»Entscheidend ist die Prävention«

cache/images/article_2021_manip_140.jpg MANIPULATION Europol hat in der Vorwoche den größten Wettskandal in der Fußballgeschichte bekannt gemacht. Sylvia Schenk hat seitdem einen Interviewtermin nach dem anderen, mit dem ballesterer sprach die Korruptionsexpertin von »Transparency International« bereits im Oktober über das »Saisonende-Phänomen«, die Meldepflicht für Sportler und einen Mentalitätswandel.
Klaus Federmair | 12.02.2013
Sylvia Schenk ist Sportbeauftragte von »Transparency International« und selbst ehemalige Sportlerin. Manipulation im Sport, sagt sie, hat eine lange Tradition, aus sportlichen Gründen oder um an Wetten zu verdienen. Im Fußball wurde das Thema lange totgeschwiegen oder kleingeredet. Erst allmählich erkennen auch die Verbände ihre Verantwortung und ein politischer Wille zur strafrechtlichen Verfolgung durch Ermittlungsbehörden wird deutlich. Für Sylvia Schenk muss der erfolgreiche Kampf gegen Spielmanipulation jedoch deutlich früher ansetzen: bei der Aufklärung.

ballesterer: Ist der Fußball als Branche für Manipulation besonders anfällig?
Sylvia Schenk: Im Fußball hat die Entwicklung der Strukturen nicht mit der wirtschaftlichen Entwicklung mitgehalten. Bei vielen Vereinen und Verbänden, auch bei der FIFA, fehlt eine Machtbalance. Das begünstigt natürlich Vetternwirtschaft und Korruption. Dazu kommt, dass es im Fußball und anderen Sportarten eine lange Tradition gibt, auch größere Beträge bar zu zahlen. Dann fehlt es an der richtigen Dokumentation von Zahlungen und es kann leichter etwas abgezwackt werden.

Ist es naiv, anzunehmen, dass zurzeit in der deutschen oder österreichischen Liga keine Spiele manipuliert werden?
Dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Für die deutsche erste und zweite Bundesliga kann ich sagen, dass sie im weltweiten Vergleich eine der saubersten ist, weil es da inzwischen Gegenmaßnahmen gibt.

Wie sieht die aktuelle Entwicklung aus?
Manipulationen aus sportlichen Gründen hat es schon bei den antiken olympischen Spielen gegeben. Manipulationen aus Wettgründen sind von Pferderennen in England aus dem 19. Jahrhundert bekannt. Wir können davon ausgehen, dass Manipulationen aus sportlichen Gründen in verschiedensten Sportarten auch in Deutschland seit Jahrzehnten weit verbreitet sind, wenn nicht sogar ein Teil der Sportkultur. Da gibt es das »Saisonende-Phänomen«. Ein Team auf Platz neun oder zehn hat nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren und spielt gegen ein anderes, bei dem es um Auf- oder Abstieg geht. Es ist anfällig dafür, dem anderen Team zu helfen. Man gibt einen Kasten Bier aus oder sagt: »Unser Nachbarverein soll nicht absteigen, weil wir gute Derbys mit ihm haben.« Ich habe noch niemanden im Amateurbereich getroffen, der das geleugnet hätte. In anderen Ländern wird das nicht viel anders sein. Manipulationen im Zusammenhang mit Wetten haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Vor 20 Jahren war es eben noch nicht möglich, in China auf die fünfte deutsche Liga zu wetten. Heute werden grenzübergreifend unendlich viele Spiele angeboten, und damit ist natürlich auch das Problem gewachsen.

Besteht ein Interessenskonflikt, wenn Ligen oder Vereine Wettanbieter als Sponsoren in Österreich sogar im Namen haben oder ist ein Wettanbieter ein Sponsor wie jeder andere?
Es ist sicher kein Sponsor wie jeder andere. Das hat aber nicht direkt etwas mit Manipulation zu tun. Das Problem ist, dass die Risiken in Hinblick auf Spielsucht verniedlicht werden könnten. Völliges Verbieten geht nicht, wir brauchen aber Projekte für einen vernünftigen Umgang mit Sportwetten. Der Kick, den Leistungssportler spüren, wenn sie im Sport alles auf eine Karte setzen, den spüren sie eben auch im Glücksspiel.

Sollen Sportler auf alles wetten dürfen?
Wetten auf eigene Spiele sind international verboten, in der deutschen Bundesliga auch. Bei Transparency International halten wir es aber für besser, Wetten auf die eigene Sportart pauschal zu verbieten, weil alles andere sehr schwer abzugrenzen ist. Zieht man die Grenzen bei der eigenen Liga? Was ist bei einem Pokalspiel? Die eigene Sportart völlig auszuklammern ist eine klare Vorgabe. Da wüsste jeder, ob er wetten darf oder nicht.

