Reals Können, Zicos Lehren

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Beim Finale der Klub-WM in Japan sieht unser Korrespondent Robert Florencio eine Fast-Sensation, eine Schiedsrichter-Fehlentscheidung ohne Videoassistenz und dennoch stolze Gastgeber.

Robert Florencio | 19.12.2016

Einen Hauch an der Sensation vorbei … oder, in Abwandlung eines alten Wienerliedes: „Wenn der Schiri net wül, hüft des gar nix“ – Was ist passiert? Nachdem Reals Kapitän Sergio Ramos bereits in der 55. Minute wegen Foulspiels die Gelbe Karte erhalten hat, kommt es in der 90. Minute beim Stand von 2:2 des Finales der Klub-WM zu einer seltsamen Situation. Nachdem die Kashima Antlers in der Schlussphase des Spiels noch einmal aufdrehen und in schnellen Konterstößen die Entscheidung suchen, stoppt die Real-Legende mit einer klar gelbwürdigen Attacke einen Angriff des japanischen Teams. Schiedsrichter Janny Sikazwe greift zur Brusttasche, doch die Gelbe und damit die Gelb-Rote Karte bleibt, wo sie ist. Eine Fehlentscheidung mit Folgen, wie sich in der Verlängerung zeigen sollte, als eine abgebrühte und konditionsstarke Real-Mannschaft durch Cristiano Ronaldos Treffer einen letztlich doch klaren 4:2-Sieg herausholen kann. Wo war hier der Video Assistant Referee, haben sich danach nicht wenige Beobachter gefragt. Es bleibt somit ein bitterer Nachgeschmack, dass trotz großer Versprechungen möglicherweise spielentscheidende Schiedsrichterfehler nicht oder zu spät erkannt wurden. So wird am Ende dem reichsten − und von der individuellen Klasse der Spieler her wohl auch besten − Klub der Titel auch mit freundlicher Unterstützung der FIFA-Offiziellen präsentiert.

Bei dieser Szene kamen mir die Worte Reinaldo Rueda, Trainer von Atletico Nacional, vom Vortag in den Sinn, letztlich im Elfmeterschießen gegen Club America den drittenPlatz für Südamerika sichern konnte. Auf die Fragen, wie er damit umgeht, dass ihm zweimal im Jahr in den Transferperioden die besten Spieler abhanden kommen, und warum die südamerikanischen Klubs in den letzten Jahren tendenziell schwächer wurden, hat er eine plausible Erklärung. „Fußball war vor hundert Jahren ein Spiel, dann wurde er zum Sport, später zur Show und heute ist er vor allem eines: ein milliardenschweres Geschäft. Ein Geschäft, in dem ungleiche wirtschaftliche Vorbedingungen herrschen und die meisten Vereine, vor allem wenn sie nicht aus Europa kommen, nicht mithalten können.“

Die Japaner sind als höfliche Gastgeber aber eher stolz auf ihre Leistung als den Namban den Titel zu missgönnen. Namban, Südbarbaren, so nannten die Japaner die Europäer, die Mitte des 16. Jahrhunderts das Inselreich kennenlernten und auf dessen Bewohner einen wenig zivilisierten Eindruck machten. Sie kamen von der iberischen Halbinsel. Heute hat sich die Bedeutung des Wortes verändert und in der japanischen Küche steht es für u.a. für spanischen Pfeffer. Und pfefferscharf war es auch, was die 68.742 Zuseher im diesmal ausverkauften International Stadium von Yokohama zu sehen bekamen. Eine durchwegs flotte Partie, die nach nicht einmal zehn Minuten mit dem Führungstor Reals entschieden schien, aber mit einer über sich hinauswachsenden Mannschaft der Kashimas und insbesondere ihres Mittelfeldstrategen Shibasaki sensationell gedreht wurde. Nach 30 Minuten in der zweiten Hälfte, in der nur Real spielte und einige Großchancen nicht verwerten konnte, in der Schlussphase dann wieder die Antlers mit zwei tollen Möglichkeiten, die Sensation zu schaffen. Dann die Verlängerung, in der Ronaldo eiskalt zuschlug. Dennoch gab sich Kashima nicht geschlagen und glich durch Yumas Kopfball an die Querlatte fast nochmals aus, ehe Ronaldo in der 104. Minute alles klar machen und anschließend auch den verdienten Preis als bester Spieler des Turniers vor seinem Kollegen Luka Modric einheimste.

