»Sie nennen uns Hisbollah«

Wie in Heft 31 versprochen, bringen wir in voller Länge das Interview des ballesterer fm mit Asaf Eyal von den Ultras Hapoel
Gastautor | 05.12.2007

Asaf Eyal, Mitglied der Ultras Hapoel, sprach mit dem Ballesterer über den schweren Stand der jungen Ultrá Bewegung in Israel und die Hapoel-Mentalität.

ballesterer fm: Hallo Asaf, schön dass Du Zeit gefunden hast so kurz vor eurem Derby gegen Maccabi Tel-Aviv
Asaf Eyal: Ja, ich komme gerade vom Abschlusstraining vor dem Derby gegen Maccabi. Wir waren rund 500 Fans um die Mannschaft vor dem sehr wichtigen Spiel morgen zu unterstützen.

500 Ultras beim Training, das klingt nach einer Menge Fans für ein kleines Land?
Das täuscht vielleicht ein wenig. Zu den israelischen Ligaspielen kommen meistens relativ wenig Zuschauer. In Israel haben nur die vier große Mannschaften - Beitar Jerusalem, Maccabi Tel-Aviv, Maccabi Haifa und Hapoel Tel-Aviv - mehr als 5.000 Abonnements und etwa 10.000 Zuschauer bei den Heimspielen. Bei den Auswärtsspielen ist die Situation natürlich anders und wenige Fans reisen mit. Große ausverkaufte Stadien kommen eigentlich nur dann zustande, wenn zwei der großen Vereine aufeinander treffen. Das liegt vielleicht auch an den schlechten Standards der israelischen Stadien - die meisten sind alt, klein und hässlich. Nur sehr wenige haben große Kapazitäten und sind modern.

Woran liegen die relativ niedrigen Zuschauerzahlen bei Fußballspielen?
Fußball hat in Israel keinen so hohen Stellenwert in der Gesellschaft wie in den meisten europäischen Ländern. Die Lage des israelischen Staates macht Fragen der nationalen Sicherheit zum bestimmenden Thema, daneben ist für Sport im Allgemeinen nur wenig Platz. Israel unterscheidet sich unter vielen Gesichtspunkten sehr stark von anderen europäischen Ländern und die Fußballmentalität wird noch 10 bis 20 Jahre brauchen, um sich in etwas Ähnliches wie die europäische Fankultur zu entwickeln.

Eine Ultrá-Szene gibt es immerhin schon.
Ja, und die wächst von Jahr zu Jahr, obwohl das ganze erst relativ spät, Ende der 90er begann. Zu Beginn gab es überhaupt nur zwei organisierte Fangruppen - uns und die Ultras von Maccabi Tel-Aviv - mittlerweile gibt es 15 Fangruppen, die ihre Mannschaft mit Choreographien, Liedern, eigener Kleidung, etc. unterstützen. Natürlich sind da auch sehr kleine Gruppen dabei, aber die vier großen Vereine haben auch dementsprechende Fangruppen.

Wie kam es zur Gründung der Ultras Hapoel?
Die Ultras Hapoel wurden 1999 gegründet. Anlass war der Kampf gegen die Korruption im Basketball Team von Hapoel Tel-Aviv. Der ursprüngliche Name war »Hayezurim«. Im Jahr darauf nahm die Gruppe die organisierte Unterstützung der Mannschaft auf und begann Flaggen, Transparente und ähnliche Dinge zu produzieren. Das war damals eine Neuigkeit in Israel. 2001 änderte die Gruppe den Namen in »The Red Militia«. Die Unterstützung des Teams in den Spielen wurde immer besser organisiert. Der Name sollte unsere politische Überzeugung repräsentieren, allerdings wurde der Name später in Ultras Hapoel geändert.