Stimmt der Eindruck, dass nicht nur manipulationswillige Athleten, sondern auch Wettbetrüger häufig von Wettschulden angetrieben werden?
Das kommt nicht selten vor. Wer im Wettmilieu unterwegs ist, trifft auch leichter auf Menschen, die daraus ein kriminelles Geschäft gemacht haben. Wer dann auch noch Spielschulden macht, wird leicht erpressbar. Deshalb war es bei den bisher aufgeklärten Fällen häufig so, dass jemand durch das eigene Spielen in das Milieu und dann in eine Tat nach und nach hineingerutscht ist.


Kommen wir zur Ermittlungsarbeit: Aus den Untersuchungen zum Prozess in Bochum sind viele Fakten bekannt. Warum? In Österreich kommt es dagegen bisher zu keinen Verfahren, obwohl seit Jahren Querverbindungen aus Bochum bekannt sind.
Generell sind die Ermittlungen sehr aufwendig und komplex. Korruption ist etwas, das man erst einmal gar nicht sieht. Bei einem Banküberfall oder Autodiebstahl ist jemand geschädigt, der sofort schreit. Das ist hier nicht der Fall. Bei Spielmanipulationen merkt ja kaum jemand, dass er geschädigt wurde - weder der Wettanbieter, noch der Wetter, der nicht gewonnen hat. Man braucht einen hohen Personaleinsatz und den politischen Willen, Ressourcen für die Ermittlungen einzusetzen - bis hinauf zum Justizministerium. Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Korruption sind unerlässlich, um Know-how zu bündeln und entsprechend schlagkräftig zu sein. Dieses Vorgehen hat in Deutschland und in anderen Ländern erst in den letzten zehn bis 15 Jahren eingesetzt. Wahrscheinlich bräuchte man den entsprechenden Druck auch in Österreich.

Ist es also eine Frage des politischen Willens, ob es ein Bochum gibt oder viele?
Ja, auch. Die Kapazitäten dafür müssen bereitgestellt werden, da entwickelt sich ja mit Druck der EU inzwischen eine ganze Menge. Es bleiben trotzdem sehr komplexe Ermittlungsverfahren. Aber das Entscheidende ist die Prävention. Der Leiter einer Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Korruption in Deutschland hat einmal gesagt: »Beim Kampf gegen Korruption sind ungefähr 15 Prozent Repression, also Ermittlungen und Strafen, der Rest ist Prävention.« Aufklärung, Möglichkeiten, sich an jemanden zu wenden, Hinweisgebersysteme, Schulungen. Das gilt für Spielmanipulationen genauso. Wenn der UEFA-Präsident seit Jahren mehr internationale Vernetzung und mehr Polizei verlangt, dann hat er in diesem Punkt zwar recht, aber das reicht bei Weitem nicht aus. Die direkte Prävention müssen die Sportverbände selber machen.

Inwiefern haben die Verbände bisher zu wenig Verantwortung übernommen?
Lange Zeit wurde das Thema totgeschwiegen. Declan Hill hat sein Buch »Gekaufte Spiele« 2008 in mehreren Ländern zugleich herausgebracht. Die Reaktionen waren: »Völlig übertrieben. So kann man das doch gar nicht sagen.« So ähnlich wie es jahrelang beim Thema Doping war. Der Radsport hat ja noch vor zwei, drei Jahren gesagt: »Ach, schade, schon wieder ein schwarzes Schaf.« Und hat gar nicht gemerkt, dass er dringend anfangen müsste, die weißen Schafe zu suchen, wenn denn überhaupt noch eines da ist. Genau dieselbe Haltung gab es auch beim Thema Matchfixing.

Wie sollen Verbände bei konkreten Verdachtsfällen reagieren? Abwarten, bis Ermittlungen und Verfahren abgeschlossen sind oder doch viel früher sanktionieren? Im ersten Fall vergehen Jahre, im zweiten besteht die Gefahr, dass die Rechte der Beschuldigten nicht berücksichtigt werden.
Das ist eine schwierige Frage. Es ist wünschenswert, dass die verbandsrechtliche Seite möglichst früh eingreift. Sie kann ja auch schneller reagieren. Das darf aber nicht dazu führen, dass wichtige rechtsstaatliche Grundsätze verletzt werden. Die Verbände brauchen intern ein klares Regelwerk. Dazu gehört nicht nur: Was ist erlaubt, was ist verboten, was muss gemacht werden? Sie brauchen auch unabhängige Gremien, die für das disziplinarrechtliche Vorgehen zuständig sind und die dann objektiv in einem rechtsstaatlich fairen Verfahren Strafen aussprechen. Man kann zum Beispiel auch Meldepflichten für jede Manipulationsanfrage einführen. Wer die verletzt, der hat sich dann zwar nicht strafbar gemacht, aber er hat gegen Verbandsrecht verstoßen und muss mit Folgen rechnen.

