationalismus sind zwei Seiten derselben EM-Medaille.

ballesterer # 114

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