Wie würdest du eure politische Überzeugung genauer definieren?
Die Ultras Hapoel sind eine linke Gruppe, die für die Koexistenz mit unseren arabischen muslimischen israelischen Nachbarn eintritt. Der politische Hintergrund besteht aber in keinerlei Verbindung zu einer bestimmten Partei in Israel. Eine der wichtigsten Aktivitäten der Ultras Hapoel bestand dieses Jahr darin, den Darfur Flüchtlingen zu helfen. Vor dem Spiel haben wir Kleidung und andere Hilfsmittel für sie gesammelt und ihnen danach übergeben. Die Ultras Hapoel wollen auch diese Art von sozialer Aktivität leisten.

Seid ihr die einzige linke Kurve in Israel?
Die einzige bekannte zumindest. Wir sind in diesen Belangen am Besten organisiert. Natürlich gibt es auch einige linke Aktivisten in anderen Fangruppen, aber das spiegelt sich nicht in den Aktivitäten der jeweiligen Gruppe wider.

Wie steht ihr zum zionistischen Verständnis des Staates Israel?
Die ursprüngliche Definition von Zionismus ist schon sehr alt und spielt in der heutigen Welt keine Rolle mehr. Der Zionismus wurde durch Nationalismus, Aggressivität, Faschismus und Rassismus abgelöst. Der israelische Nationalismus ist dabei einer der schlimmsten. Die Unterdrückung arabischer Muslime geht sehr weit, die Diskriminierung ist unglaublich. Wir sind gegen die Besatzung und die Politik des israelischen Staates und versuchen das auch in und außerhalb des Stadions zu zeigen. Alle anderen Fangruppen nennen uns daher auch »Hisbollah«, »Israel Hasser« und »Araber« - ich glaube das zeigt sehr gut, wie wir gesehen werden.

Wohl auch der Grund warum man bei euch in der Kurve keine Nationalfahnen sieht?
Wir haben dieses Motto: »Wir repräsentieren nicht Israel, wir repräsentieren Hapoel.« Im israelischen Sport ist es üblich, dass die Leute die israelischen Mannschaften in europäischen Wettbewerben als Repräsentanten des Staates Israel sehen und daher glauben, dass man jedes israelische Team unterstützen muss. Dieses dumme Phänomen wirkt am stärksten bei der Basketballmannschaft von Maccabi Tel-Aviv. Wir verweigern diesen Gehorsam und unterstützen Maccabi Tel-Aviv oder irgendein anderes israelisches Team im Europacup natürlich nicht. Es gibt also auch keinen Grund die israelische Nationalfahne zu schwenken. Unsere Rivalen zeigen die israelische Flagge immer und überall. Viele Leute in Israel sehen uns wegen dieser Haltung als Anarchisten und hassen uns weil wir nicht so wie sie denken.

Sind eure Rivalen also in erster Linie auch politische Gegner?
Das kommt immer darauf an. Die Fans von Beitar Jerusalem zum Beispiel sind extrem rechts, nationalistisch, rassistisch und geben vor sehr religiös zu sein. Sie hassen arabische Muslime und zögern auch nicht den Namen von Mohammed zu beleidigen, sie singen auch davon Muslime zu töten und die Araber aus Israel zu vertreiben. In der Kurve weht ständig die israelische Nationalfahne und sie singen die Nationalhymne vor dem Spiel. Sie unterstützen rechte Parteien und Politiker. Vor einigen Runden spielten sie ein Auswärtsmatch in Sachnin, einem arabischen muslimischen Dorf in Galliläa. Sie zeigten in der Kurve die Fahne der rechtsextremen Partei »Kach«, deren Hauptziel darin bestand arabische Muslime zu töten - eine reine terroristische Gruppe unter dem Deckmantel einer politischen Partei. Diese Partei gibt es offiziell nicht mehr, aber viele Beitar Fans unterstützen diese Gruppe.

Leider aber nicht die einzige rechte Fan-Gruppe im Land?
Die Maccabi-Tel-Aviv-Fans sind nicht minder nationalistisch und rassistisch. In der Kurve sieht man mehr Nationalfahnen als Maccabi Tel-Aviv Fahnen. Sie unterstützen ebenfalls rechte Parteien und sind für die Vertreibung der arabischen Muslime aus Israel. Die verschiedenen Fangruppen von Maccabi sind sehr rechts, rassistisch und nationalistisch und stolz darauf, das zu zeigen. Leider repräsentieren sie die Mehrheit der israelischen Gesellschaft - das ist eine sehr traurige Situation.