Inzwischen wird also wenigstens über das Thema geredet, aber es passiert weiterhin nicht genug?
Ja, die Verbände erkennen inzwischen, dass sie auch etwas tun müssen, statt nur zu sagen: »Die Polizei macht die Arbeit.« Jedenfalls auf den oberen Ebenen und in einzelnen Ländern, aber noch lange nicht überall. Zur Korruption gehören immer mindestens zwei. Einer zahlt das Bestechungsgeld und einer nimmt es entgegen. Ein Spiel kann niemals manipuliert werden, ohne dass jemand aus dem Sport mitmacht Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre. Und da liegt die Verantwortung der Vereine und Verbände. Was jetzt dringend ansteht, ist dass Schulungsmaterialien entwickelt werden, um auf breiter Eben Informationen weiterzugeben in den Teams, bei den Offiziellen, bei den Schiedsrichtern: Wo liegen die Risiken? Wie wird man angesprochen? Wie kann man reinrutschen in eine solche Situation? Wie kann man sich dann schützen? An wen kann man sich wenden?

Wie gut funktionieren Hotlines und Hinweisgebersysteme allgemein?
Sie sind sehr wichtig, weil generell im Bereich von Wirtschaftskriminalität, Korruption und damit auch Matchfixing die meisten Fälle durch Hinweise aufgedeckt werden. Deshalb muss man Personen unterstützen, die etwas beobachten oder selber angesprochen werden. Man muss diese Hinweisgeber ermutigen und im Einzelfall auch schützen. In Deutschland hat die Liga in ihrem gemeinsamen Projekt mit Transparency schon im Mai 2011 einen Ombudsmann eingesetzt. An den kann man sich zunächst anonym wenden. Er ist rund um die Uhr per Mail oder Telefon erreichbar. Dort kann man Hinweise geben, der Ombudsmann prüft dann, ob etwas dran ist. Er holt sich weitere Informationen und leitet gegebenenfalls Untersuchungen ein. So ein System hat auch einen Abschreckungseffekt, weil Kriminelle von außen damit rechnen müssen, dass ein angesprochener Spieler den Ombudsmann anruft. Sie müssen also sehr viel vorsichtiger sein, bevor sie jemanden ansprechen. Für die betroffenen Athleten oder Schiedsrichter kann der Ombudsmann sehr hilfreich sein, weil sie sich vielleicht nicht trauen, den Trainer oder Vorsitzenden zu informieren, denn der könnte ja selbst involviert sein.

Wie sind die Erfahrungen mit dem Projekt »Gemeinsam gegen Spielmanipulation« von DFL und DFB mit Unterstützung von Transparency Deutschland?
Wir haben in Deutschland drei Pilotworkshops gemacht und 2012 Materialien entwickelt. In einem von der EU geförderten Projekt, bei dem DFL und die Europäischen Professionellen Fußball-Ligen Co-Finanziers sind, in mindestens fünf weiteren Ländern Litauen, Portugal, Italien, Griechenland und Großbritannien werden diese Erfahrungen jetzt für die europäische Ebene nutzbar gemacht. In Schulungen wird über Spielsucht, Regelungen zu Manipulationen, drohende Gefahrensituationen und dergleichen informiert. Eine kurze Info zum Ombudsmann hängt inzwischen auch in jeder Kabine der Bundesligisten aus, die Broschüren sind breit verteilt worden, ein e-learning-Programm steht kurz vor der Fertigstellung. Nach und nach soll bei jedem Bundesligisten ein Verantwortlicher in die Lage versetzt werden, selber Workshops abzuhalten. Zentral kann das nicht geleistet werden, dazu ist Fußball in Deutschland viel zu groß. Wir versuchen, ein Schneeballsystem aufzubauen.

Was müsste sonst noch passieren? Wäre eine Antimanipulationsagentur sinnvoll?
Manche fordern das. Ich weiß nur nicht, was so eine Agentur machen soll. Was an Praxisarbeit gemacht werden muss, entwickeln wir in dem EU-Projekt gerade. Es geht nicht nur um Manipulation bei Sportwetten, sondern auch um Manipulationen aus sportlichen Gründen. Es ist eben auch gegen den Geist des Sports, einem Team zu sagen, dass es absichtlich verlieren soll, um dem Nachbarverein einen Gefallen zu tun. Das darf nicht akzeptiert werden, weil man sonst eine Mentalität züchtet, die Spielmanipulationen nicht so ernst nimmt und sich dann auch nicht wehrt, wenn Sportwetten als Grund dahinter stecken.

Zur Person
Sylvia Schenk (60), Olympiateilnehmerin 1972 im 800-Meter-Lauf, ist Sportbeauftragte der Nichtregierungsorganisation Transparency International (TI). 2007 bis 2010 war die Juristin Vorstandsvorsitzende von TI Deutschland.
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