Sturm über Rio

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Unser Olympia-Korrespondent war im Krankenstand und hat sich nur langsam erholt. Er berichtet von einem IOC in Laissez-faire-Laune und prognostiziert ein drohendes Unwetter im brasilianischen Fußball. 

Robert Florencio | 09.08.2016

Ein lange erwartetes Ereignis steht an, und man kann es nicht genießen, weil einen eine Erkrankung niederstreckt. Viele kennen vermutlich dieses ärgerliche Gefühl. So erging es dem Schreiber dieser Zeilen: Er muss eine Einladung des ÖOC zur Eröffnungsfeier wegen starker Erkältung schweren Herzens ablehnen. Das TV-Erlebnis führte aber auch zu interessanten Erkenntnissen: „Die Fahnenträgerin der Österreicher ist eine chinesische Tischtennisspielerin. Interessant für ein Land, das immer großes Unbehagen gegenüber Einwanderung verspürt hat“, meinte einer der Kommentatoren des größten brasilianischen TV-Senders Globo beim Einmarsch der österreichischen Athleten. Die Verantwortlichen der Österreich-Werbung, die den Brasilianern das touristische Potenzial des Landes in einem eigenen Haus, dem Klubsitz von Botafogo, näherbringen wollen, hätten sich vermutlich andere Worte gewünscht.

Doch Rio 2016 ist vieles, aber sicher kein Wunschkonzert. Weder für die Besucher, die sich trotz des enormen Aufgebots an Sicherheitskräften häufig mit Diebstählen und Straßenraub konfrontiert sehen, noch für die Funktionäre des IOC, die weitgehend undekorierte Stadien als Sparmaßnahme verärgert zur Kenntnis nehmen, oder die Sportler, die durch unerwartete Wetterumschwünge wie am Sonntag plötzlich auftretendem Starkwind Beeinträchtigungen bis hin zu Absagen ihrer Disziplinen hinnehmen müssen. Am stärksten trifft es jedoch die lokale Bevölkerung. Umgerechnet knapp neun Millionen Euro werden nach aktuellen Berechnungen täglich für die 17 Tage Olympia und 12 Tage Paraolympics an bestimmte Ausgaben aus öffentlichen Mitteln fällig, zusätzlich zu den geschätzten öffentlichen Gesamtinvestitionen von 11,5 Milliarden Euro. Und das alles in einem Bundesstaat, der technisch zahlungsunfähig ist und schon vor Monaten um Unterstützung der Zentralbehörden ersuchen musste.

Lockerheit beim IOC
Natürlich macht sich die schwere Wirtschaftskrise, die das Land seit 2014 erschüttert, auch auf der Straße bemerkbar. Die Anzahl der Obdachlosen ist merkbar angestiegen, auf dem Platz vor dem Bahnhof Central do Brasil liegen sie regelrecht aufgereiht. Nimmt man dann den Vorortezug zum Olympiastadion im noch ärmeren Norden der Stadt, glaubt man in einem fahrenden Jahrmarkt zu sein. Im Halbminutenabstand gehen Verkäufer allmöglicher Waren durch, Clowns versuchen, die Fahrgäste zu erheitern, Musiker geben ihre Sangeskünste preis und andere bitten mit Handzetteln um Spenden. Die Dramatik der Lage steht im krassen Gegensatz zu den Traumbildern der Eröffnungszeremonie und hat offensichtlich sogar das IOC beeindruckt. Der Verband hat sich trotz der verabschiedeten Gesetze, die ihm und den Sponsoren ähnlich wie bei Fußballturnieren ein Exklusivverkaufsrecht innerhalb eines Bannkreises ums Stadion einräumen, zu einer Nichtausübung dieses Rechts entschieden. Es herrscht eine regelrechte Laissez-faire-Atmosphäre trotz der starken Präsenz von Polizei und Nationalgarde. Tickethändler verkaufen schon auf der Ausgangsrampe Eintrittskarten für die Eiligen, die sich nicht bei der Kassa anstellen wollen. Aus den Wohnhäusern der Anrainer heraus werden Speisen und Getränke zu weniger als der Hälfte des im Stadion zu zahlenden Preises verkauft. Vermutlich hat dies auch dazu beigetragen, dass sich die Proteste bislang in Grenzen hielten.

Krisenstimmung
Die ersten zwei Turniertage im Fußball sind nun gespielt, und ich konnte die Spiele Brasilien gegen China und Brasilien gegen Schweden bei den Frauen sowie Argentinien gegen Portugal und Argentinien gegen Algerien bei den Männern in eben jenem Olympiastadion sehen, das ab dem nächsten Jahr als Botafogo-Heimstätte dienen wird. Bei den Frauen ist die unerwartet wiedererstarkte brasilianische Auswahl in 18-monatigem Beisammensein – ohne die Legionärinnen wie Marta und Christiane – von Teamchef Vadao zu einer perfekten Einheit mit großen technischen und taktischen Fertigkeiten geformt worden. Das Team konnte sich über die durchaus etablierten Gegnerinnen durchsetzen, als wären sie Anfängerinnen. Anders liegen die Dinge bei den Männern, auch aufgrund der unterschiedlichen Bedingungen. Sowohl Portugal als auch Argentinien mussten sehr stark improvisieren, konnten auf die besten Spieler in der Altersgruppe bis 23 gar nicht zurückgreifen und mussten mit nicht eingespielten Teams auflaufen. Die Portugiesen machen es am besten, hatten kaum Abstimmungsprobleme und konnten ihre beiden ersten Gruppenspiele gewinnen. Argentinien ist etwas unglücklich gestartet, hat das Handicap, Lieblingsfeind von 99 Prozent der brasilianischen Zuschauer zu sein und wird dementsprechend oft ausgepfiffen.

Ganz schlimm steht es aber um das Heimteam, die Selecao, die ich nur aus der Ferne verfolgen kann, weil sie die ersten beider Spiele in der Hauptstadt Brasilia gegen Südafrika und Irak bestritt. Zweimal 0:0 lassen bereits alle Alarmglocken schrillen. Sollte gegen Dänemark im abschließenden Gruppenspiel kein Sieg gelingen, droht das vorzeitige Ausscheiden. Dann allerdings könnte ein Orkan der Empörung das neue Verbandsgebäude des brasilianischen Fußballverbands erbeben lassen und auch den amtierenden Präsidenten Marco Polo del Nero nicht unverletzt davonkommen lassen.

Referenzen:

Thema: Olympia
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