Wallraff und die coole Glatze

cache/images/article_970_spanien_se_140.jpg Medien sind süchtig nach Experten. Einen aufzutreiben, ist allerdings nicht leicht. Man denke nur daran, wer sich in Österreich unter diesem Deckmantel ein Zubrot verdienen darf. In der globalisierten Welt können wir uns lediglich damit trösten, dass in den Redaktionen anderer Länder ebenso verzweifelt nach Koryphäen und Konifären gekramt wird. In Spanien sind derzeit die Russen hoch im Kurs.
Hannes Gaisberger | 25.06.2008
Die Sporttageszeitung Marca wurde bei Ilshat Faizulin, Ex-Spieler von Getafe, Villareal und Racing Santander, fündig. Dieser setzt auf Russland, da die Sbornaja voll im Saft steht und einen Lauf hat. Faizulin wird sich das Spiel übrigens in seinem Haus in Santander ansehen. Gemeinsam mit seinem Sohn, der allerdings zu Spanien hält. Sagt Marca.

Einen illustren Experten für das erste Halbfinale Deutschland gegen die Türkei hat auch die Mediengruppe um El Pais und AS aufgetrieben: Günther Wallraff doziert über die Diskriminierung der Türken in seinem Heimatland. Überhaupt ist in Spanien das Deutschlandbild noch in Ordnung. Eine Vorschau auf das Spiel wird mit »Die Maschine gegen das Chaos« betitelt.

Auch wenn wie man bei AS weiter erfährt Liverpool-Verteidiger und Reservist Álvaro Arbeloa lieber russischen Wodka als andalusischen Sherry trinkt: Man ist allerorts zuversichtlich. Es soll sogar angedacht sein, Luis Aragonés eine Verlängerung des Vertrags bis zur WM in Südafrika anzubieten. Blöd nur, dass der Sportdirektor des nationalen Fußballverbands RFEF, Fernando Hierro, den Job schon seinem Ex-Trainer Vicente del Bosque angeboten hat. Der hat offensichtlich den Braten vorher gerochen und ist weder zu den Spielen angereist, noch hat er eines der zahlreichen Angebote als na was wohl? Experte angenommen.

Dann wäre noch die Sache mit den gelben Trikots. Erstmals bei der EM tritt die Selección mit ihren Auswärtstrikots an. Nun weiß man spätestens seit der Weltmeisterschaft in Deutschland, bei der Aragonés einen Blumenstrauß in den spanischen Landesfarben entrüstet abgewiesen hat (»In meinen Arsch passt kein Blumenstrauß. Da passt nicht einmal der Fühler einer Garnele rein.«), dass Gelb in den Augen des »Mister« Unglück bringt. Doch Xavi kontert mit Aberglauben: »In Gelb haben wir zuletzt gegen Frankreich gewonnen.« Dann ist ja alles in Butter.

In Gelb spielt für gewöhnlich auch ein Mann, der zuletzt von Experten wie Cesare Maldini und »Zar« Alexander Mostowoj lobend hervorgehoben wurde: Marcos Senna, gebürtiger Brasilianer, seit 2002 beim »Submarino Amarillo« Villareal im Mittelfeld tätig. Der 31-jährige Spätstarter wurde in der Qualifikation nur einmal eingesetzt und hat seinen Platz dank der Seuchensaison von Stammstaubsauger Albeldas Valencia gegen Konkurrenten wie Xabi Alonso errungen. Er ist das Scharnier in Aragonés' System. Über ihn wird das Spiel mit einfachen, kurzen Pässen aufgebaut. Andererseits räumt er alles ab, was über die Mitte Richtung Casillas kommt, hat einen harten Schuss und ist ein zuverlässiger Elferschütze. Obwohl angeschlagen und müde, wird er voraussichtlich gegen Russland auflaufen. Dessen exzentrischen Star Andrej Arschawin kennt er ja schon aus dem UEFA-Cup.

Nicht nur deswegen würde sich wohl jeder Trainer einen Marcos Senna im Team wünschen. Er ist bescheiden, fröhlich, liest in seiner Freizeit zur Entspannung in der Bibel, mag keine Konsolenspiele und hört im Ipod am liebsten brasilianische Musik und religiöse Lieder. Trotz seiner Bescheidenheit hat er auch genügend Selbstvertrauen, wie ein aktueller Freudscher Versprecher zeigt: »Wir gehen voll konzentriert in die nächsten zwei Partien ...ähm... jetzt steht natürlich erst einmal das Halbfinale an.«

Zudem betont Senna immer wieder, wie wohl er sich in seiner neuen Heimat Spanien fühlt, in der er mit offenen Armen aufgenommen wurde. Geradezu bizarr wirkt in diesem Zusammenhang das Gruppenfoto der Selección vor dem ersten Turnierspiel gegen Russland in Innsbruck. In dem Moment, als es Klick macht, blickt die halbe Mannschaft in einer Mischung aus Staunen und Mißbilligung auf ihren ältesten Spieler. Hinter dem unglücklichen Bild dürfte aber  nicht  latenter Rassismus, sondern eher ein Last-Minute-Wechsel Sennas von der zweiten in die erste Reihe stecken, womit er seine Kollegen aus dem Konzept gebracht hat. Und wenn dem doch nicht so ist: Der Denzel-Washington-Fan lässt sich nicht leicht was zu Herzen gehen. Auf die Frage, wann er beim Fußball zuletzt geweint hat, antwortet der Glatzkopf trocken: »Als Kind.«

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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