Sommermärchen entzaubert

cache/images/article_1046_schediwy_140.jpg ballesterer fm-Autorin Nicole Selmer über Dagmar Schediwys »Sommermärchen im Blätterwald«, eine Medienanalyse zur Fußball-WM 2006 in Deutschland.
Nicole Selmer | 09.08.2008
Sommermärchen das klang fröhlich, bunt und magisch. Sehr viel weniger Zauber dagegen entfaltet eine Wendung wie »eventgesteuerte, emotionale Kollektiverfahrung«, die das gleiche Phänomen bezeichnet, nämlich das Erlebnis der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Und tatsächlich ist Entzauberung eine der Wirkungen von Dagmar Schediwys Buch »Sommermärchen im Blätterwald. Die Fußball-WM im Spiegel der Presse« und das ist in diesem Fall auch sehr gut so.


Die deutsche Psychologin hat im Auftrag der Universität München eine Analyse wichtiger deutscher Printmedien in den WM-Wochen mit Blick auf die Konstruktion nationaler Identität durchgeführt. Dass sich dabei die Lektüre der Bild-Zeitung als besonders dankbar erweist, ist sicher nicht überraschend; dass der auch im Ausland so positiv aufgenommene »neue« deutsche Patriotismus gerade im Boulevardblatt schon vor Beginn des Turniers mit den Leserinnen und Lesern regelrecht eingeübt wurde, dagegen vielleicht schon.


Gegen die Wahrnehmung einer allmählich und quasi natürlich entstehenden Begeisterung für die nationale Idee und ihre schwarz-rot-goldenen Symbole stellt Schediwys Analyse eine medial gesteuerte Kampagne für fröhlichen Patriotismus unter dem Motto »Schwarz-Rot-Geil«. Beim Lesen der zitierten Passagen aus der Bild schwankt man zwischen Belustigung und Entsetzen, etwa, wenn es zum Thema »Richtiges Singen der Nationalhymne« heißt »Der Kopf ist gehoben, der Blick geht geradeaus« oder wenn Kolumnist Franz-Josef Wagner Deutschland als »das Land der Burgen, das Land der vier Jahreszeiten« beschwört. Der Wirkungsmacht gerade des Boulevardmediums tut die oft unfreiwillige Komik aber keinen Abbruch, das wird hier nur allzu deutlich.

Die Mär vom guten Patriotismus

Nicht nur in der Bild, auch in den sogenannten Qualitätsmedien wie der Süddeutschen Zeitung, der tageszeitung, Frankfurter Allgemeinen oder der Zeit wurde der deutsche Patriotismus des Sommers 2006 zu einem großen Teil positiv beurteilt und analysiert, obwohl sie weniger offensichtlich an der Produktion des Phänomens, das sie journalistisch begleiteten, beteiligt waren. Zudem findet sich in einigen dieser Zeitungen das, was Schediwy als »Dissonanzen« bezeichnet Texte zu rassistischen Übergriffen, gewalttätigen Ausschreitungen, Kommerzialisierung oder Korruption im Fußball, die die dominierende WM-Berichterstattung stören.

Was Schediwy in ihrer Medienanalyse herausstreicht, ist die Arbeitsteilung zwischen Boulevard und Qualitätsmedien in der Patriotismusdebatte: Affekte produzieren auf der einen und Argumente liefern auf der anderen Seite, und zwar für den natürlichen Triebcharakter des Nationalstolzes, die Harmlosigkeit des »Party-Patriotismus« und zudem seine integrative Kraft für das Miteinander von MigrantInnen und deutscher Mehrheitsgesellschaft. Zwei Jahre nach dem WM-Sommer 2006 kann Dagmar Schediwy diese Argumente zu Recht ins allerdings nicht vom Bild-Kolumnisten Wagner beschworene »Land der Legenden« verweisen. Auch die zitierten Ergebnisse der Langzeitstudie des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer und seinen MitarbeiterInnen zeigen, dass das Deutschland nach der WM tendenziell weniger denn mehr Toleranz an den Tag legt.

 

Nationale (Fußball-)Identität & Geschlecht

Ein Aspekt, der sich, wie Schediwy selbst schreibt, ihr erst im Laufe der Untersuchung aufdrängte, ist die Kategorie Geschlecht. Hier entdeckt sie, was den meisten Fußballfans wohlvertraut ist: Die Abwertung von gegnerischen Spielern oder Fans mithilfe von Weiblichkeitsattributen und das insgesamt nun ja, sagen wir mal konservative Geschlechterrollenverständnis der Fußballwelt, das sich in den Bilderstrecken von Boulevard- und Qualitätsmedien allerdings vor allem graduell durch den Anteil an nackter Haut unterscheidet. Schediwy stellt fest, dass die Patriotismusdebatte der deutschen Medien eine fast ausschließlich von Männern geführte war und zudem beim Gewinn des Weltmeistertitels durch die deutsche Frauennationalmannschaft 2007 keineswegs neu entflammte. Auch wenn diese Beobachtungen für die WM zweifellos zutreffen, wäre der Blick auf ein anderes mediales Phänomen noch interessanter gewesen: die Feminisierung des Nationalgefühls. Gerade durch die starke Fixierung auf schwarz-rot-gold geschmückte Frauenkörper und -gesichter nämlich erhielt die Erzählung des fröhlichen und fast verspielten Patriotismus eine zusätzliche und geradezu notwendige Legitimation.

Abzuwarten bleibt, ob die nationale (Fußball-)Identität, wie die Autorin meint, wirklich nur als männliche denkbar ist oder ob die nächste Fußball-Weltmeisterschaft im Land der Burgen, der vier Jahreszeiten usw., also die Frauenfußball-WM 2011, nicht auch zu einem kleinen Tummelplatz von Nationalgefühlen und -symbolen werden wird. Bis dahin gibt es hoffentlich eine ähnlich interessante Medienanalyse wie die von Dagmar Schediwy zur Europameisterschaft 2008 zu lesen.

Dagmar Schediwys »Sommermärchen im Blätterwald. Die Fußball-WM 2006 im Spiegel der Presse« ist erschienen im Tectum-Verlag und kostet 19,90 Euro.

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Rubrik: Aktuell
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