Risiken und Nebenwirkungen

cache/images/article_1324_bent2yz6zy_140.jpg Eine Woche nach dem »Skandalspiel« gegen Bilbao ist die Aufregung in der Austria-Fanszene noch immer groß. Dem Verein drohen drakonische Strafen, der Osttribüne ein Richtungsstreit. Der Platzsturm einiger Fans verzerrt das Ausmaß des eigentlichen Problems. Ein Kommentar.
Mario Sonnberger | 11.12.2009
»Radikale Neonazis aus ganz Europa« (El Mundo), »Ultras beschmutzen wieder den Fußball« (El País): Das Urteil der spanischen Presse fiel wie gewohnt wenig zimperlich aus. Dank rechtsextremer Umtriebe wäre die letztwöchige Europa-League-Partie zwischen der Wiener Austria und Athletic Bilbao kurz vor dem Abbruch gestanden. Glaubt man den Beobachtern, gaben sich vergangenen Donnerstag Europas Rechtsaußen auf der Osttribüne im Horr-Stadion ein Stelldichein. Vor allem Italiener und Bulgaren hätten mit den Österreichern einen Konvent der Radikalinskis veranstaltet.

In Österreich thematisierte man zunächst nur den Platzsturm nach dem 2:0 der Basken. Von »schweren Ausschreitungen« (OÖN), der »Schande von Favoriten« (Österreich) und einem »Skandalspiel« (Standard) war die Rede. Die Fehlentscheidungen des norwegischen Schiedsrichterteams, die von Klubseite mitverantwortlich für die Eskalation gemacht wurden, rückten in den Hintergrund. Als ließe die Autorität des Referees kein eindeutiges Urteil zu, wurde ihnen gelegentlich noch das Attribut »vermeintlich« vorangestellt. Dieselbe Mutlosigkeit fand sich in der Nachberichterstattung wieder: Erst allmählich (u. a. sportnet.at) besann man sich jener »braunen Flecken«, die Spaniens Presse längst als Ursache des Platzsturms ausgemacht hatte die offen rechtsradikalen Darbietungen auf der Osttribüne.

Politik, nicht Provokation

Tatsächlich sprachen andauernde »Eviva España«-Choräle in Kombination mit einem »Viva Franco«-Transparent eine deutliche, ganz und gar politische Sprache. Provokationen hätten es sein sollen, klare Ansagen wurden es. Unsigniert, wie schon das »Pro Gewalt und Pyro«-Banner, das im Quali-Heimspiel gegen Novi Sad für Aufregung gesorgt hatte und mit dessen Urheberschaft dieselbe Gruppe kokettierte, die auch gegen Bilbao an vorderster Front präsent war: »Unsterblich«. Eine lose Gruppierung ohne feste Strukturen und ohne Genierer, was die Abwandlung der Reichskriegsflagge zum Hooligan-Logo deutlich machte.

Da half es nur wenig, dass die »Soccerholics« klarstellten, dass ihre Antipathie gegen die linksorientierten Bilbao-Fans nichts mit Faschismus zu tun habe. Auch nicht, dass es anlässlich des Hinspiels im Baskenland zu Attacken auf Austrianer gekommen war. Das Gesamtbild sah anders aus und zeigte Violette, die im jahrzehntelangen, blutigen Konflikt zwischen autonomen Basken und der zentralistischen spanischen Regierung mit unnötigem Nachdruck Partei ergriffen. Die neuerdings immer wieder zur Schau gestellte Sympathie für »Schmuddelkinder« wie Reals Ultras Sur oder die Lazio-Fans tut ihr Übriges. Das bemühte Image einer »unpolitischen Kurve«, die sich nirgendwo anbiedert, wirkt daneben wie ein Lippenbekenntnis. Ungeklärte Übergriffe auf baskische Fans in der Wiener Innenstadt kommen erschwerend dazu. Bestenfalls hat die Austria-Fanszene also ein PR-Problem; schlechtestenfalls brodelt es in ihrem Inneren weiter. Dass die Website austriafans.at nach dem Bilbao-Spiel eine Zeit lang offline ging, lässt Letzteres vermuten.

