Japan ohne Top-Spin und Tigerschuss

cache/images/article_1420_japan_140.jpg WM-BLOG Japans Vorbereitungsspiele haben die Probleme der Mannschaft offensichtlich gemacht: Nach vorne fehlt die Durchschlagskraft. Man schießt viel zu wenige Tore. Manch ein Fan denkt da sicherlich wehmütig an die Zeichentrickhelden Tsubasa Ozora und Kojiro Hyuga zurück, auch wenn jedem klar ist, dass Tigerschuss und Top-Spin dem Reich der Fiktion entstammen. Doch wer kann in der Realität Japans Hoffnungen beleben?

Martin Lieser | 11.06.2010
Der Name, der dieser Tage in den internationalen Medien am häufigsten genannt wird, ist Keisuke Honda. Tatsächlich liebt der Profi von ZSKA Moskau ähnlich wie Comicfigur Hyuga die Schüsse aus der Distanz egal ob bei ruhenden Bällen oder aus dem Spiel heraus. So konnte er nach seinem Wechsel von Venlo in die russische Liga zunächst seine gute Entwicklung bestätigen und sich sogar mit einem Tor in der Champions League belohnen. Auf dem Mittelfeldspieler ruhen die Hoffnungen auf Tore, die Japans Stürmer viel zu selten erzielen.

Beim Test gegen England in Graz traf kürzlich wieder einmal Innenverteidiger Tulio leider auch einmal ins eigene Tor, ebenso wie sein Nebenmann Nakazawa. Es hat schon etwas von Ironie, wenn eine Mannschaft, die so wenige Tore schießt, gleich zweimal ins eigene trifft.



Dem Offensiv-Allrounder Honda zur Seite steht im japanischen Mittelfeld Routinier Shunsuke Nakamura, der für die kreativen Momente zuständig ist. Nach seiner erfolgreichen Zeit in Schottland bei Celtic und einem eher unglücklichen Intermezzo bei Espanyol Barcelona ist er inzwischen in die heimische Liga zurückgekehrt und hat den Zenit seiner Leistungsfähigkeit wohl überschritten. 

Zu Stolz für den Vorstopper

Doch auch mit einem Nakamura in Bestform ist Japans Offensive häufig zu leicht auszurechnen. Es fehlt mindestens ein zweiter Ideengeber. Diesen Part könnte Yasuhito Endo übernehmen. Allerdings stellte ihn Nationaltrainer Okada in letzter Zeit meist als Sechser auf, wo er nach hinten Schwächen offenbarte und sich weniger stark in die Offensive einschalten konnte. Gegen die körperlich robusten Gruppengegner Kamerun, Dänemark und die Niederlande sind Probleme vorprogrammiert, zumal auch die Innenverteidigung nicht immer sattelfest ist. Zwar sind Nakazawa und Tulio im Vergleich zum Rest der quirligen Truppe großgewachsen, doch auch etwas hüftsteif. Eto'o, Bendtner, Van Persie und Co. könnten sie vor große Probleme stellen.

Da verwundert es nicht, dass Experten eine Umstellung der Defensive fordern. Endo und dem Wolfsburger Hasebe soll ein klassischer Vorstopper den Rücken freihalten. Inamoto (ehemals Arsenal, Fulham und Eintracht Frankfurt) oder Abe wären dafür prädestiniert. Für die japanischen Medien jedoch ist diese Variante zu negativ und Coach Okada beugte sich bislang ihrem Druck. Schließlich hatte er selbst als Ziel das Erreichen des Halbfinals ausgegeben. Nachdem Japan 2002 erstmals eine WM-Vorrunde überstand, ist das eine verständliche Folgerung, dennoch ist es angesichts der fehlenden Entwicklung schwierig, seinen Optimismus zu teilen.

Der kurzfristig anberaumte Test gegen Mosambik spricht jedenfalls dafür, dass man taktisch noch alles andere als zufrieden ist. Vielleicht lässt sich Okada doch noch umstimmen und entscheidet sich für mehr Sicherheit. 2004 haben etwa die Griechen gezeigt, dass man mit einer starken Defensive auch ohne viele Tore weit kommen und sogar Titel gewinnen kann. Sich darauf zu besinnen, wäre für Japan in einer schwierigen Gruppe sicherlich nicht das verkehrteste. Denn bei allem Talent die etatmäßigen Stürmer Okazaki und Italienlegionär Morimoto werden den Tigerschuss wohl nicht mehr rechtzeitig lernen.

ballesterer # 82

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