Arbeit, Loyalität, Respekt
Im Stadion selbst herrschte zumindest für den europäischen Besucher eine seltsame Atmosphäre. Obwohl ausverkauft war es stimmungsmäßig eher ein Theaterabend, wären da nicht die etwa 3.000 bis 4.000 Kashima-Ultras, die mit ihren Fahnen und permanenten Gesängen für Bewegung hinter dem Tor sorgten. Auf der Gegengerade saßen etwa 500 Real Fans. Der große Rest waren neutrale Zuschauer, die großteils schwiegen, viele mit Real-Utensilien ausstaffiert, da dieser Verein in Japan wie Barcelona ein besonderes Standing hat. Bei der U-Bahn-Haltestelle am Stadion gab es nur Trikots mit den Nummern und Namen der Real-Stars zu kaufen, das Standing der Kashima-Spieler war zumindest vor dem Spiel in Yokohama sehr gering. Am kuriosesten war der Schalverkäufer, der nur Doppelschals Real und Atletico Nacional im Angebot hatte, mit dem Aufstieg des japanischen Meisters ins Finale hatte er offenbar nicht gerechnet. Die Kashima Fans im Stadion erinnerten in ihrer Choreo vor allem an Brasiliens Altmeister Zico, ein Vereinsidol, der sowohl als Spieler als auch als Coach bei den Kashima Antlers gewirkt hat und wohl mächtig stolz auf seine Nachfolger sein wird. Aktuell sind noch zwei Brasilianer im ansonsten legionärslosen Kader, die allerdings mehr als Wechsel- denn Stammspieler fungieren. Die Fans haben in Erinnerung an Zicos Wirken beim Verein zwischen 1991 und 94 als Spieler und fünf Jahre später als Trainer, seine drei Grundsätze auf Fahnen und Schals als Vereinsslogan verewigt: Trabalho (Arbeit, bedingungsloser Einsatz für das eigene Team in Training und Wettkampf), Lealdade (Loyalität gegenüber Verein, Trainer und Mitspielern) und Respeito (Respekt gegenüber Gegnern und Schiedsrichtern). Kashimas Coach Masatada Ishii war dann entsprechend stolz auf die gezeigte Leistung, er erhielt von den japanischen Journalisten viel Applaus. Er erinnerte in seinen Dankesworten daran, dass man in Japan erst seit 25 Jahren Profifußball spiele und sich die vielen Investitionen und die harte Arbeit nun bezahlt machen würden. Worte, die sicherlich beim nahen Nachbarn China mit großem Interesse vernommen wurden. Bei diesem Turnier war man nur als Hauptsponsor vertreten, aber die Staatsführung in Peking forciert ein strategisches Programm der Fußballförderung. Da kommen Vorbilder gerade zur richtigen Zeit.

Was bleibt somit als Fazit dieser 13. Klub-WM? Guten Spielen und einige echten Überraschungen stehen die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Videoschiedsrichter in ihrem aktuellen Einsatzmodus sowie das eigenwillige Turnierformat, das den Gastgebern viel Spielpraxis ermöglicht und die vorgeblichen Favoriten auf bloß zwei Spiele beschränkt, gegenüber. Um den Bewerb wirklich weltweit attraktiv zu machen, muss man ihn wohl wirklich in seiner Teilnehmerzahl, Länge und Modus an die WM der Nationalteams anpassen. Mehr Chancengleichheit zwischen den Kontinenten wird es aber erst dann geben, wenn die vorwiegend asiatischen Großsponsoren ihre Strategie zumindest diversifizieren und ihr Geld nicht vorwiegend in den europäischen Klubfußball investieren sondern verstärkt auch in anderen Regionen tätig werden.

Referenzen:

Thema: Klub-WM 2016
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