Eure Rivalität mit Maccabi Tel-Aviv ist aber nicht nur politischer Natur...
Richtig. Sie ist grundsätzlicher Natur. Maccabi Tel-Aviv wurde vom Bürgertum gegründet, Hapoel Tel-Aviv von der Arbeiterklasse. Maccabi Tel-Aviv Fans glauben, dass ihnen Niemand das Wasser reichen kann, sie glauben, die Größten, die Stärksten und die Wichtigsten zu sein. Die Hapoel Fans sind das Gegenteil. Das ist schon seit Jahrzehnten so und nicht erst seit der Entstehung der Ultrá-Bewegung.
Die Rivalität liegt natürlich auch an dem lokalen Kampf in der Stadt Tel-Aviv - das ist genauso wie bei jedem anderen Derby der Welt, aber da gibt es auch die politische Komponente. Maccabi gegen Hapoel, das ist der Kampf zwischen der israelischen Mehrheit und der Minderheit. Der Arroganz gegen die Bescheidenheit. Das Gefecht zwischen den Reichen und den Arbeitern. Der Kampf der nationalistischen und rassistischen gegen die antifaschistischen Kräfte.

Gibt es aufgrund dieser vielschichtigen und vielseitigen Rivalitäten viele Gewaltprobleme in israelischen Stadien?
Nicht wirklich. Zu Kämpfen und Ausschreitungen kommt es eigentlich nur wenn zwei der großen vier Teams gegeneinander spielen. Steine, Leuchtraketen, Messer und andere Waffen kommen in diesen, teilweise organisierten, Kämpfen zum Einsatz, aber die Polizei greift sehr schnell ein und schlägt die Kampfteilnehmer zusammen. Generell lässt sich also sagen, dass Gewalt gerade im Vergleich mit vielen europäischen Ländern kein großes Thema in israelischen Stadien ist.

Welche Rolle spielt die Polizei bei Auseinandersetzungen?
Die Polizeirepression ist sehr stark hier. Der israelische Fußballverband möchte Fußballspiele zu Familienevents machen, genauso wie Theater- oder Konzertbesuche. Sie möchten alle Ultras aus dem Fußball herausdrängen. Zudem sind die Polizisten, die bei Fußballspielen zum Einsatz kommen die selben, die bei Protesten im Westjordanland und den besetzten Gebieten eingesetzt werden. Sie wissen nichts über Fußballfans, sehen sie als Terroristen und agieren sehr gewalttätig. Ich glaube wir sind stärker als andere von Polizeigewalt betroffen, da sich die Polizisten provoziert fühlen, wenn sie unsere roten Bannern sehen und unsere Lieder gegen Besetzung und Regierung hören. Sie handeln daher brutaler, weil wir die Flagge und die Hymne Israels nicht respektieren.

Auffallend ist, dass sich viele eurer Aktivitäten auch um Basketball drehen. Ist das nicht eher ungewöhnlich für eine Ultrá-Gruppe?
Unsere Unterstützung richtet sich nicht an einen bestimmten Sport, sondern an ein bestimmtes Symbol und eine Mentalität: Hapoel Tel-Aviv. Deshalb unterstützen wir auch den Schwesterverein des Fußballclubs in der Basketballliga. Basketball ist nach Fußball der populärste Sport und hat viele Fans. Da gibt es auch noch eine nationale Krankheit, die sich Maccabi Tel-Aviv Basketballteam nennt und der beliebteste Verein in Israel ist. Dieses Team hassen wir am meisten, weil es die gesamte negative israelische Mentalität verkörpert. Wer diese Mannschaft nicht unterstützt wird als Verräter oder Staatsfeind gebrandmarkt. Wir sind eine kleine Minderheit aber wir verwehren uns dieser Mentalität voller Stolz.