Fest steht, dass Platzstürmer und unzählige Indifferente, die in den Schmähungen nicht mehr als Provokationen erkennen wollten, der Austria einen Bärendienst erwiesen. Dass die Invasion von langer Hand geplant wurde, wie FM4-Blogger Martin Blumenau vermutet, ist zu bezweifeln. Zur Machtdemonstration taugen zwanzig geifernde Männer am Spielfeld kaum; angesichts der aufgeheizten Stimmung hätten potenzielle Agitateure dagegen leichtes Spiel gehabt, besser koordinierte Aktionen vom Stapel zu lassen. Dass auch die Vorsänger zur Mäßigung aufriefen, mag der einschlägigen Vorgeschichte und drohenden Strafmaßnahmen geschuldet sein, spricht aber ebenfalls gegen bewusste Steuerung. Wie viel Planung ist nötig, um sich vor den TV-Kameras nach 15 Minuten Ruhm noch ein Stadionverbot abzuholen?

Klare Bekenntnisse

Es wäre dennoch leichtsinnig zu glauben, dass die Fanszene der Wiener Austria, die sich seit Jahren in einem fortwährenden Umwälzungsprozess befindet, gegen faschistische Interventionen und Manipulationsversuche immun wäre. »Selbstreinigung funktioniert nur bedingt«, stellte ein Mitglied eines größeren Austria-Fanklubs schon im August gegenüber dem ballesterer fest. Die Einmischung des Vereins birgt das Risiko eines unerwünschten Solidarisierungseffekts Stichwort »Ausgesperrte mit uns«. Zusätzlich kann sich Austria-Vorstand Markus Kraetschmer nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, ohne als Erfüllungsgehilfe von »denen da oben« angesehen zu werden. Noch immer nehmen viele Fans dem ehemaligen Manager seine Magna-Vergangenheit übel. Ausgerechnet die UEFA könnte an dieser Stelle ordnend ins Geschehen eingreifen. Das disziplinäre Regelwerk des Verbandes sieht bei extremistischen Botschaften scharfe Sanktionen vor. Dass die Austria am 28. Jänner nicht nur für den Platzsturm zur Rechenschaft gezogen wird, ist absehbar. Die Rolle des »Bösen« ist somit vergeben; gegen das Urteil der UEFA nützt kein Fanprotest.

Was bedeutet das für die Austria? Zunächst die Erkenntnis, dass rechtsextreme Botschaften nicht weniger Schaden verursachen als Ausschreitungen. Die Vereinsführung ist nun gefordert, dies innerhalb der Fanszene deutlich zu machen, um »Unsterblich« und Co. die Rückendeckung zu entziehen. Nur mit dem Wohlwollen der »Unparteiischen« lässt sich ein klares Bekenntnis zum Antifaschismus ohne Wenn und Aber durchsetzen, das mehr ist als die Bestrafung einiger Platzstürmer. Der Klub ist zum Handeln gezwungen, doch auch die Austria-Fans müssen irgendwann Farbe bekennen. Das Transparent der »Soccerholics« ist nur ein Anfang. Sich dem Extremismus zu verweigern ist im Interesse aller, will die Osttribüne nicht zum »schwarzen Schaf« österreichischer Kurven verkommen. Dies würde der oft zitierten Vielfalt im Veilchen-Fanlager nicht gerecht; umso mehr Emanzipation ist gefordert. Wurschtigkeit ist fehl am Platz, wenn die Außenwirkung derart angekratzt wird. Exponierte Vertreter der Austria-Fans, wie etwa die Vorsänger, sollten diese Gefahr im Auge behalten.

Ebenso üble Nebenwirkungen drohen intern. Sinkt die Identifikation innerhalb der Fanszene, ist eine Spaltung nur eine Frage der Zeit. Dabei ist soziale Hygiene keine Herkulesaufgabe. Die Stimmung auf einer Fantribüne kann oft sehr wechselhaft sein: Wird endlich der Schaden offensichtlich, der durch rechtsradikale Umtriebe angerichtet wird, könnte in Wien-Favoriten extremistischen Botschaften irgendwann der gleiche Chant entgegenschallen, wie ihn Platzstürmer und selbst Vorsänger heuer bereits erleben durften: »Oh, wie seid ihr lächerlich!«

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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