Fan, Vater, Kumpel

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Der Tod des polnischen Fußballfans Dawid Dziedzic durch ein Gummigeschoss der Polizei vereint verfeindete Ultragruppierungen und wirft Fragen zur Polizeigewalt auf. Europaweit gedachten Ultras in Stadien des Verstorbenen. 

Radoslaw Zak | 10.05.2015

„Es ist so ein Ritual“, sagte Dawid Dziedzics bester Freund Lukasz der Gazeta Wyborcza nach dessen Tod. „Man nimmt die Flagge des Gegners, später verbrennt man sie. So zeigt man seine Überlegenheit.“ Dziedzic war Fan der schlesischen Vereine Concordia Knurow, dem Stammverein Jerzy Dudeks, und Rekordmeister Gornik Zabrze. Ein junger Mann im Alter von 27 Jahren. Ein alleinerziehender Vater, der gerne mal ein Bier trank und in seiner Plattenbausiedlung die Namen seiner Lieblingsklubs schrie, sich jedoch, seit er das alleinige Sorgerecht für seinen sieben Jahre alten Sohn bekam, verantwortungsbewusster zeigte, so heißt es. Ein Mann, der regelmäßig Heimspiele im 40.000-Einwohner-Städtchen besuchte, niemals mit der Polizei Ärger hatte. 

 

Am 2. Mai besuchte er mit Freunden das Spiel Concordias gegen die Spitzenmannschaft Ruch Radzionkow in der fünften Liga, das um 17 Uhr angepfiffen wurde. Nach 33. Minuten führte Tabellenführer Ruch souverän mit 4:1, die Heimfans begannen laut einem Polizeibericht danach, Gegenstände auf das Spielfeld zu werfen - Steine und Böller. Wenige Minuten später unterbrach Schiedsrichter Arkadiusz Szymczak das Spiel zum dritten Mal, die dritte Pause nutzten circa 50 Personen, um das Spielfeld zu stürmen und die Gästefans zur Konfrontation zu bewegen. Unter ihnen auch Dawid Dziedzic, dessen Leben wenige Stunden später beendet sein würde. 

 

Dziedzic wurde von dem Gummigeschoss einer Glattrohrwaffe der Polizei am Hals getroffen, verstarb später im Krankenhaus an einer Blutung. Die sonst verschlafene Bergbaustadt erlebte sehr unruhige Nächte mit zahlreichen Ausschreitungen, die Polizei musste ihr Kommisariat vor etwa 200 Angreifern und Beschädigungen schützen. Auch vor dem Krankenhaus, in dem Dziedzic starb, kam es zu Auseinandersetzungen. Insgesamt nahm die Polizei 46 Personen in Gewahrsam. 

Am 7. Mai fand in Knurow die Beerdigung statt, die von tausenden Ultras aus Polen und dem Ausland besucht wurde. Zuvor schrieb die Polizei Schulen im Umkreis mit der Bitte an, Schülerinnen und Schüler von der Teilnahme am Begräbnis und eventuellen Manifestationen abzuhalten. Sogar Vertreter des mit Gornik verfeindeten Ruch Chorzow nahmen an den Trauerfeierlichkeiten teil, legten Blumen und Kränze nieder. Aus Angst vor weiteren Krawallen begleitete ein massives Polizeiaufgebot die Beisetzung Dziedzics - Einheiten mit Pferden, Wasserwerfer und ein Helikopter gehörten zum Straßenbild. Es blieb trotz der angespannten Lage friedlich. 

Der Trauermarsch richtete sich danach in Richtung des Stadions. Dort sammelten sich einige Personen, die vor dem Kommisariat Mörder skandierten. Der deutsche Nationalspieler Lukas Podolski, der aus dem nahen Gliwice stammt und Fan von Zabrze ist, bekundete ebenfalls sein Beileid und schrieb auf Facebook: Dawid Dziedzic für immer in unserem Gedächtnis". 

Dawid Dziedzic zawsze w naszej pamięci󾍛 Górnik Zabrze S.S.A.#Torcida #Gornik #Zabrze

Posted by Lukas Podolski on Thursday, May 7, 2015


Den Tod des Fans kommentierte der stellvertretende Vorsitzende der schlesisichen Polizeigewerkschaft, Rafal Jankowski, in einer Aussendung. Nicht Abteilungen der Prävention und Intervention sollten Angst haben müssen, sondern Stadionbanditen, so Jankowski, sollten sich vor Strafen als Konsequenz von Gesetzesbrüchen fürchten. Zudem ließ er verlautbaren, dass der Staat mit dem Gewaltproblem in den Stadien nicht zurechtkäme. Etwas mehr Mitgefühl fand Justizminister Borys Budka in seinen Worten: Dieses tragische Ereignis benötigt gründliche Aufklärungen durch die Staatsanwaltschaft, aber schon Voruntersuchungen zeigen, dass die Organisatoren viele Fehler begangen haben: Mängel an geeigneten Sicherheitsmaßnahmen, Unangepasstheiten des Objekts und schlecht reagierende Sicherheitsdienste bewirkten, dass die Polizei zur Intervention gezwungen war. Ob ihre Reaktion angemessen war, klären die Ermittlungen. Der Staat muss Sicherheit garantieren, unerbittlich Banditen bestrafen. Das ändert nichts daran, dass jeder Tod eine Tragödie für die Nahstehenden ist. Gegen die Exekutivbeamten ermittelt die Staatsanwaltschaft Gliwice wegen Befugnisüberschreitung. 

Grobari, Partizan Belgrad (Serbia) - respect!

Posted by Stadionowi Oprawcy on Sunday, May 10, 2015


In 34 Ländern weltweit gedachten Ultras des Verstorbenen und zeigten Aufschriften mit dem Kürzel "CHWDP" (Chuj w dupe policji, zu Deutsch: Der Polizei den Schwanz in dem Arsch). In Deutschland solidarisierten sich unter anderem die Fans von Hannover, Union Berlin, und Eintracht Frankfurt. In Österreich Austria Wien, Rapid und Austria Salzburg, in Russland CSKA und Spartak. Vor dem Spiel Wisla Krakow gegen Gornik Zabrze intonierten die Fans einen Wechselgesang mit den Worten "Immer und überall wird die Polizei gefickt". 

filmik : ewciawww.skwk.plwww.kibicewisly.pl

Posted by Stowarzyszenie Kibiców Wisły Kraków on Saturday, May 9, 2015


Die Ultras von Legia Warszawa taten es ihnen gleich und fragten zugleich auf einem Transparent: "Werdet ihr uns ebenfalls töten, weil wir auf der Zyleta stehen?". Die Anhänger von Lechia Gdansk und Lech Poznan forderten Strafen für Polizeimörder.

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