In letzter Zeit gab es auch starke Auseinandersetzungen um den Basketballverein...
Ja. Der Protest richtet sich gegen den Bürgermeister von Tel-Aviv, der die alte Basketball Arena »Ussishkin« zerstören ließ, und den Eigentümer des Klubs, der Schuld an dem Abstieg und der Zerstörung des Klubs trägt. Die Arena war seit 1980 so etwas wie eine zweite Heimat für viele Leute. Der Kampf um die Arena wurde nach eineinhalb Jahren leider verloren und eines Morgens kam die Stadtverwaltung mit großen Abrissfahrzeugen und zerstörte alles in zwei Stunden. Das war ein sehr trauriger Tag für alle von uns - die Leute standen vor den Trümmern und weinten. Allerdings haben die Ultras Hapoel beschlossen, darüber keine gewalttätige Auseinandersetzung zu führen.

Nach dem Abriss kam es zur Neugründung des Basketballvereins durch die Ultras?
Richtig. Die Ultras Hapoel haben diese Neugründung durchgeführt als das Team aus finanziellen Gründen in die dritte Liga absteigen musste. Die Fans kontrollieren und finanzieren jetzt ihr eigenes Team - »Hapoel Ussishkin«, das jetzt in der untersten Liga neu eingestiegen ist. Die Mannschaft ist bisher sehr erfolgreich und wird vielleicht dieses Jahr in die vierte Liga aufsteigen. Die ursprüngliche Mannschaft wird zu Saisonende vermutlich absteigen und dann würde es zum direkten Duell kommen. Das wird unser Sieg gegen den Mann sein, der Hapoel zerstört hat und unsere Arena verkauft hat.

Zurück zum Fußballverein. Gab es auch dort Probleme aufgrund der Übernahme des Vereins durch das Privatunternehmen »Keter«?
Leider wurde der Verein 1997-98 übernommen, also bevor die Ultras gegründet wurden. Es gab dementsprechend auch keinen Kampf gegen die Übernahme. Zudem sahen alle diese Übernahme durch einen privaten Konzern als eine positive Wendung, denn die Mannschaft war nach 10 Jahren in den unteren Rängen und einem Jahr in der zweiten Liga schwer angeschlagen. Die Mannschaft hatte finanzielle Probleme und spielte einen sehr schlechten Fußball. In dieser Zeit hatte Maccabi Tel-Aviv seinen Höhepunkt und wir alle warteten darauf von dieser Situation erlöst zu werden. Heute haben wir jedoch viele Probleme mit dem Präsidenten und dem Management und protestieren gegen viele Verschlechterungen. Der moderne Fußball hat leider auch Israel erreicht und leider haben die Fans nicht genug Macht, um diese Dinge tatsächlich zu ändern.

Wie wirkt sich das bei Hapoel heute aus? Meinst Du zum Beispiel die Veränderung des Logos, in welches das Firmenlogo des Unternehmens eingeführt wurde?
Unter anderem. In den letzten Jahren wurden auch die Kartenpreise zu einem Problem. Es gab eine große Aufregung bei dem UEFA Cup Spiel gegen Tottenham vor ein paar Wochen. Das Management erhöhte die Kartenpreise für dieses Match massiv. Die Ultras Hapoel boykottierten das Spiel bis sich die Dinge ändern würden und das Management lenkte ein und senkte die Preise. Obwohl der Boykott von Seiten der Ultras aufgegeben wurde, blieben viele Fans dem Spiel fern.
Das mit dem Logo ist eine sehr traurige Sache. Ich muss leider gestehen, dass es bis jetzt noch keinen harten Kampf darüber gegeben hat, obwohl es Toppriorität hätte. Das Symbol von Hapoel wurde durch das Logo eines Privatunternehmens entweiht. Daher hoffe ich, dass die Ultras Hapoel um dieses Logo kämpfen werden und sehe das als einen zentralen Punkt für die nähere Zukunft.

Für die wir Euch viel Erfolg wünschen, vor allem natürlich für das Derby morgen. Vielen Dank für das Interview. [Hapoel gewann das Derby durch ein Tor in 88. Minute mit 1:0.]

Das Interview führten Patrick Kroker und Jakob Rosenberg.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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